VW/MAN Volkswagen greift durch

Volkswagen bestätigt jetzt, den MAN-Vorstand umbauen zu wollen. Im heute vorgelegten Pflichtangebot an die MAN-Aktionäre finden sich außerdem Beruhigungspillen für die Mitarbeiter, Gewinnversprechen für die Aktionäre und wenig Erfreuliches für die Freunde guter Unternehmensführung.
Von Cornelia Knust
Wird "neu bewertet": MAN-Chef Pachta-Reyhofen

Wird "neu bewertet": MAN-Chef Pachta-Reyhofen

Foto: Andreas Gebert/ picture alliance / dpa

Hamburg - Auf Seite 25 des Pflichtangebots steht es schwarz auf weiß. Der Aufsichtsrat in seiner neuen, bald auf der Kapitalseite klar von Volkswagen beherrschten Besetzung soll die Besetzung des MAN-Vorstands neu bewerten und eine Verstärkung ins Auge fassen, insbesondere was die Themen Beschaffung und den Ausbau des Geschäfts betrifft. Die gestern kursierende Spekulation, der Audi-Vorstand Ulf Berkenhagen werde bald in den MAN-Vorstand einziehen, findet damit eine indirekte Bestätigung.

Volkswagen hat das offizielle Pflichtangebot heute veröffentlicht, nachdem es von der deutschen Aufsichtsbehörde für den Kapitalmarkt Bafin genehmigt worden war. Wie am 9. Mai angekündigt bietet VW den Aktionären von MAN  unverändert 95 Euro je Stammaktie und 59,90 Euro je Vorzugsaktie. Dies entspreche dem Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate und sei deshalb angemessen, schreibt Volkswagen  in dem Angebot, das bis zum 29. Juni läuft und erst dann vollzogen wird.

Auch wer verkauft, was wegen des höheren Börsenkurses wohl nur wenige tun werden, erhält noch die 2 Euro Dividende für 2010.

VW kann weitere Aktien über den Markt kaufen

Zur MAN-Hauptversammlung am 27. Juni ist die Angebotsfrist noch nicht abgelaufen. Die genaue künftige Beteiligungshöhe der VW AG an MAN steht dann also noch nicht fest. Allerdings behält sich VW laut Pflichtangebot vor, während der Annahmefrist weitere MAN-Aktien am Markt zuzukaufen; dies müsste dann im Bundesanzeiger veröffentlicht werden. Damit könnte VW die nötige Hauptversammlungsmehrheit von um die 35 Prozent erreichen.

Obwohl VW zur Hauptversammlung kein Mehrheitseigentümer von MAN sein wird und die kartellrechtliche Genehmigung einer Fusion noch nicht einmal beantragt sein wird, will VW die faktische Beherrschung des Nutzfahrzeug- und Motorenherstellers rasch durchsetzen. In der von MAN selbst herausgegeben Einladung zur Hauptversammlung wird die Wahl von fünf VW-Vertreten auf der achtköpfigen Kapitalseite vorgeschlagen.

Auf der ersten Aufsichtsratssitzung des neu gewählten Gremiums könnte dann die Neubesetzung des MAN-Vorstands erfolgen - falls die Arbeitnehmerseite mitspielt. Fraglich ist, ob MAN-Vorstandssprecher Georg Pachta-Reyhofen in dieser Konstellation bei MAN noch eine Zukunft hat.

Eine Stellungnahme des Vorstands zu dem Pflichtangebot muss innerhalb der nächsten zwei Wochen erfolgen; am 9. Mai hatte er in etwas dürren Worten mitgeteilt, er teile die Ansicht über die industrielle Logik des Zusammengehens und werde das Angebot prüfen.

Piëch beruhigt die MAN-Beschäftigten

Das Wohlwollen der Arbeitnehmer hat sich Ferdinand Piëch, gleichzeitig Aufsichtsratschef von VW und MAN, schon mit diversen Bestandsgarantien erworben. Diese werden in dem Pflichtangebot sogar klar formuliert: VW habe keine Absichten, MAN zu veranlassen, sich von Teilaktivitäten des MAN-Konzerns zu trennen. Weiter gebe es keinen Personalabbau, keine Sitzverlegung, keinen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag, kein Herausdrängen des Streubesitzes (Squeeze out), keinen Abschied von der Börse (Delisting).

Die freien Aktionäre, die sich von Volkswagens Machtübernahme etwas überrumpelt fühlen dürften, will man offenbar mit der Aussicht ködern, die angekündigten Synergieffekte aus der Fusion würden den Wert der MAN SE und damit den Aktienkurs steigen lassen. Auf 200 Millionen Euro werden allein die kurzfristigen Effekte aus dem gemeinsamen Einkauf mit dem VW-Konzern beziffert, zu dem auch der schwedische Lastwagenhersteller Scania gehört.

Dass VW mit dem ruppigen Übernahmemanöver wichtige Regeln der guten Unternehmensführung (Corporate Governance) verletzt, ist da vielleicht zu verschmerzen, meint ein Insider.

Kein Vollzugsverbot

Auch mit Blick auf die Wettbewerbsaufsicht sieht Volkswagen  keine Probleme beim Zugriff auf MAN: Es bestehe kein Vollzugsverbot, solange die VW AG als Bieterin ihre Stimmrechte nicht ausübt oder nur zum Erhalt ihres Investments, heißt es im Pflichtangebot.

Bei EU-Wettbewerbsbehörde wird VW die Übernahme am 4. Juli 2011 anmelden. Innerhalb von 25 Tagen muss die Behörde Stellung nehmen, sonst gilt die Übernahme als genehmigt. In der Vielzahl anderer Länder, in denen MAN aktiv ist, kann sich das Verfahren aber länger hinziehen. So rechnet VW laut Pflichtangebot bis spätestens Ende Februar 2012 mit der gesamten fusionsrechtlichen Freigabe und bis Ende 2011 mit der banken- und versicherungsrechtlichen Freigabe.

Einen kleinen Wermutstropfen schenkt Volkswagen den MAN-Aktionären noch ein. Der Streit mit dem arabischen Staatsfonds IPIC über die Anteile an der MAN-Tochter Ferrostaal berge ein "nicht unwesentliches Risiko wesentlicher finanzieller Belastungen". Vielleicht ziehen es so gesehen doch einige MAN-Aktionäre vor, an der großen Zukunft von Piëch integriertem Nutzfahrzeugkonzern nicht teilzunehmen.

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