Montag, 6. April 2020

Autohersteller Fiat zockt mit Chrysler um die Zukunft

Fiat-Logo: Der Konzern steht nach dem Zusammenschluss mit Chrysler auf wackligen Beinen
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Fiat-Logo: Der Konzern steht nach dem Zusammenschluss mit Chrysler auf wackligen Beinen

Fiat-Chef Marchionne legt bei der Übernahme von Chrysler einen Zahn zu. Die Schulden bei der US-Regierung hat Chrysler getilgt, nun peitscht Marchionne den US-Autohersteller an die Börse. Das dürfte der Fiat-Aktie gut tun - doch die Fusion von zwei kriselnden Autoherstellern birgt hohe Risiken.

Hamburg - Bei der Verkündung dieser Nachricht gab es auf den ersten Blick nur Gewinner: US-Präsident Barack Obama sprach von einem "Meilenstein" für Chrysler. Sergio Marchionne, der Chrysler und Fiat in Personalunion führt, dankte für die "seltene zweite Chance", die der amerikanische Autohersteller durch die Staatshilfe der US-Regierung bekommen habe.

Der Anlass für die salbungsvollen Worte war für beide Seiten erfreulich. Chrysler hat vor wenigen Tagen 7,6 Milliarden Dollar an Staatshilfen an die USA und Kanada zurückgezahlt - sechs Jahre früher als geplant. Gleichzeitig hat der italienische Autokonzern Fiat, den Marchionne seit 2004 führt, seinen Anteil an Chrysler von 30 auf 46 Prozent erhöht. In diesem Jahr, so hat Fiat kürzlich erklärt, wollen die Italiener bei Chrysler noch auf 57 Prozent aufstocken. Bis zu 70 Prozent der Chrysler-Anteile will sich Fiat insgesamt einverleiben.

Mit dem italienisch-amerikanischen Autohersteller-Verbund hat Marchionne Großes vor. Ab 2014 sollen Fiat und Chrysler gemeinsam knapp sechs Millionen Autos jährlich herstellen. Mit Modellen aus dem Chrysler-Fundus will Fiat auch in Europa wieder Boden gut machen. Ein Börsengang von Chrysler Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres soll bis zu 12 Milliarden Dollar in die Kassen spülen. In die italienischen Autofabriken will Fiat ebenso Geld stecken wie in die Entwicklung neuer Modelle. Aus zwei schwachbrüstigen, eher regional bedeutsamen Autoherstellern will Marchionne einen globalen Autokonzern schmieden.

Die Pläne klingen überzeugend, wenn Marchionne sie vorträgt. Doch in vielen Punkten geht der Fiat-Chef eine riskante Wette auf die Zukunft seines Unternehmens ein - mit ungewissem Ausgang. "Marchionne hat aus wenig eine Menge gemacht. Das ist eine große Leistung", sagt Jürgen Pieper, Autoanalyst der Privatbank Metzler. "Doch am Ende des Tages wird das kein sehr leistungsfähiges Unternehmen sein."

Sanierung mit raffinierten Finanzdeals

Eines geben aber selbst Marchionnes Kritiker zu: Der stets in Pullover gekleidete Manager versteht mehr von Unternehmensfinanzen als die meisten seiner Konkurrenten. Mit gewagten Finanztransaktionen hat es Marchionne geschafft, einem am Boden liegenden Konzern wieder neues Leben einzuhauchen. Als er 2004 den Vorstandsvorsitz bei Fiat übernahm, lästerte die Branche über den Höllenjob, den sich der ausgebildete Anwalt und Wirtschaftsprüfer da angetan hatte.

Doch Marchionne handelte schnell und entschlossen. Er senkte die Kosten, sparte kräftig in den Fabriken. Doch vor allem brachte er Fiats Finanzen auf Vordermann. Zuerst ließ er den US-Autoriesen General Motors 1,55 Milliarden Euro dafür bezahlen, dass Fiat die Option verfallen ließ, einen Großteil der eigenen Aktien an GM zu verkaufen. Danach überzeugte er italienische Banken davon, Wandelanleihen über 3 Milliarden Euro in Fiat-Aktien zu tauschen. Seinen größten Deal lieferte er Anfang dieses Jahres: Da spaltete er den Konzern in eine Industriesparte und eine Autogruppe - und verdoppelte damit beinahe deren Wert. Vor der Ankündigung der Spaltung im Mai 2010 war Fiat an der Börse 10,7 Milliarden Euro wert, Nun haben beide Teile eine Marktkapitalisierung von zusammen 20 Milliarden Euro.

Den aufsehenerregendsten Deal machte er aber mit seinem Einstieg bei Chrysler im Jahr 2009. Der gelang Fiat quasi zum Nulltarif: Für die ersten 30 Prozent zahlten die Italiener keinen Cent Bargeld - sie mussten nur Fiat-Motoren zur Verfügung stellen. Erst jetzt hat der Konzern für die Aufstockung seines Anteils auf 46 Prozent erstmals Geld in die Hand genommen: 1,3 Milliarden Dollar hat Fiat dafür bezahlt. Zum Vergleich: Daimler ließ sich die Chrysler-Fusion 36 Milliarden Euro kosten.

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