Autohersteller Fiat zockt mit Chrysler um die Zukunft

Fiat-Chef Marchionne legt bei der Übernahme von Chrysler einen Zahn zu. Die Schulden bei der US-Regierung hat Chrysler getilgt, nun peitscht Marchionne den US-Autohersteller an die Börse. Das dürfte der Fiat-Aktie gut tun - doch die Fusion von zwei kriselnden Autoherstellern birgt hohe Risiken.
Fiat-Logo: Der Konzern steht nach dem Zusammenschluss mit Chrysler auf wackligen Beinen

Fiat-Logo: Der Konzern steht nach dem Zusammenschluss mit Chrysler auf wackligen Beinen

Foto: Frederick M. Brown/ Getty Images

Hamburg - Bei der Verkündung dieser Nachricht gab es auf den ersten Blick nur Gewinner: US-Präsident Barack Obama sprach von einem "Meilenstein" für Chrysler. Sergio Marchionne, der Chrysler und Fiat in Personalunion führt, dankte für die "seltene zweite Chance", die der amerikanische Autohersteller durch die Staatshilfe der US-Regierung bekommen habe.

Der Anlass für die salbungsvollen Worte war für beide Seiten erfreulich. Chrysler hat vor wenigen Tagen 7,6 Milliarden Dollar an Staatshilfen an die USA und Kanada zurückgezahlt - sechs Jahre früher als geplant. Gleichzeitig hat der italienische Autokonzern Fiat, den Marchionne seit 2004 führt, seinen Anteil an Chrysler von 30 auf 46 Prozent erhöht. In diesem Jahr, so hat Fiat kürzlich erklärt, wollen die Italiener bei Chrysler noch auf 57 Prozent aufstocken. Bis zu 70 Prozent der Chrysler-Anteile will sich Fiat insgesamt einverleiben.

Mit dem italienisch-amerikanischen Autohersteller-Verbund hat Marchionne Großes vor. Ab 2014 sollen Fiat und Chrysler gemeinsam knapp sechs Millionen Autos jährlich herstellen. Mit Modellen aus dem Chrysler-Fundus will Fiat auch in Europa wieder Boden gut machen. Ein Börsengang von Chrysler Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres soll bis zu 12 Milliarden Dollar in die Kassen spülen. In die italienischen Autofabriken will Fiat ebenso Geld stecken wie in die Entwicklung neuer Modelle. Aus zwei schwachbrüstigen, eher regional bedeutsamen Autoherstellern will Marchionne einen globalen Autokonzern schmieden.

Die Pläne klingen überzeugend, wenn Marchionne sie vorträgt. Doch in vielen Punkten geht der Fiat-Chef eine riskante Wette auf die Zukunft seines Unternehmens ein - mit ungewissem Ausgang. "Marchionne hat aus wenig eine Menge gemacht. Das ist eine große Leistung", sagt Jürgen Pieper, Autoanalyst der Privatbank Metzler. "Doch am Ende des Tages wird das kein sehr leistungsfähiges Unternehmen sein."

Sanierung mit raffinierten Finanzdeals

Eines geben aber selbst Marchionnes Kritiker zu: Der stets in Pullover gekleidete Manager versteht mehr von Unternehmensfinanzen als die meisten seiner Konkurrenten. Mit gewagten Finanztransaktionen hat es Marchionne geschafft, einem am Boden liegenden Konzern wieder neues Leben einzuhauchen. Als er 2004 den Vorstandsvorsitz bei Fiat übernahm, lästerte die Branche über den Höllenjob, den sich der ausgebildete Anwalt und Wirtschaftsprüfer da angetan hatte.

Doch Marchionne handelte schnell und entschlossen. Er senkte die Kosten, sparte kräftig in den Fabriken. Doch vor allem brachte er Fiats Finanzen auf Vordermann. Zuerst ließ er den US-Autoriesen General Motors 1,55 Milliarden Euro dafür bezahlen, dass Fiat die Option verfallen ließ, einen Großteil der eigenen Aktien an GM zu verkaufen. Danach überzeugte er italienische Banken davon, Wandelanleihen über 3 Milliarden Euro in Fiat-Aktien zu tauschen. Seinen größten Deal lieferte er Anfang dieses Jahres: Da spaltete er den Konzern in eine Industriesparte und eine Autogruppe - und verdoppelte damit beinahe deren Wert. Vor der Ankündigung der Spaltung im Mai 2010 war Fiat an der Börse 10,7 Milliarden Euro wert, Nun haben beide Teile eine Marktkapitalisierung von zusammen 20 Milliarden Euro.

Den aufsehenerregendsten Deal machte er aber mit seinem Einstieg bei Chrysler im Jahr 2009. Der gelang Fiat quasi zum Nulltarif: Für die ersten 30 Prozent zahlten die Italiener keinen Cent Bargeld - sie mussten nur Fiat-Motoren zur Verfügung stellen. Erst jetzt hat der Konzern für die Aufstockung seines Anteils auf 46 Prozent erstmals Geld in die Hand genommen: 1,3 Milliarden Dollar hat Fiat dafür bezahlt. Zum Vergleich: Daimler ließ sich die Chrysler-Fusion 36 Milliarden Euro kosten.

Chrysler-Absatz steigt - dank Konjunkturerholung

Nun steht für den künftigen Fiat-Chrysler-Verbund der nächste große Finanzdeal an. Berichten zufolge soll Chrysler möglichst rasch an die Wall Street zurückkehren. Spätestens Anfang 2012 soll Chrysler wieder Börsenluft schnuppern. Doch viele Experten rechnen damit, dass der Börsengang noch in diesem Jahr über die Bühne gehen könnte. Das Timing dafür, meint Pieper, ist gut. Der US-Automarkt befindet sich wieder im Aufwind, und die USA erholen sich meist deutlich schneller als Europa. Zudem hat General Motors (GM) vergangenen November vorexerziert, wie eine erfolgreiche Rückkehr an die Börse aussehen kann.

Doch der Plan hat einen kleinen Haken: Chrysler hinkt der Konkurrenz in den USA noch immer hinterher. Zwar hat der Detroiter Autobauer im ersten Quartal schwarze Zahlen geschrieben, doch die US-Konkurrenten GM und Ford glänzen längst mit Milliardengewinnen. Vom allgemeinen Aufschwung profitiert zwar auch der kleinste der "Detroit Three". Doch bei einem möglichen Abschwung schreibt Chrysler wohl als erster der drei wieder Verluste.

Immerhin geht es jetzt bei Chrysler in den USA deutlich aufwärts. In den ersten vier Monaten dieses Jahres konnte Chrysler in seinem Heimatmarkt seinen Marktanteil auf 9,55 Prozent erhöhen, zeigen die Zahlen des Automarktbeobachters Jato Dynamics. Im Gesamtjahr 2010 lag Chrysler noch bei 9,36 Prozent. Am deutlichsten sind die Zuwächse bei Chryslers SUV-Marke Jeep, auch die Mittelklasse-Marke Dodge legte von Januar bis April spürbar zu.

Vieles von diesem Aufschwung ist aber der Konjunkturbelebung in den USA zu verdanken, meint Autoanalyst Pieper. Generell kommen amerikanische Unternehmen in Aufschwungphasen viel rascher wieder auf die Füße als die Europäer. In schlechten Zeiten reagieren US-Firmen dafür wesentlich schneller mit massiven Kostensenkungen. Stärkere Schwankungen sind damit vorprogrammiert. Das nimmt Fiat in Kauf, sagt Pieper. Der Fiat-Chef habe eine andere Art des Managementstils als die deutschen Autohersteller. Bei Volkswagen, Daimler oder BMW gehe es vor allem um Kontinuität. Doch Marchionne "macht es nichts aus, ein Unternehmen zu haben, das sehr zyklisch ist."

Fiats Marktanteil sinkt

Während Chrysler zulegt, läuft es bei Fiat zurzeit längst nicht so rund, wie Marchionne gerne glauben machen will. Der Marktanteil der Italiener in 27 europäischen Ländern ist in letzter Zeit gesunken, wie die Statistiken von Jato zeigen. Im Jahr 2010 hatte Fiat europaweit noch einen Marktanteil von 7,58 Prozent, in den ersten vier Monaten dieses Jahres sank er auf 7,15 Prozent. Gerade die Kernmarke Fiat ist von 6 Prozent Marktanteil auf 5,3 Prozent zurückgefallen. Nur Fiats Sportwagenmarke Alfa Romeo hat europaweit in den ersten vier Monaten um 0,3 Prozent zugelegt.

In Deutschland hält Fiat in den ersten vier Monaten bei einem Marktanteil von 3,06 Prozent, Im Jahr 2008 waren es noch 3,28 Prozent. Doch zwischen 2003 und 2007 lag Fiats Marktanteil teils deutlich unter 3 Prozent. In Fiats Kernmarkt Italien ist der Marktanteil zuletzt auf 28,8 Prozent gefallen, der schlechteste Wert seit 2006.

In den nächsten Monaten wird sich das kaum ändern. Denn bahnbrechende Neuerungen in seiner Modellpalette kann Fiat nicht vorweisen. Im vergangenen Jahr hat Alfa mit dem Kompaktwagen Giulietta zu punkten versucht. In diesem Jahr hat Fiat auf dem Genfer Autosalon den Geländewagen Freemont vorgestellt, der auf dem Dodge Journey basiert. Ab September werden die Chrysler-Modelle 300C und der Minivan Grand Voyager leicht modifiziert unter der Marke Lancia verkauft.

Als einzig echte Neuentwicklung hat Fiat in diesem Jahr den Nobel-Kleinwagen Ypsilon vorzuweisen, der rundum erneuert seit dem Frühjahr bei den Händlern steht. Marchionnes begründete seine Zurückhaltung vor kurzem in der Neuen Zürcher Zeitung. Nach dem Wegfallen der Verschrottungsprämien sei klar gewesen, dass der Markt für Kleinwagen einbrechen werde, meinte er in einem Interview. In so einem Moment neue Autos vorzustellen, sei "Selbstmord", meinte er. Erst nächstes Jahr werde es wieder aufwärts gehen, prognostizierte Marchionne.

Deshalb ist bei Fiat ein größerer Schwung an echten Neuentwicklungen ist erst für 2012 und 2013 geplant. Dazu zählt etwa die Neuauflage von Fiats Kleinwagenklassiker Panda, der noch in diesem Jahr präsentiert wird. Doch Fiat spart weiterhin eisern bei dem wichtigsten Zukunftsthema der Autobranche, der Entwicklung von Elektrofahrzeugen. Hier hat Fiat bis auf eine Elektroauto-Version des Fiat 500 bisher nichts vorzuweisen.

Fiat ist trotz sparsamer Motoren wenig innovationsstark

Punkten kann Fiat mit seinen Motoren. Der Konzern hat einiges Geld in die Entwicklung sparsamer Aggregate mit der Bezeichnung Twinair investiert. Da Fiat vor allem Kleinwagen verkauft, sind die gewichteten CO2-Emissionen der Fiat-Flotte sehr gering. Mit einem Flottenverbrauchs-Wert von 127,8 Gramm CO2 pro Kilometerliegt Fiat als einziger europäischer Autohersteller unterhalb des Grenzwerts von 130 Gramm, den die EU ab 2012 vorschreibt.

"Nur bei den Kleinwagen ist Fiat in einer wirklich guten Position", urteilt der italienische Autoexperte Giuseppe Berta. "In den wichtigen Mittelklasse-Segmenten hat Fiat aber keine guten Produkte zu bieten." Auch bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung ist Fiat nicht vorne dabei, zeigt eine Untersuchung des Center of Automotive Management der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Unter 20 untersuchten Autokonzernen liegt Fiat im Vergleich der Innovationsstärke an 11. Position. "Da wird zwar investiert, aber Fiat ist nicht gerade der Big Spender", sagt Institutsleiter Stefan Bratzel.

Immerhin sieht er aber eine deutliche Verbesserung zu der Zeit, bevor Marchionne das Ruder übernahm. Doch bei einer wichtigen Finanzkennzahl, der Ebit-Marge, schneidet Fiat unterdurchschnittlich ab. 3,6 Prozent betrug die Marge im Jahr 2010, der Durchschnitt der europäischen Autohersteller lag bei 5 Prozent. Für sprudelnde Gewinne sorgen bei Fiat einzig die Luxusmarken Ferrari und Maserati, die mit zweistelligen Umsatzrenditen glänzen. In China und Indien ist Fiat praktisch nicht präsent, in Brasilien erzielt der Autohersteller gute Gewinne.

Zusammenschluss birgt hohe Risiken

Bislang hat Marchionne versucht, den Zusammenschluss mit minimalem Geldaufwand hinzubekommen. Gerade mal 1,1 Milliarden Dollar hat er in die Aufhübschung der alternden Chrysler-Flotte gesteckt. Das reicht für einen schöneren Innenraum oder bessere Federungen - doch echte Neuentwicklungen konnte Chrysler damit bisher nicht stemmen.

Dennoch meinen Marktbeobachter, dass Fiat die Fusion mit Chrysler schaffen kann und sogar davon profitiert. Zum einen ergänzt sich die Modellpalette. Fiat ist auf Kleinwagen spezialisiert, Chrysler auf größere Fahrzeuge. Zum anderen bringt Marchionne für den schwierigen Zusammenschluss der beiden Automarken eine wichtige Voraussetzung mit: Er kennt den nordamerikanischen Automarkt aus eigener Erfahrung. Als er 14 Jahre alt war, wanderte seine Familie von Italien nach Nordamerika aus. Marchionne hat in Kanada studiert und in den USA gearbeitet. "Er denkt transatlantisch und macht ein paar Fehler nicht, die andere Europäer machen können. Seine Entscheidungen sind gut ausbalanciert", lobt Nick Margetts vom Marktbeobachter Jato Dynamics.

Die Risiken des Zusammenschlusses bleiben aber hoch. Zwar wird die Fiat-Aktie aller Voraussicht nach von einem Chrysler-Börsengang profitieren, meinen Branchenbeobachter. Doch bereits jetzt ist Fiat nicht gerade ein Schnäppchen, sagt Analyst Erich Hauser von Credit Suisse. Das zeigt etwa ein Vergleich des Kurs-Gewinn-Verhältnisses hochgerechnet auf 2012. Bei General Motors beträgt es 6,1, bei Ford 7,2, Fiat ist laut Hausers Angaben mit einem KGV von 8,1 am teuersten.

Zukunft als Anbieter mittlerer Qualität

Chrysler hat soeben eine Unternehmensanleihe mit saftigen 8 Prozent Zinsen begeben, was nicht gerade für das Vertrauen der Investoren in den US-Autohersteller spricht. Die General-Motors-Aktie hat seit dem Börsengang im November 2010 etwas mehr 10 Prozent verloren und hält nun bei knapp über 31 Dollar - und das trotz eines günstigen Börsenumfelds.

Fiat hat nun für 16 Prozent an Chrysler 1,268 Milliarden Dollar bezahlt - das ergibt rechnerisch eine Marktkapitalisierung von 8 Milliarden Dollar für Chrysler und ist weit von den angepeilten 12 Milliarden Dollar entfernt, die Marchionne anstrebt. Zudem wollen Investoren mehr Positives sehen als gerade mal ein Quartal mit schwarzen Zahlen. "Die Geschwindigkeit, mit der man Chrysler auf den Markt bringen kann, ist nicht wahnsinnig hoch", argumentiert Hauser.

Fiat-Aktien seien ein Investment, das mit höheren Risiken verbunden sei als der Rest des Sektors, meint Hauser deshalb. Je näher der Börsengang von Chrysler komme, desto mehr Positives werde man über den US-Autobauer lesen, ist ein Insider überzeugt. Da werde dann von Synergieeffekten und einem Produktionsvolumen von sechs Millionen Fahrzeugen jährlich die Rede sein, obwohl es am Ende vielleicht nur fünf Millionen sein werden. "Vieles davon wird niemals aufgehen", warnt er.

Marchionne bleibt keine Wahl

Dennoch hat Marchionne keine andere Wahl. Denn alleine ist Fiat zu klein, um gegen aggressive Konkurrenten wie Hyundai, Volkswagen oder Ford bestehen zu können. Mit den Investitionen der Großen kann der Fiat-Chrysler-Verbund kaum mithalten. Die Gruppe steuert deshalb auf eine Zukunft als Anbieter von Autos mittlerer Qualität zu. Das werde sich in einer höheren Volatilität der Aktie niederschlagen, meint ein Branchenkenner.

Das Geld, das Chrysler mit dem Börsengang einnehme, werde schnell verbraucht sein. Denn Chrysler sei so rückständig, dass ein Großteil des Geldes in den Abbau der Schulden und erst dann in die Entwicklung neuer Produkte fließen werde. Der US-Autobauer werde also auch in Zukunft auf tönernen Füßen stehen.

Marchionne hat aber auch ein persönliches Interesse daran, den Preis der Fiat-Aktie mit dem Chrysler-Börsengang in die Höhe zu treiben. Er besitzt insgesamt 15 Millionen Optionen auf die Fiat-Aktie. Für kurzfristige Spekulationen ist die Fiat-Aktie also durchaus einen Blick wert. Ob Marchionnes Rechnung hingegen langfristig aufgeht, steht noch in den Sternen.

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