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VW startet Toyota Fighter: Schrille Kritik zur US-Werkseröffnung

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Werkseröffnung VW startet den "Toyota-Fighter"

Volkswagen eröffnet heute sein neues US-Werk. Vom Band läuft der US-Passat, kernig "Toyota Fighter" getauft. Doch neben Jubel macht sich Unmut breit. VW nutze das niedrige amerikanische Lohnniveau zu rigide, wie auch andere deutsche Unternehmen in ihren US-Werken. Der Vorwurf: Die neuen "Slum-Lords" in Amerika kämen aus Deutschland.
Von Markus Gärtner

Chattanooga, Tennessee - Volkswagen  produziert ab heute offiziell wieder Autos in den USA. Die Pause dauerte 23 Jahre. Die neue Fabrik in Chattanooga, Tennessee, die an diesem Dienstag feierlich eröffnet wird, fährt seit Jahresbeginn die Produktion des neuen Passat hoch. Er wurde eigens auf die Bedürfnisse amerikanischer Kunden zugeschnitten und gilt als Schlüsselprodukt für eine insgesamt vier Milliarden Dollar teure Attacke von Volkswagen auf den US-Markt - und damit auf die globale Führungsposition von Toyota .

Der japanische Weltmarktführer ist nach einem Rückrufdesaster im vergangenen Jahr sowie nach herben Produktionseinbrüchen infolge des schweren Erdbebens im März angeschlagen. Volkswagen will den Absatz des Konzerns in den USA laut Vorstandschef Martin Winterkorn bis 2018 verdreifachen und den Verkauf auf eine Million Fahrzeuge steigern. Analysten in Amerika nennen den " All-New Passat" daher kernig "Toyota Fighter". Das Fahrzeug wird derzeit an die Händler ausgeliefert und soll nach der Sommerpause verkauft werden. Die Parole für den Angriff lautet schlicht: Deutsche Technik, made in den USA, mit maßgeschneiderten Produkten für US-Konsumenten.

Volkswagen schließt in Chattanooga den Bau seiner angeblich weltweit effizientesten Fabrik ab. Vorerst, denn das riesige Grundstück bietet Platz für mindestens eine Verdoppelung der Kapazität. Dass der Autobauer aus Deutschland mit seinem Kraftakt - die Fabrik kostete eine Milliarde Dollar - bei 9 Prozent Arbeitslosigkeit im Land 2000 direkte und 10.000 indirekte Jobs schafft, wird vor Ort in Tennessee wohlwollend registriert. Kein Wunder, dass der US-Chef bei Volkswagen, Jonathan Browning, 2011 als "das vielleicht wichtigste Jahr für VW in den USA" bezeichnet. Für den US-Absatz peilt der Konzern ein Plus von 20 Prozent an.

Das Timing für den Start der neuen Fabrik gilt als gut und kritisch. Zum Auftakt der Serienproduktion in Chattanooga beginnt der US-Automarkt eine Erholung. Die Marktforscher bei J.D. Power hoben Ende Januar ihre Verkaufsprognose für das laufende Jahr auf fast 13 Millionen Fahrzeuge an. "Der Optimismus in der Branche nimmt dank des besseren Ausblicks für die Konjunktur zu", begründet der Prognosechef bei J.D. Power, Jeff Schuster, den optimistischen Ausblick. Diese Euphorie erhielt in den vergangenen Wochen allerdings einen kleinen Dämpfer. Nicht nur, weil sich die Konjunkturerholung in den USA derzeit etwas abschwächt. Sondern auch, weil im April stockende Lieferungen von Autoteilen aus Japan die US-Werke ausbremsten. Die annualisierte Produktion ging in dem Monat von neun Millionen auf 7,9 Millionen Fahrzeuge zurück. Das trug zum ersten Rückgang der US-Industrieproduktion in zehn Monaten bei.

Volkswagen zahlt halb so viel wie die US-Konkurrenz

Volkswagen fühlt sich in seiner Entscheidung für den Produktionsbeginn in Amerika bestätigt. Die Entscheidung war im Juli 2008, nur weniger Monate vor Ausbruch der schweren Finanzkrise verkündet worden. "Weil Volkswagen smart genug war, die Pläne trotz der Großen Rezession durchzuziehen, profitieren sie jetzt von der Erholung", kommentiert Kimm Kill, Entwicklungsdirektor beim Center for Automotive Research in Ann Arbor, Michigan, den offiziellen Produktionsbeginn in Chattanooga.

Auch der schwache Dollar hilft den Wolfsburgern. Der Greenback hat in den vergangenen zwölf Monaten gegenüber sechs wichtigen Währungen im US-Dollar-Index 11 Prozent an Wert verloren. Gegenüber dem Euro hat er allein seit Jahresbeginn mehr als 5 Prozent eingebüßt. Das bestätigt die strategische Entscheidung von Volkswagen und anderen deutschen Autobauern, sich mit expandierender lokaler Fertigung in Amerika gegen Wechselkurskapriolen abzusichern.

"Die Verbesserung unserer Position auf dem US-Markt", verriet Browning im Februar bei einem Vortrag, "ist eine globale Toppriorität für Volkswagen". Warum, liegt auf der Hand: Während China vom Absatzvolumen her längst die Spitzenposition erreicht hat, gilt der US-Markt noch immer als der am härtesten umkämpfte der Welt. Wer sich hier behauptet, hat das Zeug zum Autoweltmeister. In Europa, China und Brasilien hat Volkswagen ja ohnehin schon eine Spitzenposition erobert.

Zum Produktionsbeginn in Chattanooga rechnen US-Finanzmedien ihren Lesern vor, welche Kostenvorteile VW mit der Produktion in Tennessee erlangt. Das "Wall Street Journal" verweist darauf, dass Volkswagen mit einem Stundenlohn von 27 Dollar (inklusive Zulagen) seinen neuen Beschäftigten nur halb so viel zahlt, wie die US-Konkurrenz in Detroit. Und das, obwohl diese während der Krise den Gewerkschaften schmerzhafte Zugeständnisse abverlangt hatte. Doch die brachten nicht viel. Zu den niedrigen Stundenlöhnen, die damals für Neueinsteiger am Fließband vereinbart worden waren, wollten laut dem "Wall Street Journal" nicht viele Arbeiter einsteigen, weshalb die US-Hersteller ihre Arbeitskosten nur begrenzt senken konnten.

Arbeitssklaven für Europa

Volkswagen wird bis 2014 zwar die Stundenlöhne auf 38 Dollar anheben. Doch selbst das wird zur Konkurrenz noch einen stattlichen Abstand erlauben, wie es beim Center for Automotive Research heißt. Volkswagen macht, wie viele andere europäische Firmen, von niedrigen Löhnen und einem geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrad im Süden der USA Gebrauch. Im Großraum um Atlanta, von dem das VW-Werk eine Autostunde entfernt ist, investieren und erweitern auch Wacker Chemie , Daimler , BMW  und ThyssenKrupp  für zusammengerechnet mehr als sechs Milliarden Dollar; die Gegend gilt längst als deutsches Tal in den USA.

Das hat ihnen zuletzt in der emotional aufgeladenen US-Debatte über wachsende Einkommensunterschiede und hartnäckig hohe Arbeitslosigkeit auch Kritik eingetragen. Diese gipfelte vorige Woche in einem Kommentar der "Los Angeles Times", die europäische, vor allem deutsche Firmen als die neuen "Slum-Lords" in Amerika anprangerte. Die Ver-Slummung der USA "wird in rasantem Tempo ein Businessmodell für einige der führenden Firmen aus Europa", meckerte die Zeitung, "und sie erlauben sich oft Dinge, über die sie zu Hause nicht einmal nachdenken würden".

In den Augen von BMW, Daimler, Volkswagen, Siemens  und Ikea seien die USA dank des billigen Südens "das neue China" geworden. Die Beziehungen zu Europa seien eine moderne Version dessen, was vor dem Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs 1860 zu beobachten gewesen sei. Damals hätten Sklaven in den Südstaaten britische Baumwollspinnereien mit billiger Rohware versorgt.

Breitseiten wie diese sind allerdings eher selten, weil europäische Firmen Tausende von Arbeitsplätzen in einer strukturschwachen Region schaffen, die ihnen aus Dank starke Anreize bei ihren Investitionen offeriert. Mehr noch: In den Augen respektierter Wirtschaftsforscher und Berater machen sich deutsche Investoren im Süden der USA derzeit zur Speerspitze einer "Renaissance des gewerblichen Sektors", wie Nobelpreisträger Paul Krugman am Wochenende in der "New York Times" bemerkte - und damit den Mythos der amerikanischen Deindustrialisierung als Panikmache entlarven.

Geringeres US-Handelsdefizit dank Europas Amerika-Investitionen

Der industrielle Sektor ist laut Krugman im Gegenteil einer der wenigen Lichtblicke "in einer ansonsten enttäuschenden wirtschaftlichen Erholung". Vor Ausbruch der Finanzkrise hätten die USA 3,5 Millionen weniger Jobs in der Industrie gehabt als zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts. Und Millionen mehr seien während der Großen Rezession verschwunden. Das bestätigen Zahlen der Information Technology Innovation Foundation. Diese hat vor Kurzem Zahlen über die Jobverluste wichtiger Industrien zwischen den Jahren 2000 und 2009 veröffentlicht. Demnach haben US-Textilfabriken und Möbelhersteller in dieser Zeit ihre Produktion um jeweils 43 Prozent gedrosselt, Bekleidungsproduzenten speckten satte 40 Prozent ab. Doch jetzt geht laut Krugman das Handelsdefizit im Industriesektor zurück, was speziell europäischen Firmen zu verdanken sei.

Amerikas Hinterland führt die Erholung erkennbar an. In Bundesstaaten wie Ohio, Indiana und Michigan, die in den vergangenen 15 Jahren eine industrielle Entleerung erlebten, kommen die Jobs derzeit überdurchschnittlich schnell zurück. Laut einer Untersuchung der Pepperdine University in Malibu, Kalifornien, die regelmäßig Listen der Städte mit den meisten Jobangeboten erstellt, steigen Standorte im gewerblichen Hinterland derzeit rasant auf. Lansing in Michigan zum Beispiel, wo General Motors produziert, schoss im jüngsten Ranking gleich 155 Plätze empor.

So hat Michigan nach Angaben des U.S. Labor Bureau einen Anteil von lediglich 4 Prozent an allen Industriejobs der USA. Doch der Bundesstaat schuf in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres 15 Prozent aller neuen Arbeitsplätze im gewerblichen Sektor. Nach Angaben der US-Regierung wuchs das Bruttoinlandsprodukt im ersten Vierteljahr um 1,8 Prozent. Die Industrieproduktion legte in dieser Zeit mit 9 Prozent vier Mal so schnell zu. Die Herstellung langlebiger Güter wie Autos und Waschmaschinen kletterte sogar um 16 Prozent. Der Autosektor konnte satte 40 Prozent draufsatteln. Autohersteller haben seit Anfang 2010 in den USA und Kanada nach Angaben des Centers for Automotive Research 17 Milliarden Dollar Investitionen für Fabriken und deren Erweiterungen bekannt gegeben.

Ende der Jobverlagerungen prognostiziert

Eine neue Studie der Boston Consulting Group bestätigt den neuen Trend mit einer überraschenden Prognose: Die Auslagerung von Jobs aus den USA nach China soll bis 2015 weitgehend uninteressant werden, weil rasante Lohnsteigerungen von 15 Prozent pro Jahr im Reich der Mitte unter Einbeziehung steigender Transportkosten und höherer Produktivität die USA wieder attraktiver machen. "Manager, die neue Fabriken in China für den Export nach Amerika planen, sollten sich alles noch einmal ganz genau anschauen", sagt Harold Sirkin, Senior Partner bei der Boston Consulting Group, "sie bekommen immer leichter gute Lohnkonditionen und großzügige Investitionsanreize lokaler Regierungen in den USA".

So hat Caterpillar 2010 genau aus diesem Grund die Expansion seiner US-Fertigung mit dem Bau einer neuen Fabrik in Texas angekündigt. Der Tech-Konzern NCR mit Sitz in Duluth, Georgia, verlegt die Fertigung seiner Geldautomaten zurück in den amerikanischen Süden, um schneller am Markt zu sein.

Die "Washington Post" berichtete am Wochenende gar von den ersten indischen Callcentern, die in die USA umziehen und dort verstärkt amerikanische Bewerber anheuern. Der Grund: Die Erteilung von Visa für indische Kandidaten ist schwierig geworden. Indische Outsourcing-Firmen wie Aegis, aber auch Konzerne wie Wipro, Tata und Genpact, bauen ihre Präsenz in Amerika aus. Die neue Variante des Outsourcing - zurück in den Westen - nennen sie "Near-Sourcing", Aufbau von Kapazitäten direkt am Markt. Ein Ziel, das mit seiner neuen Fertigung in Chattanooga auch Volkswagen anpeilt.

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