Sonntag, 5. April 2020

US-Automarkt Ford gefährdet Volkswagens Pläne

Ford-Chef Alan Mulally sorgte mit einer Rosskur und mutigen Entscheidungen für ein Comback der US-Autoikone - und gefährdet nun VWs Wachstumspläne in den USA

VW will zum größten Autohersteller der Welt aufsteigen. Doch bei der US-Offensive tun sich die Wolfsburger schwer. Ausgerechnet der einst marode US-Autobauer Ford hat ein Comeback hingelegt -  und greift in jenem Segment an, das Volkswagen zurückerobern wollte.

Es kursieren viele Geschichten über den Mann, der einen der traditionsreichsten Autobauer vor dem Aus bewahrt hat. Etwa die, dass der frischgebackene Ford-Chef Alan Mulally seine wichtigsten Manager im September 2006 zum wöchentlichen Rapport bat. Wie es denn in ihren Bereichen laufe, wollte der meist im blauen Blazer gekleidete Mulally wissen. "Bestens, bestens, bestens", schallte es ihm entgegen. "Wir steuern auf einen Verlust von 17 Milliarden Dollar zu, und keiner hat irgendwelche Probleme?", fragte Mulally in die Runde.

In der nächsten Woche gab ein erster Manager Produktionsprobleme zu, die den Start eines wichtigen Modells verzögern würden. Das hätte bei den anderen US-Autoherstellern wohl das Ende seiner Karriere bedeutet. Doch Mulally klatschte Beifall und dankte ihm für seine Ehrlichkeit.

Als der ehemalige Boeing-Spitzenmanager Mulally von Seattle nach Detroit zog, waren viele in der US-Autometropole skeptisch. Er sei kein "car guy", monierten die einen. Von der Komplexität des Autobaus verstehe er nichts, mäkelten die anderen. Der jovial auftretende Mulally hatte einen schweren Start. Doch seine Kritiker sind längst verstummt. Denn Mulally hat das Himmelfahrtskommando, Ford Börsen-Chart zeigen zu führen, in einen strahlenden Erfolg verwandelt. "Der glücklichste Mann in Detroit", betitelte das US-Wirtschaftsmagazin BusinessWeek vor kurzem einen Artikel über Ford.

Mulallys Bilanz kann sich sehen lassen - und gefährdet gleichzeitig Volkswagens Wachstumspläne in den USA.

Finanziell steht Ford derzeit bestens da: Im ersten Quartal hat das Unternehmen seinen Umsatz um 18 Prozent auf 33 Milliarden Dollar (rund 22 Milliarden Euro) gesteigert. Der Nettogewinn des US-Autobauers stieg um 20 Prozent auf 2,6 Milliarden Dollar, das beste Quartalsergebnis nach Steuern seit 1998. 1,4 Millionen Autos hat der Konzern weltweit verkauft, besonders stark hat das Indien-Geschäft angezogen. Auch das Europageschäft, das Ende 2010 überraschend ins Minus gerutscht war, ist nun wieder in den schwarzen Zahlen.

"Unsere Botschaft ist: Ford rockt"

Volkswagen Börsen-Chart zeigen ist zwar deutlich größer als der Detroiter Autohersteller: Die Wolfsburger haben von Januar bis März zwei Millionen Fahrzeuge abgesetzt und einen Nettogewinn von 2,9 Milliarden Euro erzielt. Volkswagen steuert auf einen Absatz von acht Millionen Fahrzeugen zu, während Ford knapp unter sechs Millionen liegen wird.

Doch der wieder erstarkte US-Autobauer wird für VW zunehmend zum Problem. Nicht in Europa, auch nicht in Asien, wo VW besonders stark ist - sondern auf einem der größten Automärkte der Welt: In Nordamerika. Denn bis 2018 will der Volkswagen-Konzern zum größten und profitabelsten Autobauer der Welt aufsteigen - und dafür müssen die Wolfsburger im noch größten Automarkt der Welt deutlich stärker werden.

"Das zentrale Thema für Volkswagen ist: Schaffen sie es, auch in USA Marktanteile zu gewinnen?" meint Autoexperte Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive an der FH Bergisch Gladbach. Das könnte den Wolfsburgern durchaus schwerfallen. Denn auf seinem Heimatmarkt - auf dem Ford rund 50 Prozent seines Absatzes erzielt - berappelt sich die Marke mit dem blauen Logo im Rekordtempo.

Vor knapp drei Jahren standen die Ford-Pickups und Geländewagen noch wie Blei bei den US-Autohändlern. Doch seit gut zwei Jahren schreibt Ford kontinuierlich schwarze Zahlen. Im Jahr 2010 erzielte Ford einen Gewinn von 6,5 Milliarden Dollar, im Jahr davor waren es immerhin noch 2,7 Milliarden Dollar. Seine Verkäufe in Nordamerika steigerte Ford um 20 Prozent auf 2,4 Millionen Fahrzeuge. Der Marktanteil von Ford in den USA liegt bei nunmehr 17 Prozent - wohl auch deshalb, weil der Autobauer als einziger der Detroiter Autoriesen ohne Staatshilfen durch die Konjunkturkrise kam. Im März hat der Autobauer sogar seinen Erzrivalen General Motors Börsen-Chart zeigen beim Absatz überholt. "Unsere Botschaft ist: Ford rockt", beschrieb Mulally den aktuellen Zustand seines Unternehmens in einem Interview.

"Ford steht in der Mitte aktueller Trends und kann gut auf der Welle der Erholung in den USA mitschwimmen", sagt Engelbert Wimmer, Automobilexperte der Unternehmensberatung PA Consulting Group, zu manager magazin. Der Detroiter Autohersteller habe zwar in den USA massiv Kapazitäten abgebaut, sich aber bewusst für den Weg als Volumenhersteller entschieden. "Ford hat ein gutes Gefühl, seine Fahrzeuge so auszustatten, dass der Kunde das auch bezahlt", lobt Wimmer. Zudem hat Mulally früher als seine Konkurrenten GM und Chrysler Sprit sparende Modelle angeboten - und das macht Ford gerade bei den aktuell hohen Benzinpreisen in den USA attraktiv.

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