Hauptversammlung Volkswagen im Wachstumsrausch

Die Autokrise ist überwunden, Volkswagen glänzt mit Rekordzahlen. Seinen Aktionären präsentiert VW-Chef Martin Winterkorn ein Unternehmen, das voll auf Wachstum setzt. Mit allen Kräften will er den Eindruck zerstreuen, dass sich der Zehn-Marken-Konzern dabei verheddert.
Im Angriffsmodus: VW-Chef Martin Winterkorn, der niedersächsische Ministerpräsident und Mitglied des Aufsichtstats, David McAllister (CDU), und der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch

Im Angriffsmodus: VW-Chef Martin Winterkorn, der niedersächsische Ministerpräsident und Mitglied des Aufsichtstats, David McAllister (CDU), und der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch

Foto: dapd

Hamburg - Andächtig streicht Volkswagen-Chef Martin Winterkorn über die Türen des weißen Touareg Gold Edition, der vor den Toren des Congress Center Hamburg in der Morgensonne glänzt. Einige Sekunden posiert er für die Fotografen vor dem Auto, während die goldenen Felgen des Autos mit Winterkorn um die Wette funkeln. Volkswagen-Aufsichtratschef Ferdinand Piëch stößt mit seiner Frau Ursula hinzu. Unauffällig verbirgt Ursula Piëch ein Buch mit dem Titel "Das Bildnis der Baronin" unter ihrem blauen Schal, bevor die Gruppe mit einem Journalistentross im Schlepptau ins Innere des Gebäudes geht.

Dort hat die familiäre Anmutung dann ein jähes Ende. Denn um sich für seine Aktionäre ins rechte Licht zu rücken, hat der Wolfsburger Autobauer für seine Hauptversammlung gleich das ganze Kongresszentrum gemietet. Vor dem Eingang zur Versammlungshalle stehen an weißen Messeständen dutzende Automodelle aller zehn Konzernmarken aufgereiht: Vom Luxussportwagen Bugatti Veyron Super Sport bis hin zum preiswerten Skoda Fabia, von der Neuauflage des Beetle bis hin zum Konzeptauto Audi eTron.

Winterkorn schreitet bedächtigen Schrittes die Messestände ab, wechselt ein paar Worte mit den Vorständen der Marken, posiert für die Fotografen. Die Botschaft, die Winterkorn vermitteln will, ist klar: Der Volkswagen-Chef hat seinen Konzern fest im Griff - und verliert auch bei dem starken Wachstumskurs von Europas größtem Autobauer nicht den Überblick über seine Schäfchen.

Mehrmarkenstrategie als Fundament

"Die Mehrmarkenstrategie bleibt unser großer Wettbewerbsvorteil", betont Winterkorn dann in seiner Rede. "Gerade im Aufschwung zahlt sich diese breite Aufstellung aus." Seinen Aktionären erklärt Winterkorn nochmals die beeindruckenden Zahlen des Jahres 2010: Der Umsatz stieg um 20,6 Prozent auf 126,9 Milliarden Euro, der Gewinn verdreifachte sich beinahe auf 7,1 Milliarden Euro.

"Volkswagen war 2010 mit Vollgas unterwegs", gibt Winterkorn seinen Aktionären mit. Was er auf der Hauptversammlung nicht erwähnt: Auch in das Jahr 2011 ist Volkswagen  hervorragend gestartet. Im ersten Quartal hat der Wolfsburger Autobauer 37,5 Milliarden Euro umgesetzt, ein Plus von satten 30,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Den operativen Gewinn hat Volkswagen zum Jahresauftakt auf 1,7 Milliarden Euro verdreifacht.

Seinem Ziel, Toyota  die Weltführerschaft abspenstig zu machen, kommt VW immer näher: Laut Konzernangaben hat sich VWs weltweiter Marktanteil von 11,5 auf 12,0 Prozent verbessert. Erstmals in seiner Geschichte hat der Konzern im ersten Quartal mehr als zwei Millionen Autos ausgeliefert.

Bereits in diesem Jahr könnte Volkswagen mehr als acht Millionen Autos absetzen, meinen Experten. Da Toyota in seinem Heimatland Japan mit den Auswirkungen der Naturkatastrophe kämpft, könnte VW bereits Ende dieses Jahres seinen Erzkonkurrenten überholen. Damit dürfte Volkswagen hinter dem wieder erstarkten US-Autobauer General Motors weltweit Nummer zwei werden.

China weiter Wachstumstreiber - Sorgenkinder Seat und Lamborghini

Besonders stark wuchs der Konzern in China, betont Winterkorn. "Es zahlt sich immer mehr aus, dass wir dort seit über einem Vierteljahrhundert zu Hause sind", sagt Winterkorn. Fast zwei Millionen Fahrzeuge hat Volkswagen in China ausgeliefert. VW hat im Reich der Mitte einen Marktanteil von 17 Prozent und ist in dem fragmentierten Markt der größte Autohersteller.

Die hervorragende Entwicklung in China sei in der Bilanz gar nicht enthalten, so Winterkorn: Die chinesischen Partnergesellschaften hätten ein anteiliges operatives Ergebnis von 1,9 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Bis 2018, meinte VW-Chef Winterkorn vor kurzem, soll die Nachfrage in China um 60 Prozent auf 27 Millionen Fahrzeuge hochschnellen. Um mit dem Wachstum des Marktes Schritt zu halten, investiert VW in den nächsten vier Jahren zehn Milliarden Euro. Das Geld dafür ist vorhanden: Ende März betrug die Nettoliquidität der Autosparte 19,6 Milliarden Euro, eine Milliarde mehr als Ende 2010.

Sorgenkinder Seat und Lamborghini

Audi hat mit 1,1 Millionen ausgelieferter Fahrzeuge 2010 das verkaufsstärkste Jahr seiner Geschichte hingelegt, auch bei Skoda läuft es gut. Mit der Entwicklung bei zwei Konzernmarken ist Winterkorn aber offenbar weniger zufrieden. So bereitet die Spanien-Tochter Seat dem Volkswagen-Konzern offenbar weiterhin Sorgen. "Bei Seat weist der Trend wieder nach oben", gibt sich Winterkorn etwas kryptisch. Mit dem Produktionsstart des Audi Q3 in der Seat-Fabrik in Martorell und neuen Modellen sei Seat auf einem guten Weg.

Weniger begeistert ist Winterkorn auch von der Entwicklung seiner Supersportwagenmarke. "Für Lamborghini war 2010 ein Jahr des Übergangs", konstatiert der Volkswagen-Chef. Die Auslieferungen seien unterhalb des Vorjahres geblieben. Da die Nachfrage nach exklusiven Sportwagen anziehe, sehe er die weitere Entwicklung aber zuversichtlich.

Volkswagen wolle der weltweit führende Mobilitätskonzern werden. Deshalb sei die engere Zusammenarbeit zwischen der Volkswagen-Nutzfahrzeugtochter Scania und MAN so wichtig. "Wir sehen in einer Partnerschaft auf Augenhöhe große Chancen", so Winterkorn. Doch die Lkw-Allianz kommt bislang nicht so recht vom Fleck - wie auch die strategische Partnerschaft mit dem Kleinwagen-Spezialisten Suzuki. "Bestimmte Aspekte der Zusammenarbeit entwickeln sich langsamer als ursprünglich erwartet", gibt Winterkorn auch zu - dennoch habe sich bereits eine ganze Reihe interessanter Kooperationsmöglichkeiten etwa im Einkauf ergeben.

Auch bei der Integration mit Porsche liegen nach wie vor "einige nicht unerhebliche steuerliche und juristische Hürden vor uns", sagt Winterkorn.

Weitere Risiken kommen hinzu. Volkswagens extrem schneller Wachstumskurs birgt auch das Risiko, sich bei der Markenführung zu verzetteln. Das zeigt das Beispiel China: Die tschechische VW-Tochter Skoda, die bereits gut auf dem chinesischen Markt etabliert ist, soll international künftig stärker als Einstiegsmarke des Konzerns positioniert werden. Weil aber VWs spanische Tochter Seat weiterhin kränkelt, soll Seat nun ab Sommer auch in China starten. Interne Kritiker fürchten, dass dieser Schritt zu einem Wirrwarr der Marken in China führt - eine durchaus nachvollziehbare Sorge.

Komplexität gefährdet VWs Wachstumskurs

Zu kämpfen hat Volkswagen auch mit seiner zunehmenden Komplexität. Insgesamt 62 Produktionsstätten betreibt Europas größter Autohersteller in 15 Ländern. Die Marken des Konzerns werden in insgesamt 153 Absatzmärkten vertrieben. Mit 391 Tochtergesellschaften hat der Konzern eine Struktur erreicht, die vielen Experten nur schwer steuerbar erscheint.

Damit bei so vielen Töchtern, Modellen und Märkten die Kosten für die Modellentwicklung nicht aus dem Ruder laufen, setzt Volkswagen in großem Stil auf das bei Audi bewährte Baukastenprinzip: Mit dem modularen Querbaukasten entwickelt Volkswagen eine technisch aufwändige Plattform. Mit ihr sollen ab 2012 Klein- und Kompaktwagen wie der VW Golf, Passat oder Audis A3 gebaut werden. Auf ein Grundgerüst, das vier Radstände und sechs Spurbreiten verkraftet, können dann konzernweite Module aufgesetzt werden - etwa für die Elektronikarchitektur oder für das Navigationssystem.

Die radikale Vereinfachung soll bis zu 30 Prozent bei den Entwicklungsaufwendungen pro Fahrzeug einsparen. Doch das Prinzip Lego hat einen entscheidenden Haken, wie Toyotas Qualitätsprobleme im vergangenen Jahr zeigten: Wenn sich ein Bauteil des Baukastens als fehlerhaft erweist, sind Millionen Fahrzeuge davon betroffen. VW versucht zwar, dieses Risiko durch Beauftragung verschiedener Zulieferer aus unterschiedlichen Kontinenten zu streuen. Doch ob das im Ernstfall wirklich funktioniert, muss sich erst zeigen.

In den USA tut sich VW weiterhin schwer

Und dann gibt es noch einen prestigeträchtigen Markt, auf dem sich Volkswagen bis heute schwertut: Die USA. In seiner Rede sprach Winterkorn zwar von "sehr erfreulichen Zuwächsen" in den USA und Südamerika, das neue Werk in Chattanooga soll Ende Mai eröffnet werden.

Doch Volkswagen bleibt im größten Pkw-Markt der Welt ein Nischenplayer: Nur 316.000 Fahrzeuge hat VW auf dem nach wie vor größten Pkw-Markt der Welt im vergangenen Jahr abgesetzt. Die ausländischen Konkurrenten Toyota  oder Hyundai hingegen haben in den vergangenen Jahren den US-Markt regelrecht aufgerollt - mit preiswerten Modellen und eigenen US-Fabriken.

Nun setzt VW zur Aufholjagd an: Mit dem neuen VW Jetta, der Neuauflage des Beetle und einer Sparversion des Passat geht Volkswagen auf Kundenjagd. Viel Geld hat Volkswagen dabei ins Marketing gesteckt: Die Sängerin Katy Perry wirbt ebenso für die Qualitäten der Wolfsburger wie die Talkshow-Ikone Oprah Winfrey.

Bis 2018 will Volkswagen seinen US-Absatz auf eine Million Fahrzeuge verdreifachen. Doch bis dahin ist es wohl noch ein steiniger Weg. Beim jüngsten Autotest des US Consumer Reports ist der Hoffnungsträger Jetta mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Unter 11 getesteten Kompaktautos hat er den letzten Platz belegt. Die Tester kritisierten das billig anmutende Interieur und die schlechte Federung, die sie auf die Sparbemühungen des Konzerns zurückführten - ein harter Schlag für die Wolfsburger, die sich in Europa gerne mit ihrer Qualität brüsten.

Von seinen Zielen weit entfernt ist Winterkorn auch noch bei der Profitabilität seiner Kernmarke VW. Zwar hat sich operative Umsatzrendite des Gesamtkonzerns von Januar bis März ebenfalls sehr erfreulich entwickelt: Sie beträgt nun 7,8 Prozent und liegt damit bereits nahe an Daimlers 8,2 Prozent.

Doch die Unterschiede der Renditen zwischen den einzelnen Marken sind gewaltig: Audi liegt mit einer operativen Umsatzrendite von 10,6 Prozent deutlich vor der Kernmarke VW, die im ersten Quartal nur auf eine operative Umsatzrendite von 4,6 Prozent erzielte. Das ist noch deutlich von jenen acht Prozent entfernt, die Winterkorn für seine Kernmarke als Ziel bis 2018 ausgegeben hat.

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