Dienstag, 26. Mai 2020

Japans Autoindustrie Rating-Riese S&P warnt vor Toyotas Zwangslage

Zerstörte Neuwagen: Toyota ist durch die Naturkatastrophe in erhebliche Probleme geraten

Schlechte Nachrichten für Japans Autoindustrie: Wichtige Fabriken drohen nach den Tsunamiverwüstungen erst zum Jahresende voll betriebsbereit zu sein, jetzt reagiert auch noch die Ratingagentur S&P auf die dadurch sinkenden Gewinne der Unternehmen - und droht deren Kreditwürdigkeit zu senken.

New York - Die Finanzbranche nimmt die japanischen Autofirmen verschärft ins Visier. Die einflussreiche US-Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) droht damit, die Einschätzung der Kreditwürdigkeit von Toyota, Honda, Nissan sowie drei Zulieferern zu senken, wenn sich die Produktionsausfälle nach dem verheerenden Erdbeben in Japan bis ins kommende Jahr hinzögen.

Schlechtere Ratingnoten bedeutet nicht selten, dass ein Unternehmen höhere Zinsen für Kredite berappen muss. Das träfe Japans Autoindustie derzeit wohl tatsächlich, denn der Finanzbedarf für den Wiederaufbau zerstörter Anlagen und entgangene Gewinne zehren zumindest tendenziell, wenn auch nicht akut, an den Unternehmen. An der Börse in Tokio gehörten die Aktien der Autohersteller zu den größten Verlierern.

S&P senkte den Ausblick für die Autobauer und -zulieferer von "stabil" auf "negativ". Die Hersteller leiden seit der Katastrophe unter Teilemangel und Stromknappheit. Selbst im Ausland stehen die Werke vielfach still, weil der Nachschub aus der Heimat ausbleibt. Die S&P-Experten schätzen, dass die Produktion in der japanischen Autobranche derzeit nur auf halber Kraft läuft. Erst um den Oktober herum, so schätzen sie, dürften die Probleme weitgehend überwunden sein.

Japanische Autotitel verlieren an der Börse

An der Börse in Tokio zählten Autowerte am Dienstag zu den größten Verlierern: So sanken Toyota um 2,44 Prozent und Honda um 1,61 Prozent. Das wichtigste japanische Börsenbarometer, der Nikkei-Index für 225 führende Werte, ging mit einem Minus von 113,27 Punkten oder 1,17 Prozent aus dem Handel und schloss bei 9558,69 Punkten. Die Tageszeitung "Nikkei Business Daily" geht auf Basis eigener Berechnungen davon aus, dass wegen der im März gewaltig gestiegenen Produktionskosten infolge der Katastrophe deutliche Umsatzeinbußen zu befürchten sind.

Weltmarktführer Toyota hat bereits angekündigt, wohl erst im November oder Dezember zur Normalität zurückzukehren. Einige Analysten fürchten, dass der Konzern wegen der Ausfälle seine Führungsposition in der Branche an General Motors Börsen-Chart zeigen oder Volkswagen Börsen-Chart zeigen verlieren könnte. In die gleiche Kerben schlagen auch die S&P-Experten: Die japanischen Hersteller könnten Marktanteile verlieren und auch auf längere Sicht im Wettbewerb schlechter dastehen, schrieben die Experten.

Toyota unterbricht derweil auch die Produktion in Brasilien wegen Teilemangels für drei Tage. Das Werk in der Stadt Indaiatuba im Bundesstaat São Paulo produziert normalerweise 303 Fahrzeuge pro Tag. Die Bänder hätten am Montag still gestanden und sollten auch am 6. und am 20. Mai erneut gestoppt werden, berichteten nationale Medien am Dienstag unter Berufung auf Werksangaben.

Die Probleme mit der Zulieferung von Autoteilen aus Fabriken in Japan haben auch Auswirkungen auf den Produktionsstandort im benachbarten Argentinien. In der Stadt Zárrate bei Buenos Aires werde die Produktion der Modelle Hilux und SW4 an drei Tagen im Mai gedrosselt. Arbeitsplätze seien von den Maßnahmen jedoch nicht betroffen, betonte das Unternehmen. Toyota beschäftigt in Brasilien und Argentinien zusammen 7100 Mitarbeiter und plant den Bau eines weiteren Werks im brasilianischen Sorocaba (São Paulo) sowie eine Erweiterung in Zárate.

Finanzlage weiter solide

Gleichwohl sehen die S&P-Analysten keinen Grund, jetzt schon die Kreditwürdigkeit der Autofirmen zu senken. Die Unternehmen stünden finanziell wesentlich solider da als im Krisenjahr 2008; viele hätten soviel Geld in der Kasse wie nie zuvor. Zudem sei vor allem in Nordamerika und in den Schwellenländern die Nachfrage nach Autos anhaltend hoch und die Hersteller hätten die Chance, im zweiten Halbjahr bei der Produktion etwas aufzuholen.

So erwartet Nissan im Mai wieder 90 Prozent des vor der Krise geplanten heimischen Produktionsniveaus. Wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo berichtet, will der Konzern dann knapp 80.000 Fahrzeuge produzieren, 85.000 waren ursprünglich geplant. Bei der Überseeproduktion rechnet Nissan im Mai mit 240.000 Fahrzeugen, 270.000 waren ursprünglich geplant.

Nissan muss sich nun auch noch Qualitätsproblemen stellen. Rost zwingt das japanische Unternehmen zu einem Massenrückruf in den USA. Bei insgesamt 195.991 Geländewagen droht wegen der Korrosion im schlimmsten Falle die Lenkung auszufallen. Betroffen sind Nissan Pathfinder der Modelljahre 1996 bis 2004 sowie das Schwestermodell QX4 der hauseigenen Nobelmarke Infiniti.

Bereits vergangene Woche meldete auch Toyoto, die Besitzer von 308.000 Fahrzeugen der Marke in die Werkstätten bitten zu müssen. Der Rückruf sei nötig, weil die Airbags in 308.000 Geländewagen Probleme machen könnten. Bei einer Fehlfunktion bestimmter Sensoren könne es passieren, dass die Gurtstraffer aktiviert würden und zudem die Kopf-Airbags auslösten, teilte Toyota am vergangenen Donnerstag mit.

kst/dpa-afx

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