Verpatzte Biosprit-Einführung E10 lähmt das Ostergeschäft der Tankstellenketten

Deutschlands Autofahrer wollen den vermeintlichen Bio-Treibstoff E10 nicht in den Tank füllen. Nun könnte im Osterverkehr an manchen Tankstellen das Benzin knapp werden - und das bei Treibstoff-Höchstpreisen. Teuer wird das E10-Debakel aber nicht nur für die Mineralölfirmen. 
Autofahrer mit E10-Zapfhahn: Nur 22 Prozent der Autofahrer tanken den vermeintlichen Biosprit. Das sorgt für Engpässe beim Nachschub mit Superbenzin.

Autofahrer mit E10-Zapfhahn: Nur 22 Prozent der Autofahrer tanken den vermeintlichen Biosprit. Das sorgt für Engpässe beim Nachschub mit Superbenzin.

Foto: dapd

Mit knallgelben Handzetteln will Shell seinen Kunden die Angst vor dem neuen Bio-Kraftstoff E10 nehmen. An seinen Tankstellen wirbt der Ölkonzern seit kurzem für seine neue, kostenlose E10-Versicherung. Tanken Autofahrer bei Shell mindestens 30 Liter des umstrittenen Treibstoffs mit 10 Prozent Bioethanolanteil, können sie sich für eine Gratis-Versicherung anmelden. Diese schützt sie gegen Motorschäden, die durch Befüllen des Tanks mit dem Biotreibstoff entstehen könnten.

Doch die Autofahrer sollten das Kleingedruckte genau lesen. Shell  versichert nur Fahrzeuge, deren E10-Tauglichkeit in der dafür maßgeblichen DAT-Liste bestätigt ist. Im Schadensfall müssen Kunden nachweisen, dass sie mindestens 80 Prozent ihrer Tankfüllungen bei Shell bezogen haben. Und zudem müssen mögliche Schäden "unmittelbar und kausal" durch das Tanken von Shells E10-Super entstanden sein - ein Umstand, der sich im Ernstfall schwer nachweisen lässt.

"Wenn ich die Freigabe des Herstellers für mein Auto habe, kann ich E10 tanken. Da brauche ich nicht irgendeine Versicherung", sagt Andreas Hölzel, Sprecher des Automobilclubs ADAC. "Damit versucht Shell nur, Kunden an sich zu binden", warnt Hölzel im Gespräch mit dem manager magazin.

Die Aktion zur Kundenberuhigung entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Mogelpackung. Damit reiht sie sich nahtlos ein in die Kette an Kommunikationspannen, mit der die Ölfirmen seit Einführung des Biokraftstoffs E10 Anfang dieses Jahres kämpfen.

Wird im Osterverkehr das Superbenzin knapp?

Neben dem E10-Flop müssen Aral, Shell und Co. auch noch erklären, warum der Benzinpreis vor dem Osterreiseverkehr wieder einmal besonders hoch ist. Im bundesweiten Schnitt kostet ein Liter Super E10 laut ADAC derzeit 1,579 Euro. Der Automobilclub wirft den Mineralölkonzernen nun Preistreiberei vor - wie jedes Jahr zu Ostern. Die Ölfirmen kontern wie in den vergangenen Jahren mit dem gleichen Argument: "Die für den Benzinpreis maßgeblichen Notierungen für Ölprodukte in Rotterdam sind zurzeit auf Höchstniveau", erklärt BP-Deutschlandchef Uwe Franke.

Tatsächlich hat Öl der europäischen Sorte Brent  seit Anfang des Jahres fast 30 Dollar je Barrel (159 Liter) zugelegt und hält nun bei 124 Dollar. Die anhaltenden Unruhen in Nordafrika treiben den Ölpreis in die Höhe. Zudem sinken die Benzinlagerbestände, was den Druck auf den Ölpreis zusätzlich erhöht. Doch im diesjährigen Osterverkehr droht Autofahrern neben den Benzin-Höchstpreisen eine weitere Belastung. Wegen des E10-Boykotts der deutschen Autofahrer könnte es an einigen deutschen Tankstellen zu Lieferengpässen mit herkömmlichem Superbenzin kommen.

Der Grund dafür ist schnell erklärt: Da E10-Superbenzin laut Gesetzesverordnung die neue Normsorte werden soll, haben die Ölfirmen die größten Tanks an ihren Tankstellen mit E10 befüllt. Deutschlands Autofahrer machen aber einen weiten Bogen um die E10-Zapfsäulen. Stattdessen tanken sie das teurere Superplus mit 98 Oktan, das die Tankstellen als Ersatzsorte anbieten. Superplus wird aber von den Pächtern in kleineren Tanks gelagert, die wegen der hohen Nachfrage öfter befüllt werden müssen.

Logistische Probleme sind dadurch an der Tagesordnung. "Temporär ist es offensichtlich schon zu Leerständen gekommen," sagt Karin Retzlaff, die Sprecherin des Verbands der Mineralölindustrie, zu manager magazin. "Um einen Engpass zu verhindern, sind alle zur Verfügung stehenden Tanklastwagen auf der Straße."

E10 teilt Deutschland in zwei Zonen

Dabei ist E10 noch längst nicht flächendeckend erhältlich. Nur ihre Tankstellen im Süden und Osten haben die großen Tankstellenbetreiber bereits auf den Bio-Treibstoff umgestellt. Nordrhein-Westfalen und Norddeutschland hat das E10-Chaos noch nicht erfasst. Hier haben die Mineralölfirmen die geplante E10-Einführung wegen mangelnder Kundenakzeptanz gestoppt. Im Westen und Norden gibt es noch das "alte" Superbenzin E5 mit 95 Oktan, das Tankstellenkunden im Osten und Süden gar nicht mehr kaufen können.

Vor kurzem haben Aral, Esso, Total Fina Elf  und Shell entschieden, auch in ihren E10-Bundesländern das Superbenzin mit 95 Oktan wieder anzubieten. Künftig werden Tankstellen also mindestens drei Sorten Superbenzin zur Auswahl haben - doch das dürfte wegen logistischer Probleme und teurer Umstellungen noch ein wenig dauern.

Willkommen im deutschen Super-Wunderland. Wer von Norden nach Süden oder von Osten nach Westen fährt, kommt um das Zapfsäulen-Chaos kaum herum. Dabei wäre im Rückblick betrachtet vieles so einfach gewesen: Denn ein Großteil des deutschen Fuhrparks verträgt den umstrittenen Biotreibstoff. Glatte 99 Prozent aller Fahrzeuge, die von deutschen Herstellern stammen, fahren problemlos mit E10. In den USA ist E10 seit 1997 Standard, Schadenersatzforderungen wegen Motorschäden durch den Biokraftstoff gab es aber noch keine. Nur bei rund drei Millionen deutschen Fahrzeugen, vorwiegend Oldtimern und älteren Autos, könnte es wegen des E10-Alkoholgehalts zu Schäden an den Kunststoffteilen der Kraftstoffanlage kommen.

Beteiligte schieben sich den schwarzen Peter zu

Doch die Informationen an die Autofahrer, ob ihr Fahrzeug nun E10 verträgt oder nicht, war alles andere als umfassend. Die Mineralölfirmen verließen sich darauf, dass Autofahrer seitenlange Listen durchsuchen sollten, um die E10-Tauglichkeit ihres Modells festzustellen. Doch selbst die ausführliche DAT-Liste, die über E10-Eignung je nach Hersteller, Modell und Baujahr Auskunft gibt, empfiehlt bei manchen Modellen einen Anruf bei dem jeweiligen Hersteller.

Die Autobauer wiederum gaben erst nach wochenlangen öffentlichen Diskussionen das Versprechen ab, dass sie für E10-Schäden haften würden. Allerdings muss der Autofahrer dann beweisen, dass E10 seinen Motor zerstört hat - was Experten als große Hürde bezeichnen. Das Umweltministerium wiederum baute darauf, dass Mineralölfirmen und Autohersteller Informationskampagnen starten würden.

Passiert ist zu Anfang des Jahres, als die E10-Einführung startete, nicht viel. Zwar sind die Mineralölfirmen gesetzlich dazu verpflichtet, den Treibstoff mit zehnprozentigem Anteil an Biosprit aus nachwachsenden Rohstoffen anzubieten. Doch von einer großen Werbekampagne, wie Shell oder Esso sie bei der Einführung von Premiumtreibstoffen startete, war im Januar und Februar nichts zu merken. Erst in den letzten Wochen sind die Marketingabteilungen der Benzinanbieter auf Touren gekommen und haben zumindest mal sämtliche Tankstellen mit DAT-Listen und Infomaterial bestückt.

Deshalb sind sich viele Autofahrer trotz ausführlicher Listen noch immer nicht sicher, ob ihr Fahrzeug E10 verträgt. BMW , Saab, Audi  und Seat haben ihre Angaben zur E10-Verträglichkeit nachträglich korrigiert. Sogar das Bundesministerium lässt seine Fahrzeuge vorerst nicht mit dem Biosprit betanken. Nur Mietwagen-Firmen wie Sixt  haben sich öffentlich zu E10 bekannt.

Biosprit-Lobby gehen die Argumente aus

Vielen Autofahrern kommt der Biosprit aber selbst dann nicht in den Tank, wenn ihr Fahrzeug es verträgt. Seit Wochen diskutiert Deutschland darüber, ob E10 Motoren schneller verschleißen lasse als bislang zugegeben. Das verunsichert viele. Und so kaufen sie lieber das teurere Superplus, als ihrem geliebten fahrbaren Untersatz möglicherweise Schaden zuzufügen. Laut Zahlen des Mineralölverbands tankt gerade einmal ein Fünftel der Autofahrer E10. Im Vorfeld der Einführung rechneten die Treibstoffanbieter damit, dass 90 Prozent aller Fahrzeugbesitzer auf E10 umsteigen würden.

Umweltexperten äußerten sich auch kritisch über den ökologischen Nutzen, der aus der Beimischung von zehn Prozent Treibstoff aus nachwachsenden Rohstoffen entstehen soll. Eine Studie des Londoner Instituts für Europäische Umweltpolitik, die von neun großen europäischen Umweltverbänden in Auftrag gegeben wurde, kam bereits im November 2010 zu einem bitteren Fazit. Biosprit sei schädlicher für das Klima als die fossilen Energien, die er ersetzen soll, heißt es in dem Gutachten. Denn für den künftigen Biospritbedarf der Europäer müsse eine Fläche von 69.000 Quadratkilometern in Ackerland umgewandelt werden, was jährlich bis zu 56 Millionen Tonnen CO2 freisetze. Selbst das Büro für Technikfolgenabschätzung im deutschen Bundestag spricht sich in einem Gutachten für die stufenweise Rücknahme der Biokraftstoffquote aus.

Doch das wird alles andere als einfach. Deutschlands Bauern erhalten für den Anbau der Biosprit-Pflanzen hohe Zuschüsse. Eine ganze Branche, vom Grundbesitzer bis hin zum Düngemittelhersteller, profitiert von der garantierten Nachfrage und erzielt tolle Renditen. Deutschlands Mineralölfirmen haben laut eigenen Angaben einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag investiert, um Raffinerien und Tankstellen E10-tauglich zu machen.

Kehrtwende bei E10 wird doppelt teuer

Nun müssen sie die Raffinerien wieder auf Superbenzin mit 95 Oktan umstellen, nachdem sie diese Sorte zugunsten von E10 kaum mehr produziert hatten. Das scheint logistisch schwieriger zu sein als angenommen. Marktführer Aral hat etwa 1300 Tankstellen bereits auf E10 umgestellt. Aber erst ab dem Sommer wird der Mineralölkonzern beginnen, dort wieder Superbenzin mit 95 Oktan anzubieten. Bis zum Jahresende wird es dauern, bis alle betroffenen Tankstellen die drei Sorten E10, Super mit 95 Oktan und Superplus anbieten können. Bei Shell sollen die ersten Tankstellen ab Mai auch wieder das "alte" Super anbieten.

Über die Preisgestaltung will Shell aber noch keine Angaben machen. Der ADAC fordert, dass es wie früher einen Preisabstand zwischen Super 95 und Superplus geben soll. Zudem hat der Automobilklub fünf Tankstellenketten verklagt, weil sie kein Super 95 als Ersatz für E10 anbieten, sondern nur das teurere Superplus.

Ob diese sich davon beeindrucken lassen, ist fraglich. Die Branche wird das Debakel um E10 doppelt kosten: Zum einen muss sie ihre Raffinerien und Tankstellen wieder für Super 95 zurückrüsten. Zum anderen drohen Strafzahlungen in Millionenhöhe. Denn die Bundesregierung hat den Mineralölfirmen gesetzlich vorgeschrieben, dass in diesem Jahr 6,25 Prozent des gesamten Treibstoffverkaufs auf Biokraftstoffe entfallen sollen. Diese Quote ist durch den E10-Boykott in weite Ferne gerückt. Branchenvertreter rechnen mit einem dreistelligen Millionen-Euro-Betrag, der dadurch fällig werden könnte.

Deshalb werden die Treibstoffpreise kaum sinken. Und die Vermutung liegt nahe, dass Super 95 Oktan zum selben Preis wie Superplus angeboten wird. Nach wie vor hoffen die Tankstellenbetreiber darauf, dass bei den Kunden das älteste aller Argumente zieht: Der Preis. E10 ist zwischen fünf und acht Cent je Liter billiger als Superplus. Auch wenn künftig drei Superbenzin-Sorten angeboten werden, soll der Preisabstand von E10 zu den anderen angebotenen Sorten erhalten bleiben - und mittelfristig für eine höhere E10-Nachfrage sorgen.

Die Verwirrung an der Zapfsäule wird in den nächsten Monaten also eher noch zunehmen. Eines zeichnet sich jetzt schon ab: Das E10-Verweigerung wird teuer - für Autofahrer, Tankstellenbetreiber und die Mineralölfirmen.