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Übersicht: Die weltgrößten Truckhersteller 2010

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Möglicher Börsengang Trucks machen Daimler wieder Freude

Im Krisenjahr 2009 schrieb Daimlers Nutzfahrzeugsparte tiefrote Zahlen. In den nächsten Jahren dürfte die Sparte jedoch trotz schärferer Abgasnormen wieder hohe Gewinne abwerfen. Der Vorstand dürfte Diskussionen um einen Börsengang der Trucksparte jedoch während der heutigen Hauptversammlung abbügeln.

Hamburg - Vergangenen Freitag war es wieder mal Zeit für ein liebgewonnenes Daimler-Ritual: Das kategorische Nein zur Abspaltung der Truck-Sparte. "So wie wir aufgestellt sind, gibt es nichts Besseres als den Daimler", befand Finanzchef Bodo Uebber in einem Interview mit der Zeitung "Die Welt". Gerade die breite Produktpalette vom Premiumauto bis zum Schwerlastwagen mache den Autobauer für die Aktionäre "hoch attraktiv", legte Daimlers Herr über die Finanzen nach.

Damit wies Uebber Spekulationen über einen Börsengang der Lkw-Sparte in die Schranken - eine Aufgabe, die Nutzfahrzeugvorstand Andreas Renschler oder Konzernchef Dieter Zetsche auf dem heutigen Aktionärstreffen in Berlin übernimmt.

Dennoch klingt ein IPO verlockend: Analysten zufolge könnte Daimler  mit einem Börsengang seiner Nutzfahrzeugsparte einen zweistelligen Milliardenbetrag erlösen - und das mit nur geringem Risiko. Doch Zetsches Team lehnt einen solchen Schritt bislang ab. Dafür gibt es gute Gründe. Denn nach dem Krisenjahr 2009, in dem die Nutzfahrzeugsparte tiefrote Zahlen ablieferte, dürften Lkw, Lieferwagen und Busse der Daimler-Führung künftig wieder viel Freude bereiten.

Der Konzern mit dem Stern ist der größte weltweit aufgestellte Hersteller von Lkw über sechs Tonnen, die Daimler unter den vier Marken Mercedes-Benz, Freightliner, Fuso und Western Star anbietet. 355.263 Lastwagen hat der Konzern im vergangenen Jahr abgesetzt, ein Plus von 37 Prozent im Vergleich zum Krisenjahr 2009. Die Truck-Sparte hat mehr als ein Fünftel zum Konzernumsatz von 97,8 Milliarden Euro beigetragen und 1,3 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern und Zinsen abgeworfen. Zählt man Daimlers Bus- und Lieferwagengeschäft dazu, sorgten die Nutzfahrzeuge sogar für 35 Prozent des Daimler-Gesamtumsatzes.

Lkw-Sparte wächst wieder zweistellig

Für dieses Jahr stehen alle Zeichen auf Wachstum: Laut Lkw-Spartenvorstand Renschler liegt der Auftragseingang im Januar und Februar 28 Prozent über dem Vorjahr - und die starken Monate kommen noch. "Daimler hat sehr gute Chancen, die Weltmarktführerschaft bei Nutzfahrzeugen zu verteidigen", meint auch der Autoexperte Willi Diez. Die Stuttgarter haben im Lkw-Bereich ihre Hausaufgaben gemacht, meint der Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft der Universität Nürtingen.

Die Marken haben klare regionale Schwerpunkte: Mercedes-Benz-Trucks werden vor allem in Europa verkauft. In Asien ließe sich Lastwagen mit dem Stern am Kühler nur schwer vermarkten, meinen Experten. Der Markenname Mercedes ist dort ein Synonym für prestigeträchtig und teuer. Deshalb vermarktet Daimler seine Lkw in Asien unter der Marke Fuso, ein Überbleibsel aus der gescheiterten Allianz mit Mitsubishi. In Nord- und Südamerika verkauft Daimler seine Brummis unter dem Namen Freightliner.

Damit kann Daimler auf sehr unterschiedliche Märkte eingehen: In Europa müssen Trucks Bergstraßen bewältigen können, in den USA fahren sie oft Tausende Kilometer in der Ebene. In Schwellenländern wiederum scheren sich die Frachtunternehmer kaum um die vorgeschriebene Höchstzuladung. "Dort müssen sie Lkw bauen, die zwar am Papier nur 16 Tonnen Gesamtgewicht haben dürften, aber auch bei 24 Tonnen nicht zusammenbrechen", sagt Diez.

Eine Welt-Plattform zur Kostensenkung

Auch in sämtlichen Wachstumsmärkten hat sich Daimler bereits breitgemacht: In China betreibt Daimler ein Joint Venture mit Chinas Lkw-Bauer Foton, in Indien bieten die Stuttgarter unter dem Namen BharatBenz preisgünstige Lkw an. Am größten russischen Lkw-Hersteller Kamaz ist Daimler mit 11 Prozent beteiligt. Um Importzölle zu sparen, lässt Daimler seit Kurzem seine Transporter bei dem russischen Fahrzeugbauer Gaz montieren.

In der Vergangenheit gelang es der Lkw-Sparte aber zu selten, aus den hohen Produktionszahlen echte Kostenvorteile abzuleiten. Konkurrenten wie MAN  oder Scania , die sich nur auf bestimmte Sektoren und Regionen konzentrieren, sind da bei der Rendite deutlich weiter. Doch mit der sogenannten World Engine Platform will Daimler  auch im Lkw-Bereich die Kosten deutlich senken.

"Der weltweite Baukasten für Lkw ist Daimlers letzte große Baustelle", sagt Roman Mathyssek gegenüber manager magazin. Der Nutzfahrzeugexperte des Beratungshauses IHS Global Insight sieht die Stuttgarter im Lkw-Bereich "extrem gut aufgestellt".

Zwar sei das Lkw-Geschäft sehr zyklisch und werde in Krisenzeiten schnell zum Verlustbringer. Doch in den kommenden zwei Jahren können die Lkw-Hersteller sehr viel Geld verdienen. Weltweit werde das Nutzfahrzeuggeschäft von Daimler sicherlich um 25 bis 30 Prozent wachsen, so Mathyssek.

Einzig in Asien droht Daimler eine Produktionsdelle: Der Tsunami in Japan und die Atomkatastrophe im Kraftwerk Fukushima haben die Lkw-Produktion von Fuso einige Wochen zum Stillstand gebracht. Da Fuso ausschließlich in Japan fertigt, wird das die Lieferzeiten in Asien verlängern. Seit 29. März laufen die Fabriken wieder eingeschränkt. Noch lassen sich die Auswirkungen auf die Fuso-Jahresproduktion nicht absehen - doch Experten meinen, dass sich die Rückstände mit einigen Extraschichten wohl aufholen lassen.

Weitsichtige Motorenstrategie

Daimlers angepeilte Übernahme des Motorenbauers Tognum wird sich in der Nutzfahrzeugsparte kaum bemerkbar machen. Denn zwischen Lkw- und Industriemotoren bestehen doch erhebliche Unterschiede. Ein paar Technologien zur Abgasreduzierung lassen sich zwar auch bei Lastwagenmotoren nutzen. Doch Industrie- und Lkw-Antriebe bleiben zwei getrennte Geschäftsfelder, meinen Fachleute.

Für die Verschärfung der Lkw-Abgasnormen, eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahre, hat Daimler bereits eine elegante Lösung gefunden: Ab 2013 will die EU die neue Abgasnorm Euro 6 schrittweise auch bei Kleinlastern durchsetzen. Bis 2020 sollen die Emissionen von derzeit durchschnittlich 190 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenem Kilometer auf 147 Gramm sinken - das entspricht dann einem Durchschnittsverbrauch von 5,5 Litern Diesel je 100 Kilometer.

Mit seinen neuen sparsamen Lkw-Motoren erfüllt Daimler diese Norm bereits - und will diese mit regionsspezifischen Anpassungen nun weltweit einsetzen. Die Motoren sind von vornherein so geplant worden, dass sie weltweit auf allen Lkw-Plattformen von Daimler einsetzbar sind. Zwar hat die Entwicklung dieser "World Engine Platform" Insidern zufolge mehr als eine Milliarde Euro gekostet. Doch künftig wird Daimler hier durch die Vereinheitlichung kräftig Kosten sparen. "Ich bin felsenfest überzeugt, dass man diese Investition zurückverdienen wird", meint Nutzfahrzeugexperte Mathyssek.

Mit dieser Ausgangslage muss sich Daimler mittelfristig kaum vor einer Fusion von MAN, Scania und der Nutzfahrzeugsparte von Volkswagen  fürchten. Denn der mögliche neue Konkurrent, meinen Experten, werde für die Integration wohl noch einige Zeit brauchen.

Daimler-Hauptversammlung: Zetsches wichtigste Baustellen

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