Produktionsstopp Saabs letzte Hoffnung kommt aus Russland

Mit neuen Modellen und einem deutschen Kooperationspartner wollte Saab aus den roten Zahlen kommen. Nun ist die Lage der schwedischen Autoikone schlimmer denn je:  Die Produktion steht still, weil Saab Zulieferern Geld schuldet. Die letzte Hoffnung ruht auf einem umtriebigen russischen Millionär.
Saab-Eigner und Spyker-Cars-Chef Victor Muller im Saab-Werk Trollhättan: Der schwedische Autobauer kann seine Rechnungen nicht mehr bezahlen - und muss nun wohl einen russischen Investor an Bord nehmen, um zu überleben

Saab-Eigner und Spyker-Cars-Chef Victor Muller im Saab-Werk Trollhättan: Der schwedische Autobauer kann seine Rechnungen nicht mehr bezahlen - und muss nun wohl einen russischen Investor an Bord nehmen, um zu überleben

Foto: Björn Larsson Rosvall/ dpa

Hamburg - An selbstbewusstem Symbolismus herrschte bei Saab bis vor Kurzem kein Mangel: Phönix hieß die Autostudie, die der schwedische Autobauer vor wenigen Wochen auf dem Genfer Autosalon vorstellte. Mit der fahrbereiten Studie sollte sich Saab aus dem Trümmerhaufen erheben, den der frühere Eigentümer General Motors beim Verkauf hinterlassen hatte.

Wenige Monate zuvor hatte Saab in Paris sein erstes Elektroauto vorgestellt - und lud die Journalisten danach zu einem schwedischen Lunch in seinen kühl gestylten Messestand. Auch hier war die Botschaft klar: Saab ist zurück auf dem Parkett der Automobilhersteller.

Nun helfen sämtliche Marketingtricks nicht mehr. Seit Mittwoch stehen die Bänder im Saab-Werk in Trollhättan still. Bereits in den Wochen zuvor war es mehrfach zu Produktionsstopps gekommen. Der Grund: Einige von Saabs Zulieferern weigern sich, den Autobauer mit Teilen zu beliefern. Mit mehreren Millionen Euro soll Saab laut Agenturberichten bei fünf bis sechs Zulieferern in der Kreide stehen - und sie wollen nur noch gegen Barzahlung liefern.

Doch diese Zahlen sind laut Recherchen von manager magazin untertrieben. "Es sind sicherlich mehr als sechs Zulieferer, die nicht mehr liefern", sagte Svenake Berglie, Geschäftsführer des skandinavischen Zuliefererverbands FKG, zu manager magazin. Bei den ausstehenden Summen dürfte es um mehr als hundert Millionen schwedische Kronen gehen, meint Berglie. Damit würde Saab seinen Vertragspartnern also mindestens elf Millionen Euro schulden.

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Foto: Saab Automobile

Saab steht ein Jahr nach seiner angeblichen Rettung erneut vor dem Aus - ein Schicksal, dem die Schweden bereits wiederholt entkommen sind. Doch diesmal scheint die Lage so ernst zu sein wie Ende 2009, als GM  Saab quasi über Nacht an die kleine niederländische Sportwagenmanufaktur Spyker verkaufte.

Zweifel an Saabs Überlebenschancen wachsen

Über ausstehende Summen und die Namen jener Zulieferer, die nicht mehr nach Trollhättan liefern, wollte sich Saab trotz mehrfacher Anfrage von manager magazin nicht äußern. Berglie zufolge sitzt nur ein geringer Teil der Saab-Zulieferer in Skandinavien. Die größten Teilelieferanten stammen aus Deutschland und Frankreich. Zu Saabs Lieferantenkreis zählt Kreisen zufolge auch der weltweit drittgrößte Zulieferer Magna , der bis vor einigen Jahren das komplette Saab 9-3 Cabrio fertigte. Am stärksten treffen die Probleme aber die ehemalige Saab-Mutter General Motors, die nach wie vor an Saab beteiligt ist und den Großteil der Saab-Komponenten liefert.

Der Produktionsstopp sorgt nicht nur in Schweden für Gesprächsstoff. Auch die noch verbliebenen deutschen Saab-Händler sind besorgt. "Wir hatten jetzt gerade Frühlingserwachen und schöpften Hoffnung", sagt Bettina Issinghoff, Geschäftsführerin des Saab-Partnerverbands Deutschlands. "Doch jetzt kommen alle Sorgen und alle Gespenster der letzten Jahre wieder hoch."

Unter Autoexperten mehren sich nun die Zweifel, ob Saab allein wieder auf die Beine kommt. "Ich sehe mittelfristig überhaupt keine Chance für Saab ", sagt Stefan Bratzel, Geschäftsführer des Center of Automotive in Bergisch Gladbach. "Saab ist viel zu klein, um zu bestehen."

Ähnlich kritisch äußert sich auch der skandinavische Autoexperte Krister Karlsson gegenüber manager magazin: "Wenn Saab nicht sehr rasch Eigenkapital oder andere liquide Mittel bekommt, werden sie nicht sehr lange überleben", meint der Professor der Copenhagen Business School.

Zumal der erzwungene Produktionsstopp nicht Saabs einzige Baustelle ist. Denn auch die Topmanager werfen ein Jahr nach der Übernahme durch den niederländischen Sportwagenbauer Spyker reihenweise das Handtuch. Nach dem Finanzmanager des Unternehmens verlässt nun auch der bisherige Saab-Vorstandschef Jan-Ake Jonsson Mitte Mai das Unternehmen - nach 38 Jahren im Dienste von Saab. Experten werten das als weiteren schweren Schlag für das Unternehmen, da Jonsson hohes Ansehen in der Autobranche hatte.

Hoffen auf Modell 9-5 und 9-4X

Sein Ausscheiden gab Jonsson bei Vorlage der Zahlen für 2010 bekannt - und die waren alles andere als erfreulich. In einem Jahr, das den meisten Autobauern hohe Gewinne bescherte, schrieb Saab einen Jahresverlust von 218 Millionen Euro. Statt der erhofften 80.000 Fahrzeuge konnte Saab 2010 nur 32.000 Autos verkaufen. Ursprünglich sollte Saab bereits 2011 wieder schwarze Zahlen schreiben. Das dürfte nun frühestens 2012 oder 2013 der Fall sein.

Saabs neuer Eigentümer, Spyker-Gründer Victor Muller, erklärt zwar, dass Saab näher am Turnaround sei als angenommen. Und immerhin: Saabs Verlust im vergangenen Jahr war nur noch halb so hoch wie noch 2009. Auch in seinen Hauptabsatzmärkten USA und Europa scheint Saab wieder Tritt zu fassen. Die Neuauflage des Oberklassemodells 9-5, die Saab seit März 2010 herstellt, ist laut Konzerninsidern "extrem gut" angekommen.

Im März stellte Saab auf dem Autosalon in Genf die vielbeachtete Sportwagenstudie Phönix vor, die bereits serienreife Technologie für die Neuauflage der Mittelklasselimousine 9-3 enthielt. Mit dem 9-4X, einem Mittelklasse-Geländewagen, geht Saab ab Mitte des Jahres im heftig umkämpften Klein-SUV-Segment auf Kundenfang. Und eine kürzlich angekündigte Kooperation mit dem Autobauer BMW soll Saabs technische Abhängigkeit von seiner früheren Mutter General Motors lösen.

Doch ob das ausreicht, um zu überleben, ist mit den derzeitigen Geldsorgen mehr als fraglich. Experten bezweifeln zudem, dass Saab in seiner derzeitigen Verfassung von Banken überhaupt noch Kredite erhält, wenn der schwedische Staat nicht erneut für den klammen Autohersteller bürgt.

Saabs Problem mit seinem russischen Interessenten

Ein Geldgeber für die klammen Schweden stünde bereit. Der 36-jährige russische Investor Wladimir Antonow, der jahrelang Mullers chronisch defizitären Sportwagenbauer Spyker durchfütterte. Doch der schwedischen Regierung, die bei dem Saab-Verkauf Ende 2009 eine Bürgschaft über 400 Millionen Euro übernahm und deshalb Mitspracherecht hat, passt Antonow nicht: Bei dem Verkauf an Muller wurde Antonow vertraglich von jeder Beteiligung ausgeschlossen, weil er nach Überzeugung des US-Geheimdienstes CIA angeblich mit Mafia-Kreisen in Russland verkehrt.

Antonow verkaufte auf Druck der schwedischen Regierung seine Anteile an Spyker. Doch im Hintergrund zog er offensichtlich weiter die Fäden. Vor einigen Monaten hat er sich wieder bei Spykers Sportwagengeschäft eingekauft - und möglicherweise auch Mullers Saab-Übernahme mitfinanziert.

Die Mafia-Vorwürfe bestreitet Antonow - und wehrt sich mit allen Mitteln gegen die Anschuldigungen, er hätte mit organisierter Kriminalität zu tun. Auf seiner Website  bietet er Berichte der Beratungsfirmen Kroll Inc. und IPSA zum Download, die ihm und seiner Familie eine weiße Weste attestieren. Und seit Kurzem hat Antonow auch die Vorzüge des Internet-Kurznachrichtendienstes Twitter entdeckt, um seinem Interesse an Saab Nachdruck zu verleihen. "Geld spricht nicht - manchmal schreit es auch", schrieb er am 6. April . "Lasst mich einfach rein!!!" twitterte er einen Tag zuvor. Laut Auskunft seiner Convers Group Holding ist Antonow bis Ende April auf Urlaub und steht für Presseanfragen nicht zur Verfügung.

"Antonow ist der letzte Strohhalm"

Von den 400 Millionen Euro, die Saab dank der Staatsbürgschaft von der Europäischen Investmentbank EIB bekam, waren zwar im Januar 2010 erst 225 Millionen Euro abgerufen. Doch das verbliebene Geld kann nicht zur Bedienung der kurzfristigen Lieferantenschulden verwendet werden, erklärten Experten gegenüber manager magazin. Denn Saab kann über die EIB-Gelder nicht frei verfügen, sondern diese nur für ganz bestimmte, vorab definierte Projekte verwenden.

Der schwedischen Regierung dürfte nun kaum eine andere Wahl bleiben, als Antonow ins Boot zu holen, wenn sie die 3100 verbliebenen Saab-Angestellten nicht auf die Straße setzen will. "Antonow ist der letzte Strohhalm, der Saab noch bleibt", urteilt Autoexperte Karlsson. Mit 50 Millionen Euro, ließ Antonow die Medien wissen, will er bei Saab einsteigen. Insidern zufolge soll Saab mit Billigung der schwedischen Regierung einen Kredit erhalten. Und zwar von der litauischen Bank Snoras, die vom Antonow kontrolliert wird.

Die Verbindung nach Russland ist aber nicht die einzige bittere Pille, die Saab schlucken muss. Denn in all dem Chaos scheint Saabs angeblicher Retter Muller auch seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Wie bei der Vorlage der Spyker-Bilanz Ende März bekannt wurde, hat der Aufsichtsrat von Spyker Mullers Gehalt auf mehr als eine Million Euro vervierfacht. Ein schönes Signal an die Saab-Mitarbeiter war das nicht.

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