Japan-Krise Volkswagen fühlt wegen Kurzarbeit vor

Die Folgen der Katastrophe in Japan erreichen zunehmend die Autobranche in Europa. Volkswagen hat sich am Standort Hannover nach den Bedingungen für Kurzarbeit erkundigt. Peugeot hat bereits Probleme, seine Fahrzeuge an die Kunden auszuliefern.
Teile fehlen: Volkswagen in Hannover bereitet sich auf Kurzarbeit vor

Teile fehlen: Volkswagen in Hannover bereitet sich auf Kurzarbeit vor

Foto: dapd

Hamburg - Logistiker sind in der Autoindustrie derzeit gefragte Leute. In nahezu allen Konzernen schalten sich die Experten mindestens täglich per Telefon oder Videokonferenz zusammen - bei Herstellern und Zulieferern gleichermaßen. Die Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Reaktorunglück hält die Branche in Atem. Denn obwohl Europas Autoriesen dutzende Werke auf fünf Kontinenten betreiben, geht ohne manche Teile aus Japan fast nichts.

Völlig sicher sind sich die Firmen deshalb nicht, dass sie die Krise schadlos überstehen werden. So hat Volkswagen  am Standort Hannover nach Informationen von manager magazin aus Branchenkreisen bereits angefragt, ob die Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeitergeld zahlen würde. Der Grund: Es fehlen Teile aus Japan für die Produktion. In Hannover beschäftigt Volkswagen gut 12.500 Mitarbeiter und baut dort den Transporter T5.

Volkswagen selbst wollte den Vorgang nicht kommentieren. "Generell machen wir Unternehmenskontakte und interne Abläufe nicht öffentlich", teilte ein Sprecher manager magazin mit. "Nach wie vor haben wir keine Auswirkungen auf die Produktion."

Die Bundesagentur für Arbeit wollte sich ebenfalls nicht äußern. Eine Sprecherin hatte jedoch bestätigt, dass Firmen aus der Autobranche sich bereits nach den Bedingungen für Kurzarbeit erkundigt haben.

Die nächsten drei Wochen sind entscheidend

Hannover ist jedoch offenbar nicht der einzige Standort, an dem es Probleme gibt. In Bratislava drohte Volkswagen aufgrund der Erdbebenkrise zwischenzeitlich der Nachschub mit Getrieben für seine Geländewagen auszugehen. Im slowakischen Werk laufen die Modelle Touareg, Audi Q7 und Porsche Cayenne vom Band. Der Sportwagenbauer bezieht Getriebe vom japanischen Zulieferer Aisin. Ein Produktionsstopp konnte gerade noch abgewendet werden.

Nicht nur Volkswagen leidet jedoch unter unterbrochenen Lieferketten. In den nächsten drei Wochen könnte es branchenweit ernste Engpässe geben, erwarten Experten. Gelingt es nicht, alternative Lieferanten zu finden, drohen Absatzrückgänge im Mai, heißt es bei einem großen Autozulieferer.

"Das Ende der Lieferschwierigkeiten lässt sich noch nicht absehen", sagt Analyst Christoph Stürmer vom Beratungshaus IHS Automotive. Die Hersteller haben sich seiner Ansicht nach unzureichend auf eine solche Krise eingestellt.

Einige Autokäufer schauen in die Röhre

Nach der großen Autokrise 2009 verlangten sie von den Lieferanten zwar laufende Nachweise, dass sie finanziell gesund seien. "Doch das geografische Risiko ist weitgehend ausgeblendet worden", sagt Stürmer. "Man dachte wohl, der Lieferant habe eigenes Interesse an dem Geschäft und werde sich schon so aufstellen, dass er immer liefern kann. Das hat nicht funktioniert."

Besonders groß sind die Schwierigkeiten, wenn ein Hersteller bei einem Teil auf nur einen Lieferanten setzt. Das bekommt derzeit vor allem Peugeot  zu spüren.

Der französische Autobauer hatte sich bei der Beschaffung von Luftmassensensoren gänzlich auf den japanischen Zulieferer Hitachi  verlassen. Hitachi bedient 60 Prozent des Weltmarktes. Doch die Produktion in Ibaraki nördlich von Tokio steht seit dem Beben am 11. März still. Das 90-Dollar-Teil regelt die Luftzufuhr im Verbrennungsmotor.

Ältere Modelle bei Peugeot kaum lieferbar

Weil es bei Peugeot zwischenzeitlich fehlte, drosselte das Unternehmen die Produktion um 20 bis 60 Prozent pro Standort. Nun hat der französische Autobauer ernste Lieferschwierigkeiten. Nach Informationen von manager magazin kommen einzelne ältere Dieselmodelle momentan nicht mehr zu den Händlern.

Ein Peugeot-Sprecher bestätigte Probleme gegenüber manager magazin, verwies aber darauf, dass die Produktion wieder hochgefahren worden sei. Das Unternehmen werde inzwischen von einem anderen Lieferanten versorgt. "Wir versuchen den Produktionsausfall zu kompensieren."

Generell erhielten Besteller von neuen Modellen ihr Fahrzeug jedoch schneller als Autofahrer, die seit langem eingeführte Modelle geordert haben, darunter schwach motorisierte Dieselfahrzeuge. Völlig stabil sei die Lage nicht, betonte der Sprecher. "Es können noch Überraschungen passieren."

In Belgien hat zudem der US-Autobauer Ford wegen Produktions- und Lieferengpässen nach der Erdbebenkatastrophe in Japan die Bänder in seinem belgischen Werk gestoppt. In Genk ruhe die Arbeit für fünf Tage seit Montag, hatte ein Firmensprecher angekündigt. Dies sei eine Vorsichtsmaßnahme. Bisher gebe es keine Lieferprobleme.

Der zweitgrößte US-Autobauer nimmt bereits für Wagen in bestimmten Farben keine Bestellungen mehr entgegen. Das für diese speziellen Pigmente zuständige Werk befindet sich in der Nähe des Katastrophenreaktors und wurde evakuiert.

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