Autobranche VW, Toyota und das Beben

In der Autobranche ist die Frage tabu: Wie stark profitiert Volkswagen von Toyotas Schwierigkeiten aufgrund der Erdbebenkrise? Tatsächlich rücken die Wolfsburger dem Weltmarktführer näher auf die Pelle. Die größten Krisengewinnler sitzen jedoch wohl in den USA.
Gigantischer Schaden: Toyota muss mit den Folgen von Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe klarkommen

Gigantischer Schaden: Toyota muss mit den Folgen von Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe klarkommen

Foto: Wally Santana/ AP

Hamburg - Ruhe ist in Wolfsburg derzeit oberste Managerpflicht. Bloß kein unpassendes Wort zum drohenden Absturz des wichtigsten Konkurrenten Toyota, heißt die Devise. Der von den Volkswagen-Lenkern lange beschworene Zweikampf zwischen den Deutschen und den Japanern um die Weltmarktführerschaft ruht angesichts von Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe - zumindest rhetorisch.

Dabei verschieben sich die Kräfte gerade merklich. Die Katastrophe hat Toyota  ins Mark getroffen. Erst vier Wochen nach dem Erdbeben fährt das Unternehmen einen Teil seiner Produktionsstätten im Heimatland hoch, die Fertigung in den USA ist wegen fehlender Teile aus Japan akut gefährdet, der Hersteller musste wegen des starken Yen zudem die Preise erhöhen. Auch in Deutschland gibt es Lieferverzögerungen.

In dieser Situation verbietet sich für Volkswagen  jeder Anflug von Freude, dass sich der Marsch an die Weltspitze beschleunigen könnte. Stattdessen spendet Volkswagen für Japan. Beobachter halten die Betroffenheit von Konzernchef Martin Winterkorn für authentisch.

Toyotas Ziele rücken in die Ferne

Faktisch profitiert Volkswagen von Toyotas Problemen jedoch erheblich. Volkswagen hat durch Toyotas Krise Chancen, sind sich Autoexperten einig. Zwar streiten sich Volkswagen und Toyota nur auf wenigen wichtigen Einzelmärkten im direkten Duell um die Pole Position, doch die zu erwartende weltweite Schwächung der Japaner scheint Volkswagen einen zusätzlichen Trumpf in die Hand zu geben.

"Volkswagen könnte Toyota schneller einholen als bisher geplant", sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer gegenüber manager magazin. Das selbst gesteckte Ziel, 2018 an den Japanern vorbeizuziehen, könne bereits zwei oder drei Jahre früher erreicht werden.

In den kommenden sieben Jahren will Volkswagen seinen Absatz auf zehn Millionen von bisher gut sieben Fahrzeuge steigern. Toyota hatte allerdings kurz vor dem Beben die eigene Messlatte nach oben gelegt, und die Zehn-Millionen-Marke bereits auf das Jahr 2015 gelegt.

Dieses Ziel rückt nun in die Ferne. Besonders schwierig ist die Lage für Toyota auf dem wichtigen Heimatmarkt. Auf insgesamt 1,32 Millionen Autos taxiert Dudenhöffer den Nachfrageausfall dort für Toyota für die kommenden fünf Jahre.

Das Glück ist Volkswagen schon länger hold

Nach der Katastrophe werde die Kaufkraft im Land deutlich sinken, weil Staat und Privatleute vermutlich einen dreistelligen Milliardenbetrag für den Wiederaufbau hinblättern müssen. Das trifft fast ausschließlich die heimischen Hersteller, die 95 Prozent des Absatzes auf sich vereinigen und Primus ist Toyota. Toyota arbeitet auf seinem Heimatmarkt unheimlich profitabel. Der Absturz dort ist die dramatischste Auswirkung für den Konzern."

Das ist auch den internationalen Ratingagenturen nicht verborgen geblieben. Moody's überprüft derzeit die Einstufung der Japaner. Die Überprüfung "spiegelt Moody's Ansicht wider, dass Toyotas finanzielle und operative Leistung sich nach dem Erdbeben vom 11. März und den daraus resultierenden Lieferkettenproblemen verschlechtern wird", urteilte die Agentur.

Schon zuvor hatte Toyota sein Image als Liebling der Finanzmärkte eingebüßt. Die Rückrufaktion in den USA wegen defekter Gaspedale hatte dem Autobauer eine gesenkte Bewertung durch "Standard & Poor's" eingebracht.

Toyota verschiebt Modellstarts

Nun fürchten Investoren vor allem, dass die Japaner Probleme bekommen, ihre führende Rolle bei Forschung und Entwicklung aufrecht zu erhalten. "Toyotas Produktentwicklungsprogramm ist deutlich geschwächt, weil weniger Kapital zur Verfügung steht", sagt Dudenhöffer.

Einen Rückschlag könnte das ambitionierte Hybridprogramm der Japaner bekommen. Inder Heimat verschiebt der Weltmarktführer bereits den Start zweier neuer Prius-Modelle. Es handelt sich um einen Minivan und einen Kombi.

Bei all den Problemen des Konkurrenten muss Volkswagen momentan nicht viel mehr tun als sich auf die eigenen Aufgaben zu konzentrieren. Ein neues Werk in den USA, eine neue Marke in China - Schritt für Schritt kommen die Wolfsburger auf ihrem Weg an die Weltspitze voran.

Dabei ist Volkswagen das Glück mal wieder hold. Schon in der großen Autokrise 2009/2010 war der Konzern weniger betroffen als Toyota, schlicht weil es im Krisenland USA weniger stark vertreten war. In China und Mitteleuropa, wo staatliche Programme den Absatz sicherten, konnte VW seine Stärke dagegen voll ausspielen.

Furcht vor verstrahlten Autos als Wettbewerbsfaktor

"Es scheint momentan so, als könne Volkswagen nichts falsch machen" sagt Unternehmensberater Engelbert Wimmer. "Die größte Gefahr ist, dass der Konzern überheblich wird." Winterkorn tue aber alles dafür, dass das nicht passiere.

Ganz verschont bleibt VW momentan jedoch nicht. In mehreren Werken drohen Teile auszugehen, weil japanische Zulieferer Probleme haben. In Hannover haben Volkswagen-Manager bereits bei der örtlichen Arbeitsagentur in Sachen Kurzarbeit vorgefühlt. Es gebe jedoch noch keine Unregelmäßigkeiten bei der Produktion, teilte ein Volkswagen-Sprecher gegenüber manager magazin mit.

Auch in Bratislava haben sich Nachschubschwierigkeiten nicht auf die Fertigung der Porsche Cayenne ausgewirkt, obwohl es Schwierigkeiten mit der Lieferung von Getrieben aus Japan gegeben haben soll. Unklar sind noch die Auswirkungen bei der Volkswagen-Beteiligung Suzuki .

Die lachenden Dritten

Auch deshalb warnen Branchenkenner Volkswagen davor, sich vorschnell zum Sieger im Wettrennen um die Weltmarktführerschaft auszurufen. "Es ist möglich, dass Volkswagen Toyota schneller überholt als geplant, aber es wäre ein Fehler nicht auch auf General Motors , Ford  und Hyundai  zu schauen", sagt Dudenhöffer.

Die US-Hersteller ziehen zumindest kurzfristig offenbar den größten Nutzen aus Toyotas Schwäche. Auf dem Heimatmarkt können sie dem bisher starken Konkurrenten aus Asien direkt Kunden abspenstig machen.

Vor allem dem Image von Toyota droht ein weiterer Rückschlag. Zur Belastung könnten Spekulationen über strahlenbelastete Fahrzeuge werden. Wimmer schätzt vor allem die US-Verbraucher als sehr empfänglich für das Thema ein. "Ein Absatzschaden in den USA ist beinahe unvermeidlich."

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