Japan-Krise Autoindustrie stellt sich wieder auf Kurzarbeit ein

Der deutschen Wirtschaft droht erneut flächendeckende Kurzarbeit, dieses Mal als Folge der Japan-Krise. Dabei haben viele Unternehmen ihre Belegschaften erst wieder seit einem Jahr wieder voll ausgelastet. Betroffen ist nun vor allem die Autoindustrie.
Produktion (noch) nicht gefährdet: Volkswagen hat aber eine Expertengruppe eingesetzt, die täglich die Lieferkette des Konzerns überprüft

Produktion (noch) nicht gefährdet: Volkswagen hat aber eine Expertengruppe eingesetzt, die täglich die Lieferkette des Konzerns überprüft

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Hamburg - Beim Stuttgarter Industriekonzern Bosch wird die Zeit langsam knapp. Mit Hochdruck versucht eine interne Expertengruppe, einen Überblick über die verschachtelten Lieferbeziehungen zu Firmen im von Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe gebeutelten Japan zu gewinnen.

"Das ist eine größere Aufgabe", sagt ein Firmensprecher gegenüber manager magazin. Kein Wunder, versorgen den Autozulieferer doch 550 Firmen aus Nippon. "Diese Woche können wir die Teileverfügbarkeit noch gewährleisten."

Wie bei Bosch sollen Logistikfachleute derzeit in vielen deutschen Unternehmen verhindern, dass die Japan-Krise ernste Auswirkungen auf die Produktionsabläufe zeitigt. Vor allem die Autoindustrie kämpft gegen Lieferengpässe. BMW , Volkswagen , Daimler  - sie alle räumen dem Thema Priorität ein, ebenso die Zulieferer. Schon spielen manche Firmen wieder mit dem Gedanken, ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken.

"Es gibt jeden Tag Anfragen zu Kurzarbeit", sagt ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit gegenüber manager magazin. Bisher habe zwar noch keine Firma einen Antrag mit Verweis auf Japan gestellt. "Wir stellen uns jedoch auf Szenarien ein, in denen die Unternehmen zu diesem Instrument greifen."

Firmen versuchen fieberhaft die Lieferketten anzupassen

Noch versuchten die Firmen fieberhaft, ihre Lieferketten umzustellen. "Es gibt aber ein paar Teile, bei denen die Suche nach Alternativen schwierig wird", verweist der Sprecher auf Informationen des Kurzarbeit-Fachbereichs der Bundesagentur.

Insbesondere Elektronikbauteile für Navigationsgeräte und Steuereinheiten drohen aufgrund der Zerstörungen in Japan knapp zu werden. Betroffen sind aber auch Stoßdämpfer oder scheinbare Kleinigkeiten wie Weichmacher für Kupplungsschläuche aus Gummi. "Überall, wo es um elektronische Bauteile geht, haben die Firmen einen verschärften Blick drauf", heißt es bei der IG Metall in Bayern.

Die Autoindustrie betont derweil, sie habe die Lage im Griff. "Die Firmen haben gelernt mit derartigen exogenen Schocks umzugehen", sagt ein Sprecher des Verbandes der Automobilindustrie gegenüber manager magazin.

Verband: "Gewisser Anspannungsgrad" in der Branche

Gelernt habe die Branche sowohl aus der Krise nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten und Problemen in der Autokrise 2009 sowie dem raschen Wiederhochfahren ein Jahr später. Gleichwohl sei ein "gewisser Anspannungsgrad" zu spüren".

Als erstes deutsches Unternehmen der Branche, das bereits auf Kurzarbeit im Zusammenhang mit der Japan-Krise zurückgegriffen hat, gilt Opel. In Eisenach zog der Autobauer eine allerdings ohnehin geplante Kurzarbeit in der vergangenen Woche vor, weil Elektronikteile fehlten. Stärker getroffen waren französische Autobauer. Peugeot-Citroën  musste die Produktion in Frankreich und Spanien herunterfahren.

Mit Kurzarbeit hatte die deutsche Autoindustrie während der großen Absatzkrise 2009/2010 gute Erfahrungen gemacht. Insgesamt arbeiteten zeitweilig 170.000 Mitarbeiter kurz. Allein Daimler wendete das Instrument für Zehntausende Mitarbeiter an, bei BMW waren in der Spitze 25.000 Mitarbeiter betroffen. Auch Zulieferer wie Bosch und ZF Friedrichshafen schickten Mitarbeiter nach Hause.

Bundesagentur sieht sich gerüstet

Die Bundesregierung weitete den Zeitraum für Kurzarbeit von sechs auf 18 Monate aus und die Bundesagentur für Arbeit zahlte den Beschäftigten einen Teil des Verdienstausfalls. Die Unternehmen blieben daher kaum auf zusätzlichen Kosten sitzen. "Kurzarbeit hat sich bewährt", sagt der Bosch-Sprecher. Momentan sei sie aber noch kein Thema.

Das Instrument trug 2009/2010 wesentlich dazu bei, dass die Autobauer nach überstandener Krise wieder rasch an ihre Produktionsspitzen anknüpfen und diese sogar noch übertreffen konnten. Einzelne Hersteller wie Daimler mussten im Anschluss sogar ihre Werksferien streichen.

Schon empfehlen die Gewerkschaften den Betrieben der Autobranche, notfalls wieder auf Kurzarbeit zu setzen. "Verantwortungsvolle Arbeitgeber sollten sich auf einen eventuell drohenden Stillstand in Teilen der Produktion vorbereiten, damit am Ende nicht schon wieder Belegschaften für etwas bluten müssen, das sie nicht einmal ansatzweise zu verschulden haben", meint ein Sprecher der IG Metall Baden-Württemberg. "Es gibt ja aus der jüngsten Vergangenheit sehr positive Erfahrungen im Umgang mit Kurzarbeit. Diese Erfahrungen sollten dann im Ernstfall genutzt werden."

Gut vorbereitet sieht sich ihrem Sprecher zufolge bereits die Bundesagentur für Arbeit. "Unsere Leute sind da noch gut geübt aufgrund der vorangegangenen Krise."

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