BMW Neue Werke, noch mehr Autos

Die bestürzende Lage in Japan überschattet die Bilanzvorlage des Autoherstellers. BMW hält Lieferengpässe für möglich, gibt sich langfristig aber sehr selbstbewusst. Der Autohersteller plant neue Werke, noch mehr Autos und fürchtet kaum ein Risiko.  
Von Cornelia Knust
Norbert Reithofer

Norbert Reithofer

Foto: Tobias Hase/ dpa

München - Irgendwie fast unwirklich, an so einem Tag die Bilanzpressekonferenz eines Herstellers von gehobenen Automobilen zu besuchen. Das dachte sich wohl auch Norbert Reithofer, Vorstandsvorsitzender von BMW , und sprach heute zu den Journalisten aus aller Welt zunächst von der Katastrophe in Japan: "Es fällt schwer zum Alltagsgeschäft überzugehen. Wir sind tief betroffen von dem unfassbaren Leid."

50 Mitarbeiter der BMW-Vertriebstochter in Tokio seien bereits nach Deutschland geholt worden. Den japanischen Mitarbeitern sei schon seit Samstag angeboten worden, sie in den Süden des Landes zu bringen. Der Vorstand habe eine Soforthilfe für die Opfer beschlossen, deren Höhe später mitgeteilt werde. Außerdem werde BMW ein Spendenkonto einrichten, auf das Mitarbeiter einzahlen könnten.

BMW ist seit 30 Jahren mit einer eigenen Gesellschaft in Japan präsent und hat dort im Jahr 2010 rund 44.000 Fahrzeuge verkauft, wie ein Sprecher sagte. Damit gehört das Land zu den zehn wichtigsten Märkten des Konzerns. Wie sich die Katastrophe auf das eigene Geschäft in Japan auswirken werde oder auf die globale Wirtschaftsentwicklung insgesamt, dazu wollte Reithofer noch nichts sagen.

Der Automobilhersteller bezieht aus Japan Getriebe; der Vorrat reiche aber noch für einige Wochen, sagte Einkaufsvorstand Herbert Diess. Außerdem hätten die eigenen Zulieferer teils japanische Unterlieferanten für Elektronikbauteile. In gut einer Woche könne man sagen, ob es da zu Engpässen kommen werde.

Woher kommt der Strom für die Elektroautos?

Ob die eigene Elektroauto-Leichtbau-Strategie nicht Makulatur sei, wenn "sauberer" Atomstrom vielleicht durch umweltschädliche Kohleverstromung ersetzt werden müsste, darauf hatte der BMW-Vorstand keine Antwort. Man sei schließlich kein Energiekonzern. Dass Kohlefaser der Werkstoff der Zukunft sei, zeige der Einstieg von Volkswagen bei SGL Carbon, dem Joint-Venture-Partner von BMW für die Elektroautos I3 und I8, die 2013 auf den Markt kommen sollen.

Abseits der bestürzenden Nachrichten aus Japan spulte BMW das Programm ab: "Wir sind weltweit der erfolgreichste Premium-Hersteller". Der Konzern (60,5 Milliarden Euro Umsatz) hat die Krise so schnell verlassen, wie sie über ihn gekommen ist. Er soll in diesem Jahr "deutlich über 1,5 Millionen Automobile" (Vorjahr: 1,46 Millionen) der Marken BMW, Mini und Rolls-Royce ausliefern.

Für die Marke BMW wurde auch auf Nachfrage keine getrennte Zahl genannt. Alle drei Marken sollen aber wachsen, und zwar stärker im ersten Halbjahr (wegen neuer Modelle) als im zweiten Halbjahr (wegen des Basiseffekt zum guten Jahresausklang 2010). Der Absatzmarkt China werde wieder zweistellige Zuwachsraten ausweisen, aber nicht ganz so hohe wie 2010.

Da das Sparprogramm und die Baukastenstrategie der vergangenen Jahre in den jetzt neuen Modellen erstmals durchschlägt und auch höhere Preise geplant sind, soll sich die Marge weiter verbessern, sagte Finanzchef Friedrich Eichiner. Die Vorsteuerrendite (Ebit) im Automobilgeschäft soll mehr als 8 Prozent betragen, die Kapitalrendite (Roce) mehr als 26 Prozent. Für die Sparte Finanzdienstleistungen (sie hat jetzt ein Geschäftsvolumen von 66 Milliarden Euro) nannte Eichiner kein Renditeziel; im vergangenen Jahr sei eine Eigenkapitalrendite von 26 Prozent erzielt worden.

Entscheidung über neues Werk in Brasilien

Die Dividendenerhöhung um einen Euro auf 1,30 Euro bezeichnete Eichiner als "deutlichen Schritt". Angesichts der Konzernliquidität von rund 9 Milliarden Euro sagte der Finanzchef: "Wir bereiten uns auf zukünftige Investitionen vor. Der Vorstand befindet sich in einem neuen Strategieprozess". Neu ist, dass in diesem Jahr über einen Werksneubau in Brasilien entschieden werden soll. Es werde sich zunächst nur um die Montage von vorproduzierten Bauteilen handeln - weitere Ausbau nicht ausgeschlossen.

Währungsrisiken sieht der Vorstand keine, weil alles abgesichert. Die hohen Rohstoffpreise werden zwar zu Buche schlagen, aber durch Produktivitätsgewinne überkompensiert. Und überdies gelingt BMW das Wunder, immer mehr Autos zu produzieren, ohne das Personal aufzustocken. 2010 ging die Mitarbeiterzahl leicht auf 95.500 zurück und soll in diesem Jahr stabil bleiben. Damit fertigt BMW mit etwa der gleichen Belegschaft wie vor zehn Jahren anderthalb mal so viele Autos wie damals.

Keine Zahl zu Leiharbeitern

Dass dies gerade in den fast nicht mehr stattfindenden Werksferien nur mit einer großen Zahl an Leiharbeitern gelingen kann, darüber scheint der Vorstand nicht gerne zu sprechen. Jedenfalls will Personalchef Harald Krüger partout keine Zahlen für Leiharbeiter nennen und geht auf den Konflikt mit der IG Metall mit keinem Wort ein.

Der bayerische IG Metall-Chef Jürgen Wechsler, der auch im BMW-Aufsichtsrat sitzt, hatte die Zahl der BMW-Leiharbeiter in Deutschland auf 5000 beziffert und angedroht, Zusatzschichten im Frühjahr nur zu genehmigen, wenn sich BMW beim Thema Leiharbeit bewegt. Auch habe BMW die Tariferhöhung in diesem Frühjahr erst auf massives Drängen der IG Metall zwei Monate vorgezogen.

Reithofer verweist elegant auf eine vergangene Woche kommunizierte Erfolgsbeteiligung für alle Mitarbeiter von 1,6 Monatsgehältern, außerdem auf die gute Kursentwicklung, von der ja auch die Belegschaftsaktionäre profitiert hätten. Reithofer selbst hat laut Geschäftsbericht im vergangenen Jahr 4,3 Millionen Euro verdient - ein im Vergleich der Dax-Vorstände fast bescheidener Betrag. Das "Familienunternehmen" BMW, fast zur Hälfte im Besitz der Familie Quandt, ist traditionell auf Maßhalten gestimmt.

Vorstandsvergütung künftig teils in Aktien

Doch nun sollen auch aktienbasierte Vergütungssysteme Einzug halten. Im Dezember 2010 habe der Aufsichtsrat beschlossen, ab 2011 die Vorstandsmitglieder zu verpflichten, 20 Prozent ihrer Tantiemen nach Steuern in BMW-Stammaktien zu investieren, die mindestens vier Jahre zu halten sind, heißt es im Geschäftsbericht.

Zum Thema Frauenförderung sagte Reithofer an der Seite seiner sechs männlichen Vorstandskollegen nur diese zwei Sätze: "Wir werden mehr Frauen in Führungspositionen bringen. Sie bringen zum Beispiel auch andere Aspekte in die Führung ein". Immerhin ist Quandt-Erbin Susanne Klatten im Aufsichtsrat nicht die einzige Frau. Auch Renate Köcher vom Institut Allensbach bringt andere Aspekte ein.

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