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GM: Untergang und Auferstehung einer Industrie-Ikone

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GM-Börsengang "Diese Wettbewerbsverzerrung belastet die ganze Branche"

Die Wall Street ist im GM-Fieber. Mit stehenden Ovationen begrüßen Händler und Investoren den US-Autobauer zurück auf dem Parkett. Der Aktienkurs steigt. Doch die Konkurrenz von Volkswagen und Co. beißt sich auf die Lippen. Einmal mehr wird klar: Wer miserabel wirtschaftet, wird dafür auch noch belohnt.

Hamburg - Ohne Superlative scheint es bei General Motors nicht zu gehen. Erst rutschte der Detroiter Autobauer in die größte Pleite der US-Geschichte, nun legt das Unternehmen ein ebenso eindrucksvolles Comeback hin. Als GM-Chef Dan Akerson die Glocke an der Wall Street läutete, gab er das Zeichen zum größten IPO, den die Börse je gesehen hat.

Aus dem einst hässlichen Detroiter Riesen General Motors ist ein Liebling der Investoren geworden. In New York jubeln die glücklichen Anleger, zumeist große Pensionsfonds und andere Institutionelle wie Staatsfonds und Banken. Kurz nach ihrer Wiedernotierung legte die Aktie am Donnerstag deutlich auf 35 Dollar  zu und übertraf den Ausgabekurs damit um zwei Dollar.

Wer allerdings nicht unmittelbar von dem märchenhaften Börsengang profitiert, teilt die Euphorie eher nicht. Denn nur durch das massive Eingreifen der US-Regierung konnte der lange Zeit größte Autobauers der Welt überhaupt wiederauferstehen. Auf diese Weise hat der Staat jahrelange Misswirtschaft in Detroit auch noch belohnt.

"Die Staatshilfen für General Motors sind ein massiver Eingriff in den Wettbewerb", klagt Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach. "Mit einer geordneten Insolvenz wäre GM nicht verschwunden, aber die Sanierung hätte länger gedauert. In der Zwischenzeit hätte andere Hersteller weltweit größere Marktanteile von GM übernommen."

Noch immer zeugen Dutzende Ruinen vom Niedergang

Doch der US-Regierung war es wichtiger ein Symbol gegen den besonders im Fall von GM augenfälligen Verfall der US-Industrie zu setzen - ganz gleich, ob der Konzern sein Scheitern mit jahrelangen Rabattschlachten und Überkapazitäten selbst zu verantworten hatte oder nicht. "General Motors war alles andere als ein Vorbild in der Branche", sagt Fondsmanager Jürgen Meyer von SEB Asset Management.

Noch immer zeugen Dutzende Fabrikruinen in den gesamten USA vom Niedergang des Autobauers. Ganze Werke, Immobilien, sogar werkseigene Golfplätze und Kirchen stehen noch zum Verkauf, doch darum muss sich das Unternehmen nicht mehr scheren. In der Motors Liquidation Companies werden die verbliebenen 124 Investitionsruinen feilgeboten, das Abwicklungsunternehmen trug ähnlich einer Bad Bank mit Hilfe des Staates die Lasten der aufwändigen Sanierung.

Investoren blicken gierig auf die geschminkte Bilanz

Um all das müssen sich Anleger nicht mehr scheren. Sie bewerten die Chancen von GM entsprechend positiv. Zum Börsenstart konnte das Unternehmen den maximal möglichen Preis für die Stammaktien von 33 Dollar verlangen. Weil das Unternehmen die Zahl der ausgegeben Aktien zuletzt erhöht hatte, spielt der Börsengang zwischen 20 und 23 Milliarden Dollar ein. Damit hat er das Zeug, den bisherigen Rekord-IPO der Agricultural Bank of China (22,1 Milliarden Dollar) zu übertreffen.

US-Medien hatten zuletzt von einem regelrechten Ansturm auf die Papiere berichtet. Demnach überstieg die Zahl der Aktienwünsche die der tatsächlich ausgegebenen Anteilsscheine um das sieben- bis achtfache.

Gelockt hat die Investoren vor allem die mit Staatshilfe aufgehübschte GM-Bilanz. Die Kasse weist einen Barmittel von mehr als 30 Milliarden Euro auf, in etwa so viel wie Konkurrent Volkswagen . Der Schuldenstand ist auf knapp neun Milliarden Euro zusammengeschmolzen, bei Volkswagen liegt er fast zehnmal höher. So lässt sich leichter profitabel wirtschaften - die Gewinne fließen bei General Motors seit zwei Quartalen wieder.

Dem Staat ist es gelungen, den Riesen über die Zeit zu retten. In den USA ziehen die Verkäufe schon wieder an. Wichtiger noch: Auf dem größten Wachstumsmarkt China dreht GM weiterhin ein großes Rad.

Volkswagen unter Druck

Das macht vor allem Volkswagen zu schaffen. In China streiten sich die beiden Autoriesen - jeweils verbandelt mit chinesischen Platzhirschen - um die Krone. General Motors verkauft dort etwa ein Viertel seiner gesamten Produktion. "Für GM war es wichtig, in China die Stellung zu halten", sagt Bratzel. "Der Erfolg dort hilft dem Unternehmen im Moment enorm."

Und weil die Wachstumsaussichten im bevölkerungsreichsten Land der Erde weiterhin rosig sind, hätte beispielsweise eine Zerschlagung von GM Volkswagen den Weg an die Weltspitze weiter erleichtert. Für die Wolfsburger muss es wie bittere Ironie klingen, dass nun auch noch der chinesische GM-Partner SAIC mit einem Prozent (500 Millionen Dollar) bei dem Detroiter Hersteller einsteigt.

"GM wird nun wieder angreifen, weil das Unternehmen weitgehend von seinen Altlasten befreit ist", sagt Analyst Frank Schwope von der NordLB. 14 der 47 Werke wurden geschlossen, vier Automarken geschlossen oder verkauft, mehr als 100.000 Jobs abgebaut. Wegen der Entlastung auf der Kostenseite arbeitet GM nun wieder profitabel.

Fondsmanager: "Finanzleichen sollten ihrem Schicksal überlassen werden"

Für diesen Neustart hat außer Altaktionären und Gläubigern auch der US-Steuerzahler kräftig geblutet. Insolvenz, Rettung und Börsengang von General Motors waren für den Staat ein milliardenschweres Minusgeschäft. Ganz offen verteidigt Präsident Barack Obama das Ziel der Regierung, die Autobranche in den USA nicht nur zu retten, sondern auch "wettbewerbsfähiger für die Zukunft" zu machen.

Insgesamt hatte die US-Regierung GM mit 49,5 Milliarden Dollar gestützt, wovon ein Teil schon zurückgezahlt ist. Auch Kanada hatte Geld zugeschossen. Für den Anteil in Höhe von 61 Prozent der GM-Anteile hatte die US-Regierung 40 Milliarden Dollar aufgewendet. Diese Aktien sind - den jetzigen Ausgabepreis zugrunde gelegt - jedoch nur 30 Milliarden Dollar wert. Dafür, dass der Staat seinen Anteil nun auf etwa 37 Prozent reduziert, bekommt er zunächst lediglich knapp 12 Milliarden Dollar.

Nach Berechnungen des "Wall Street Journal" müsste der Aktienkurs von GM auf 51 Dollar steigen. Da bisher keine Dividende für die Stammaktien geplant ist, steigen die Kosten für den Staat im Laufe der Zeit faktisch weiter. Aus dem Rettungsakt wird eine jahrelange Dauersubvention, die den Weltmarkt kräftig beeinflusst.

Denn trotz seiner Pleite ist GM immer noch der zweitgrößte Autohersteller der Welt - nach Toyota  und vor Volkswagen. "Das Rennen um die Spitzenposition ist offen", sagt Schwope. Eigentlich hatte Volkswagen sich vorgenommen, bis 2018 Toyota zu überholen und weltweit die Nummer eins zu werden.

"In den nächsten Jahren wird GM weiter mit Toyota um die Marktführerschaft kämpfen", sagt Bratzel. Es sei keineswegs sicher, dass Volkswagen sich zügig an den beiden vorbeischiebt, zumal von den hinteren Rängen Ford  und vor allem Hyundai  drängen.

Ford leidet unter "Government Motors"

Ford leidet aber ebenfalls unter dem zum Leben erweckten Konkurrenten aus Detroit. Zwar haben die Dearborner auch deshalb recht schnell aus der Krise gefunden, weil viele Autofahrer in den Staaten kein Auto eines Staatsunternehmens wie GM kauften wollten.

Im internationalen Geschäft nützt die daheim honorierte Selbstständigkeit weniger. Denn das Unternehmen drückt eine gigantische Schuldenlast. Ford hatte sich rechtzeitig vor der schlimmsten Phase der Krise mit Kreditlinien in Höhe von mehr als 20 Milliarden Dollar eingedeckt. Doch nun wird deutlich, dass es angenehmer sein kann, den Staat an der Seite zu haben als zinshungrige Großbanken.

Für die Zukunft erwarten Branchenkenner einen weiter wachsenden Einfluss des Staates auf die Autoindustrie. Vor allem in China dürfte die kommunistische Regierung darüber mitentscheiden welcher Hersteller vorn liegt und wie stark die Lokalmatadore werden.

Investoren müssen dann den richtigen Riecher für Interventionen haben oder einen Bogen um den Wirtschaftszweig machen. "Diese Wettbewerbsverzerrung belastet unterm Strich die gesamte Branche", sagt Aktienstratege Meyer. "Die starken Hersteller wären schon längst weiter, wenn man die Finanzleichen ihrem Schicksal überlassen hätte."

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