Autobauer VW erwägt frühere Übernahme von Porsche

Der Automobilkonzern Volkswagen wird die Porsche AG  nach Informationen von manager magazin womöglich relativ zügig komplett übernehmen. Wolfsburg will mit diesem Schritt für klare Verhältnisse sorgen, zumal sich die Verschmelzung mit der hoch verschuldeten Obergesellschaft Porsche SE verzögern dürfte.
VW-Chef Martin Winterkorn: Möglichst schnell klare Verhältnisse schaffen

VW-Chef Martin Winterkorn: Möglichst schnell klare Verhältnisse schaffen

Foto: DDP

Hamburg - Der Automobilkonzern Volkswagen wird die Porsche AG womöglich relativ zügig komplett übernehmen. Das berichtet das manager magazin in seiner neuesten Ausgabe (Erscheinungstermin: 22. Oktober). Die Konzernspitze erwäge, so möglichst schnell klare Verhältnisse zu schaffen, heißt es in Unternehmenskreisen.

Aktuell hält Volkswagen  49,9 Prozent der Anteile an dem Stuttgarter Sportwagenproduzenten. Dafür zahlte VW 3,9 Milliarden Euro. Bislang galt der Kauf der restlichen 50,1 Prozent stets als eine reine Notvariante. Der Anteil würde ähnlich bewertet wie die erste Hälfte. Allerdings müsste VW eine nicht unerhebliche Steuerlast tragen, die umso höher ausfällt, je früher man kauft.

Die VW-Spitze und die hoch verschuldete Obergesellschaft Porsche SE hatten sich im August 2009 darauf geeinigt, beide Konzerne möglichst bis Ende 2011 zu verschmelzen. Doch der Zeitplan dürfte sich angesichts juristischer und steuerlicher Probleme kaum noch einhalten lassen.

In Familienkreisen heißt es bereits, je weiter die Verschmelzung hinaus geschoben werde, desto unwahrscheinlicher werde sie. Auch bei einem Komplettverkauf des operativen Porsche-Geschäfts bleibe die Porsche SE eine absolut solide Gesellschaft, sagte ein Topmanager.

Bei einem Verzicht auf die Fusion behielte die Porsche SE wie bislang 50,8 Prozent der Volkswagen-Stammaktien. Bei einer Verschmelzung würde dieser Anteil abhängig von der Bewertung der Konzerne vermutlich auf 30 bis 35 Prozent sinken. Martin Winterkorn, gleichzeitig Vorstandschef von Volkswagen AG und Porsche SE, betont allerdings stets, er wolle die Unternehmen weiterhin fusionieren. Die Porsche AG  , unter der Porsches Automobilgeschäft gebündelt ist, würde dann automatisch in den Multimarkenkonzern Volkswagen integriert.

Die Fusion verzögert sich unter anderem wegen milliardenschwerer Klagen gegen die Porsche SE. Eine Gruppe amerikanischer Investoren wirft der Stuttgarter Gesellschaft und ihren ehemaligen Vorständen Wendelin Wiedeking und Holger Härter vor, sie hätten den Kurs der VW-Stammaktien 2008 manipuliert. Die Anleger fordern deshalb vor einem New Yorker Gericht Schadensersatz von der Porsche SE, Wiedeking und Härter. Sie beziffern ihre Verluste nach Informationen des manager magazins mittlerweile auf 3,1 Milliarden Dollar. Das sind gut eine Milliarde Dollar mehr als bislang bekannt.

Frühe Komplettübernahme der AG würde Risiken der Familien reduzieren

Das US-Gericht will im Januar darüber entscheiden, ob es die Klage annimmt. Für den Fall einer Ablehnung erwägen die Investoren, sich an ein deutsches Gericht zu wenden. Porsche und die beiden Ex-Vorstände weisen sämtliche Vorwürfe zurück und sehen keinen Ansatz, eine solche Klage in den USA zu verhandeln. Für den Fall, dass der zuständige Richter dem Antrag der Investoren doch entspricht, erwartet die Porsche-Spitze allerdings ein jahrelanges Verfahren - und damit auch eine dementsprechende Verzögerung einer Fusion.

So lehnen sowohl Volkswagen-Vorstand als auch der Betriebsrat und der Großaktionär Niedersachsen eine Verschmelzung ab, so lange die Klagerisiken nicht aus dem Weg geräumt sind. Die Porsche SE allerdings sieht keine Risiken und verweist auf Gutachten, die den Klagen keine Chance geben. Das Unternehmen habe nicht einmal Rückstellungen für den Fall gebildet, dass es Schadensersatz leisten müsse, berichten Familienkreise.

Auch die Familien Porsche und Piëch als Haupteigentümer der Porsche SE hatten nach Informationen des manager magazins wegen der Klagerisiken lange gezögert, die geplante Kapitalerhöhung mitzutragen. Inzwischen haben sie ihre Zustimmung allerdings gegeben.

Fünf Milliarden Euro will der Konzern über die Aktienemission einnehmen. Die Familien halten 90 Prozent des Stammkapitals. Sie müssten damit 2,25 Milliarden Euro einschießen, um ihren Anteil zu halten. Eine frühzeitige Komplettübernahme der Tochter Porsche AG durch VW würde die Risiken der Porsches und Piëchs erheblich reduzieren. Immerhin würden so rund vier Milliarden Euro in die Kassen der SE fließen.

Steuerliche Folgen der Verschmelzung ungeklärt

Aber nicht nur die juristischen Probleme sind weit gravierender als von beiden Unternehmen erwartet. Auch die steuerlichen Folgen einer Verschmelzung sind noch immer nicht geklärt.

Schuld ist der sogenannte Umwandlungssteuererlass beziehungsweise das lange Warten auf diese Richtlinie. Das zuständige Bundesfinanzministerium verzögert sie schon seit etlichen Monaten; die Ministerialbürokratie sei momentan offenbar nicht entscheidungsfähig, heißt es in Konzernkreisen. So lange es keinen Erlass gibt, gibt es aber auch keine verbindliche Auskunft des Finanzamts; und ohne diese verbindliche Auskunft wird es keine Fusion geben.

Aus der noch vor gut einem Jahr so sicher scheinenden Verschmelzung zweier deutscher Automobilkonzerne ist ein extrem komplexes Geflecht von juristischen und steuerlichen Wenns und Abers geworden. Selbst die Kapitalerhöhung könnte zu einem finanzmarkttechnischen Akrobatenstück werden.

Anfechtungsklagen erwartet

Denn auf die Porsche-Hauptversammlung am 30. November dürften Anfechtungsklagen folgen; davon geht die SE-Spitze fest aus. Diese Klagen könnte das Unternehmen zwar über ein sogenanntes Freigabeverfahren aus dem Weg räumen. Doch inclusive religiös-besinnlicher Verzögerungen wie der Weihnachtsfeiertage dürfte es bis April dauern, bevor die neuen Anteile am Markt verkauft werden könnten.

Sollte es gar noch später werden, raten Investmentbanker offenbar dazu, die Kapitalerhöhung gleich auf Juli oder August 2011 zu verschieben. Die Monate Mai und Juni halten sie nicht gerade für die ideale Jahreszeit. Dann aber, Probleme über Probleme, könnte die Porsche SE nicht mehr wie eigentlich vorgesehen direktes Kapital emittieren. Für diesen Zweck wird sich die Gesellschaft auch die Ausgabe eines bedingten Kapitals und zusätzlich - dreifach hält besser - auch Wandelschuldverschreibungen genehmigen lassen, um sicher auf fünf Milliarden Euro zu kommen.

Aber vielleicht haben die doppelten Vorstands- und Finanzchefs Martin Winterkorn und Hans-Dieter Pötsch ja bis dahin längst ernst gemacht, den VW-Anteil an der Porsche AG auf 100 Prozent erhöht; und plötzlich wird alles viel einfacher.

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