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Fotostrecke: Topmodelle in Schwellenländern

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Duell Volkswagen/Toyota Inder entscheiden über Sieg und Niederlage

Volkswagen und Toyota kämpfen erbittert um den Titel als weltweit größter Autohersteller. Immer enger scheint das Rennen zu werden. Entschieden aber wird es wohl nicht nur in den Riesenmärkten China und USA. Ausgerechnet das Schwellenland Indien kann den entscheidenden Akzent setzen.
Von Volker Müller

Neu-Delhi - Bescheidenheit sieht anders aus. "Volkswagen  will bis zum Jahr 2018 der größte Automobilhersteller weltweit werden", verkündet Konzern-Chef Martin Winterkorn gerne. Er will endlich an Toyota  vorbeiziehen. General Motors  hat er bereits hinter sich gelassen, auch wenn GM in diesem Jahr mit US-Staatshilfe wohl Achtungserfolge erzielt. Und der VW-Abstand zum Branchenprimus ist auf ein erträgliches Maß geschmolzen: Toyota verkaufte vergangenes Jahr 7,81 Millionen Fahrzeuge weltweit, Volkswagen 6,29 Millionen.

Doch nicht nur die gesättigten, verteilten Märkte in Amerika oder Europa werden den Wettkampf entscheiden. Nicht einmal ausschließlich China. Ausgerechnet im unterentwickelten Indien kann Volkswagen einen entscheidenden Vorteil im Kampf um den ersten Platz der Autoherstellerrangliste erringen."

Spätestens 2018 werden jährlich mehr als fünf Millionen Autos in Indien verkauft, zuletzt waren es knapp zwei Millionen. So viel Mengenwachstum gibt es auf kaum einen anderen Markt. Vor allem aber: Die Marktpositionen sind noch nicht verteilt. Wer allerdings an der Spitze liegen wird, ist noch völlig offen. Nur eines ist sicher, die Schlacht um Marktanteile wird Geld kosten. Viel Geld.

Volkswagen, so verkündete Winterkorn erst vor wenigen Tagen, wolle in Indien die Erfolgsgeschichte aus China wiederholen: "Unser Marktanteil in China beträgt etwa 20 Prozent. Das entspricht auch unserem Ziel in Indien." Davon ist der Konzern noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte entfernt: Zuletzt lag der Marktanteil bei 1,35 Prozent - die Konzernmarken Skoda, Audi und Bentley mitgerechnet.

Doch die Wolfsburger machen Druck. Erst im Mai 2009 eröffnete Volkswagen im westindischen Pune, unweit der Finanzmetropole Mumbai, sein neues Werk - für 110.000 Fahrzeuge im Jahr. Es ist die größte Einzelinvestition eines deutschen Unternehmens in Indien bisher. Kosten: 580 Millionen Euro. Denn nur mit einer Produktion im Land selbst hat Volkswagen eine Chance, auf dem Siegertreppchen zu landen. Importierte Fahrzeuge sind mit Zöllen zwischen 35 und 110 Prozent belegt. Toyota hält dem entgegen. Für fast den gleichen Betrag haben die Japaner in Bangalore ein nahezu gleich großes Werk errichtet. Hier soll von Dezember an der neue Kleinwagen Etios vom Band rollen.

Mit dem teuersten Modell zuerst

Ein schwerer Brocken für die Konkurrenz: Der Wagen wurde für indische Kunden maßgeschneidert. Er bietet besonders viel Platz auf den Rücksitzen, verzichtet auf Schnickschnack, hat eine große Bodenfreiheit und lange Wartungsintervalle - Killerargumente in einem Markt, dessen Kunden extrem preissensibel sind, die Autos oft überladen fahren und die Straßen häufig Feldwegen gleichen. Verkaufsziel: 64.000 Exemplare im ersten Jahr.

Die Strategien der beiden Autogiganten gleichen sich bislang auffällig: Beide sind in den indischen Markt mit großen, teuren Fahrzeugen für eine wohlhabende Minderheit eingestiegen. Toyotas Fahrzeugpalette adressierte bis zuletzt gerade einmal 15 Prozent des Markts. Auch Volkswagen startete nicht mit Lupo, Fox oder Polo, sondern mit Tuareg, Phaeton und Passat. Ziel dieser "Top-down-Strategie": "Wir führen Volkswagen als Premiumanbieter in den Markt ein und festigen mit den technisch anspruchsvollen Fahrzeugen dieses Bild. Das erlaubt uns später auskömmlichere Margen auch bei Kleinwagen", erklärt Jörg Müller, Volkswagen-Indien-Chef, seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren. Es ist ein weiter Weg.

In China verkaufte Volkswagen zwischen Januar und August 1,3 Millionen Fahrzeuge, in Indien gerade einmal 25.000. Eine Million soll es spätestens 2018 sein. Indien stünde dann für gut 10 Prozent des VW-Absatzes. Der Polo, seit Sommer auf dem Markt, und sein Stufenheck-Bruder Vento sollen dazu entscheidend beitragen. Die Autos kommen an bei den Indern. Sie katapultierten die Verkäufe gegenüber dem Vorjahr um 160 Prozent nach oben. Die Wartefrist beträgt inzwischen drei Monate. Volkswagen wird nun eine zweite Schicht im Werk in Pune starten. Doch der erhoffte Premiumaufschlag fällt geringer aus, als intern wohl erhofft. VW hat aus dem Desaster seines Wettbewerbers Honda gelernt.

Die Japaner sind mit ihren Modellen City, Civic und Accord eines der erfolgreichsten Autounternehmen im Premiumsegment. Ihr Versuch jedoch, den Kleinwagen Jazz mit einem deutlichen Aufschlag zu verkaufen, scheiterte grandios - positiven Kritiken in den Automagazinen zum Trotz. Indische Kunden sind extrem preissensibel. Sie verzichten gerne auf Luxus und zusätzliche Ausstattung, um den Preis niedrig zu halten. Gerade bei Kleinwagen.

Der neue Angreifer Hyundai

Auch Toyota ist sensibilisiert. "Die Japaner können sich Aufschläge von 5 bis 7 Prozent gegenüber anderen Herstellern erlauben", sagt Sumit Arora, Autoexperte des Marktforschers Synovate. Das Image von Toyota habe sich trotz der jüngsten Rückrufaktionen nicht geändert. Die Fahrzeuge gelten als äußerst zuverlässig und haben einen attraktiven Wiederverkaufswert. "Aber das Beispiel des Honda Jazz zeigt, dass sich die Aufschläge bei größeren Stufenhecklimousinen leichter durchsetzen lassen als bei Kompaktwagen.

So hält Toyota auch den Preis für den Etios, sorgsam unter Verschluss. Änderungen in letzter Minute nicht ausgeschlossen. Schon prüft Volkswagen die Option, mit dem neuen japanischen Partner Suzuki einen neuen Kleinstwagen für Schwellenländer zu entwickeln. Die Deutschen hatten erst im Dezember 2009 einen Anteil von 19,9 Prozent an dem Kleinwagenspezialisten erworben. Doch die Japaner sind zurückhaltend. Ihre Tochter Maruti Suzuki hat einen Marktanteil von etwa 50 Prozent in Indien, dank einer breiten Palette günstiger Modelle und eines unschlagbar dichten Händler- und Servicenetzes. Davon wollen die Japaner unter keinen Umständen etwas an Volkswagen abgeben.

Einen Strich durch die Rechnung der beiden Giganten Toyota und Volkswagen könnte ausgerechnet der deutlich kleinere Wettbewerber Hyundai Motor machen. Seit 1996 im Land haben sich die Koreaner etwa 21 Prozent Marktanteil erkämpft - mit kleinen, in Kauf und Unterhalt günstigen, aber zuverlässigen Autos. Ihr Modell i10 ist inzwischen das am dritthäufigsten verkaufte Fahrzeug in Indien. Unter den Top Ten der Zulassungsstatistik finden sich allein drei Hyundai-Modelle. Damit wollen sich die Koreaner nicht begnügen: "Ziel jedes Herstellers ist, die Nummer eins zu werden" , sagte Heung Soo Lheem, bis Frühjahr dieses Jahres Landeschef. "Es ist auch unser Ziel."