Opel Ende eines Schauspiels

Von Karsten Stumm
Von Karsten Stumm
Über Monate tat General Motors so, als hinge die Opel-Existenz von Staatshilfen ab. Nun ist das unwürdige Pokerspiel zu Ende, und GM ist zu Recht abgeblitzt. Doch es gibt mehr Verlierer: Nicht nur GM muss sich vorhalten lassen, mit der Angst der Beschäftigten und der Solidarität der Steuerzahler gespielt zu haben.
Hängepartie: Monatelang hingen die Opel-Mitarbeiter in der Luft. Nun hat GM die Jagd nach dem Staatsgeld aufgegeben - in der Einsicht, dass vom Bund nichts zu holen war

Hängepartie: Monatelang hingen die Opel-Mitarbeiter in der Luft. Nun hat GM die Jagd nach dem Staatsgeld aufgegeben - in der Einsicht, dass vom Bund nichts zu holen war

Foto: DDP

Was für ein Schauspiel. Nach mehr als anderthalb Jahren Zerren und Betteln um Staatshilfen für Opel hat das Unternehmen selbst aufgegeben. Nick Reilly, Chef der amerikanischen Opel-Mutter General Motors, hat alle Bürgschaftsanträge in Europa in dem Moment zurückgezogen, als das Scheitern seiner Betteltour greifbar war. GM werde die Sanierung des Autoherstellers Opel dann eben jetzt alleine stemmen, sagte der Manager - und gibt sich auch noch beleidigt.

Die deutsche Regierung habe ihn nach langer Warterei hängengelassen, schwingt da als Vorwurf mit. Sie habe sich nicht an das gehalten, was sie in Aussicht gestellt hat. Sie habe vielmehr die Hand auf das Portemonnaie gelegt, anstatt zugunsten des US-Konzerns tief hineinzulangen. Das mag Reilly frustrieren. Aber darf er sich darüber beschweren?

Zuvor hatte GM die deutsche Bundesregierung selbst düpiert, und mit ihr übrigens auch alle Opel-Beschäftigten. Hat der US-Konzern denn nicht lange Zeit vorgegeben, seine deutsche Tochter in die Selbständigkeit entlassen zu wollen? Dann die Wende: In knappen Sätzen beschied das GM-Management der deutschen Bundeskanzlerin, man werde Opel doch lieber behalten. Merkel musste sich von GM-Managern öffentlich bloßstellen lassen. Wer soll nach diesem Schauspiel jetzt Mitgefühl mit GM aufbringen?

Eine Niederlage der auffälligen Art haben sich neben Reilly aber auch Vertreter der Opel-Belegschaft eingehandelt. Noch vor wenigen Tagen mobilisierten sie tausende Menschen und ließen sie auf dem Vorplatz der Börse in Frankfurt am Main aufmarschieren. Nur die erhoffte staatliche Bürgschaft über 1,1 Milliarden Euro werde Zukunftsinvestitionen in neue Opel-Modelle und Antriebe sicherstellen. "Die Bürgschaft schafft so selbst die Basis dafür, dass sie nicht in Anspruch genommen werden muss", rief IG-Metall-Chef Berthold Huber. Heute stellt sich heraus: Nichts davon stimmt.

Sowohl Reilly als auch Opels Chef-Gewerkschafter Klaus Franz betonten heute, dass die vor rund zwei Wochen mit den Arbeitnehmervertretungen in Europa geschlossenen Vereinbarungen über Standort-, Beschäftigungs- und Investitionszusagen nicht an die Bürgschaften gebunden seien. Man muss den Eindruck gewinnen, dass sowohl Opel als auch ihre Mitarbeitervertreter zumindest nicht davor zurückgeschreckt sind, mit der Solidarität der Bundesbürger für die Opelaner zu spielen. Peinlicher kann der heutige Tag deshalb kaum für sie ausfallen.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) kann sich dagegen heute bestätigt fühlen. Seine Entscheidung, Opel keine Staatsbürgschaften zu gewähren, hat sich als richtig erwiesen. Opel-Chef Reilly hat mit seinem Rückzieher und seiner Investitionsankündigung heute nichts anderes getan, als Brüderle Recht zu geben. Nach den Gewinnen, die GM dank US-Staatshilfe zuletzt wieder einfahren konnte, haben die Amerikaner wieder das nötige Kleingeld, um Opel neu auszurichten. Brüderle hat heute an Statur gewonnen, die in so vielen Wochen zuvor viele an ihm vermisst haben.

Opel selbst hat jetzt die Chance, aus den Schlagzeilen zu kommen und intensiv an der Restrukturierung des Unternehmens zu arbeiten. Zu tun gibt es genug: Opel muss wahrscheinlich parallel seine Produktionskosten auch seine Produktionskapazitäten senken, um wettbewerbsfähig zu werden. Auch die Modellpalette des Autoherstellers gilt als verbesserungsfähig. Ein Kleinstwagen unterhalb der Corsa-Klasse könnte Opel beispielsweise für neue Kunden interessant machen, glauben Marktkenner.

All das und vielleicht noch viel mehr wird nötig sein, damit Opel künftig nicht nur Autos verkauft, sondern damit auch Geld verdient. Diese Kombination wurde zuletzt bei GM insgesamt vermisst, aber auch bei Opel in Deutschland.