Montag, 23. September 2019

Möglicher neuer VDA-Präsident Wer die zerrissene deutsche Autoindustrie kitten soll

Daimler-Chef Dieter Zetsche, BMW-Chef Harald Krüger und VDA-Präsident Matthias Wissmann (v.l.n.r.) beim Dieselgipfel am 02.08.2017

Dieselskandal und Kartellvorwürfe haben Risse bei Daimler, VW und BMW hinterlassen - und das Verhältnis zum Lobbyverband VDA zerrüttet. Ex-Ford-Chef Mattes wird nun als neuer Spitzenfunktionär gehandelt, der die Branche einen soll.

Vielleicht wird dieser Mittwochabend Mitte Oktober einmal wie ein Symbol des Wandels gesehen. In der Berliner BMW-Konzernrepräsentanz treffen zwei Größen der Autobranche aufeinander: Bernhard Mattes, lange Ford-Deutschland-Chef und heute Chef der US-Handelskammer (AmCham) in Deutschland, hat Matthias Wissmann, den in der Branche umstrittenen Präsidenten des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA), eingeladen. Sie sprechen vor 50 Managern über Deutschland nach der Wahl, über Perspektiven für die deutsche Wirtschaft.

Bald könnte es um ihre eigenen Perspektiven im wichtigsten deutschen Industriezweig gehen.

Mattes gilt in der Branche als perfekter Mann für Wissmanns Posten als Cheflobbyist der Autohersteller. Der 61-Jährige, der bis Anfang des Jahres Ford Deutschland führte und davor auch bei BMW arbeitete, könnte einen Streit schlichten, den Wissmann mit ausgelöst hat.

Wie dumme Deppen

Bernhard Mattes im Februar 2017 in einer ZDF-Sendung

Wissmann wird den Posten als VDA-Chef Mitte kommenden Jahres räumen. Der 68-Jährige hat die Autobranche in Aufruhr gebracht. Ende Juli erklärte Wissmann in der Debatte um mögliche Kartellabsprachen "ein Surfen in rechtlichen Grauzonen" sei inakzeptabel. Den Kartellvorwürfen müsse konsequent nachgegangen werden, Unternehmen müssten mit den Behörden ohne Einschränkung kooperieren, forderte er. Wie Deppen müssen sich die Top-Manager der so stolzen deutschen Autobranche gefühlt haben.

Daimler-Chef Dieter Zetsche habe getobt angesichts dieser Worte, wird aus seinem Umfeld berichtet. Öffentlich sagte er, er sei "überrascht über diese Stellungnahme".

Kein Wunder. Parallel versuchte Wissmann, sich selbst aus der Schusslinie zu bringen. "Die aktuellen Vorwürfe beziehen sich auf ein Format, das nicht Teil des VDA und seiner Arbeit ist", sagte er dem "Handelsblatt". Es müsse eine "Null-Fehler-Toleranz" für die Compliance geben, also Regeltreue eines Unternehmens, forderte er.

Völliges Versagen werfen Manager dem früheren CDU-Minister beim Dieselgipfel Anfang August vor, mit dem die deutsche Politik endlich demonstrieren wollte, dass sie durchgreift und die Autobosse zur Verantwortung für manipulierte Dieselautos und überhöhte Schadstoffwerte auf Deutschlands Straßen zieht. Zum großen öffentlichen Kotau rückten Zetsche, BMW-Chef Harald Krüger und Volkswagen-Chef Matthias Müller in Berlin an. Sie wollten sich demütig präsentieren.

VDA-Präsident Matthias Wissmann

Was machte der VDA? Noch bevor Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt das Ergebnis des Dieselgipfels verkünden konnte, preschte der Verband vor und erklärte in einer Pressemitteilung die Nachrüstung von fünf Millionen Dieselautos und mehr.

Differenzen zwischen den Konzernen

Dabei braucht die Autobranche gerade jetzt Zusammenhalt und eine klare Linie. Denn die Hersteller driften auseinander, die Vorwürfe des Betrugs bei Schadstoffen und von Absprachen haben die Branche tief gespalten.

Der Hersteller BMW fühlt sich zu Unrecht hineingezogen in die Kritik, obwohl ihm keine Manipulation am Schadstoffausstoß seiner Autos nachgewiesen wurde wie Volkswagen. Er fühlt sich auch von Daimler und VW hintergangen, weil diese in einer Art Selbstanzeigen möglicherweise kartellrechtlich relevante Absprachen untereinander bei den Kartellbehörden vorgebracht haben. BMW wusste davon nichts.

BMW-Chef Krüger unterstützt nun im Gegensatz zu den Top-Managern anderer Autokonzerne demonstrativ Wissmann. Er stehe zu ihm, genieße das Vertrauen des Konzerns, ließ der Manager wissen.

Fußball und Karneval: Mattes' Bande zu Politik und Wirtschaft

Angesichts des derzeitigen Theaters in der Autobranche dürfte Mattes, der als kühler und zugleich empathischer Kopf gilt, gerade recht kommen. "Trotz der schwierigen Zeiten durch einen US-Präsidenten wie Donald Trump, hat Mattes die amerikanische Handelskammer hierzulande stark positioniert", heißt es lobend bei einem großen deutschen Autounternehmen. "Er ist ein sehr guter Lobbyist, ist exzellent mit der Politik vernetzt", heißt es bei einem anderen. Und nicht nur dort.

Als großer Fan des 1. FC Köln hat Mattes enge Bande zu Wirtschaftsgrößen und Politikern geknüpft. Er sitzt im Beirat des Clubs zusammen mit E.on-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley, Tengelmann-Gesellschafter Karl-Erivan Haub, McKinsey-Direktor Klaus Behrenbeck, Bundestagsmitglied Wolfgang Bosbach, SPD-Chef Martin Schulz und vielen mehr.

Mattes ist genauso beim Karneval in Köln aktiv. Auch dort baute er sich über Jahre heiße Drähte auf - zu Top-Managern im Immobilienbusiness, zu Bankern, Konsumgütergrößen.

Diskret und diszipliniert

Dem AmCham-Präsidenten hilft sein ruhiger Charakter - und der täte der Autobranche derzeit besonders gut. Er lässt sich nicht provozieren, geht zugleich auf Menschen jeder Hierarchiestufe gleich intensiv ein. Voller Tatendrang beschreiben ihn derzeitige Weggefährten. Immer sachlich, diskret, nie aufbrausend und stets diszipliniert sei Mattes.

Fast wie eine öffentliche Bewerbung lesen sich jetzt Gastbeiträge und Aussagen des einstigen Ford-Chefs, seit er im Januar vom Firmenchefposten abgetreten ist und sich ganz der Amerikanischen Handelskammer widmet. Die Wirtschaft müsse sich einmischen, das Verhältnis mit den USA nicht der Politik überlassen, verlangte er.

Kurz darauf erklärte Mattes, die Handelskammer werde mit einer Delegation nach Washington reisen, für freien Handel werben. Unterdessen ließ Wissmann eher statisch seine Mitarbeiter die Produktionszahlen der deutschen Autoindustrie in den USA loben, um deren Wichtigkeit zu unterstreichen.

Jahrelang gestählt im Autobusiness, ein Freund direkter Worte, macht Mattes die Gedankenwelt der Branche sichtbar: Saubere Luft werde zum knappen Gut. Den Autoherstellern sei klar, dass fossile Kraftstoffe langfristig knapp und teuer würden. Der Ausbau der E-Mobilität sei unumgänglich - doch es brauche ein flächendeckendes Netz von Ladestationen, die E-Auto-Förderung der Bundesregierung sei "nicht der größte Hit" gewesen. Letztlich war das auch jedem Politiker längst klar.

Einer wie Mattes biedert sich nicht an, er legt die Fakten auf den Tisch - und überzeugt so. Das macht ihn jetzt so wertvoll für die angeschlagene Autoindustrie. Kein Wunder, dass sich niemand findet, der Mattes kritisiert. Er, so hoffen viele, könnte der Branche wieder ein positives Gefühl einhauchen. "Heute wird ein guter Tag", gilt als eines von Mattes Mottos.

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