22.09.2015

Test mit Überraschung

So kamen die US-Behörden VW auf die Spur

Von Antje Blinda, Spiegel Online

Volkswagen

VW-Passat für die USA: Volkswagen soll Abgasmessung manipuliert haben

Die ersten Hinweise zum VW-Skandal in den USA kamen aus Deutschland. Es waren Forscher in Berlin, denen verdächtige Abgaswerte auffielen. Danach folgte eine monatelange Detektivarbeit.

Mehr als ein Jahr lang war das renommierte Institut ICCT (International Council on Clean Transportation) dem Volkswagen-Konzern auf den Fersen. Die Forscher gehen seit Langem der umstrittenen Frage nach, wie viele Schadstoffe Dieselfahrzeuge wirklich ausstoßen. Vor allem Stickoxide in deren Abgasen stellen eine Gesundheitsgefahr dar, sie schädigen die Atemwege von Menschen.

Bei einem Test europäischer Dieselmodelle der Hersteller Volkswagen und BMW hatten sich Widersprüche ergeben. Peter Mock, Direktor von ICCT Europe, gab daraufhin den Vorgang an seine Kollegen in den USA weiter. Sollte man nicht die Tests dort wiederholen, wo die gesetzlichen Abgasgrenzwerte die strengsten der Welt sind? Die US-Modelle müssten doch die Emissionsprüfungen locker überstehen, das war die Annahme.

"Wir hatten keinen Grund für einen Verdacht", sagte John German, ICCT-Co-Direktor in den USA, Bloomberg. "Wir dachten, die Autos wären sauber." Die Forscher des kleinen Umweltforschungsinstituts suchten sich Hilfe bei der West Virginia University. Deren Center for Alternative Fuels, Engines and Emissions verfügte über die nötige Technik: ein tragbares PEMS-Gerät für den Kofferraum, das über eine Sonde im Auspuff die Abgaszusammensetzung und zugleich Daten wie Geschwindigkeit, Beschleunigung und Abgastemperatur misst.

BMW

BMW X5 für den US-Markt: US-Grenzwerte überwiegend erfüllt

Der Testaufbau der Universität West Virginia und des ICCT:

Das Ergebnis: Die drei Autos bestanden ohne Weiteres die offiziellen Carb-Tests. Doch die Ergebnisse der Stickoxid-Messungen unter Realbedingungen überraschten John German:

Der Verdacht einer Manipulation war geweckt.

Volkswagen

US-Modell des VW Jetta: Stickoxid-Ausstoß lag beim bis zu 35-Fachen über dem Grenzwert

Im Mai 2014 leiteten Carb und die US-Umweltbehörde Epa wegen der Studie eine offizielle Untersuchung gegen Volkswagen ein. Mehrere Monate lang fanden Gespräche statt, wie die Epa in einem Brief an VW vom 18. September beschreibt. VW versuchte, die Ergebnisse der Universität zu replizieren, und verkündete dann, den Fehler in der Motorsteuerungssoftware gefunden zu haben. Im Dezember 2014 rief der Hersteller fast 500.000 ihrer Autos in den USA zurück, ein Software-Update wurde eingespielt.

Die kalifornische Behörde Carb überprüfte nach dem Rückruf, ob die Programmkorrektur unter Realbedingungen Erfolg hatte: Fehlanzeige. Die Tests wurden ausgeweitet, um den Grund des schlechten Abschneidens der VW-Autos herauszufinden. Im Juli informierte sie die Epa und VW darüber. Zur gleichen Zeit mussten die US-Behörden über die Zulassung der 2016er Modelle von VW entscheiden - und zogen angesichts der Vorgänge die Notbremse. Solange der Fehler nicht gefunden sei, gebe es keine Zertifizierung.

Da knickte Volkswagen laut des Epa-Briefes ein: "Erst da gab VW zu, dass das Unternehmen in diesen Autos ein Abschaltgerät (defeat device) in Form eines hochentwickelten Software-Algorithmus' entwickelt und installiert hat. Dieses kann feststellen, ob das Auto gerade getestet wird." Oder wie die Epa-Vertreterin Cynthia Giles erklärt: "Einfach gesagt: Diese Autos hatten ein Programm, das die Abgasbegrenzung beim normalen Fahren ausschaltet und bei Abgastests anschaltet." Das Ergebnis der Manipulation: eine bessere Motorleistung auf Kosten der Umwelt.

Das Desaster, das die Zukunft von Volkswagen in den USA bedroht, wurde öffentlich. 482.000 Autos von sieben VW- und Audi-Modellen seit 2009 sind mit dem Defeat Device ausgerüstet - den Verkauf bestimmter Wagen des Modelljahrs 2015 hat der Konzern gestoppt. Volkswagen-Chef Martin Winterkorn kündigte umfassende Aufklärung und eine externe Untersuchung an.

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