Herbert Diess Winterkorn holt BMW-Topmann und entfacht Nachfolgediskussion neu

Volkswagen-Chef Winterkorn hat Herbert Diess höchst persönlich bei BMW abgeworben. Mit dem Manager kommt ein gefürchteter Preisdrücker nach Wolfsburg, die Diskussion um die Winterkorn-Nachfolge ist neu entfacht.
Kennt sich damit aus, Milliarden einzusparen: BMW-Entwicklungsvorstand Herbert Diess

Kennt sich damit aus, Milliarden einzusparen: BMW-Entwicklungsvorstand Herbert Diess

Foto: Rainer Jensen/ picture alliance / dpa

Wolfsburg - Volkswagenchef Martin Winterkorn gibt die Leitung der schwächelnden Wolfsburger Hauptmarke Anfang Oktober 2015 an den bisherigen BMW-Entwicklungsvorstand Herbert Diess ab. Dafür war Winterkorn bisher als Konzernchef mit zuständig.

Für Diess werde im Konzernvorstand ein Ressort "Vorsitzender des Markenvorstands Volkswagen Pkw" eingerichtet, teilte Europas größter Autobauer am Dienstag weiter mit.

"Mit Herbert Diess haben wir eine herausragende Persönlichkeit und einen der fähigsten Köpfe der Automobilbranche für uns gewinnen können", sagte Winterkorn. Aus Unternehmenskreisen hieß es, Winterkorn selbst habe Diess bei BMW abgeworben und ihn Aufsichtsratschef Ferdinand Piech vorgestellt.

Rückkehr zum Modell der getrennten Führung

Mit der Berufung von Diess als VW-Chef kehrt der Wolfsburger Autobauer zum Modell der getrennten Führung von Hauptmarke und Konzern zurück, wie sie bereits unter Winterkorns Vorgänger Bernd Pischetsrieder gegolten hatte. Schon damals hatte Volkswagen mit Wolfgang Bernhard einen hochkarätigen Manager von Außen als VW-Chef nach Wolfsburg geholt.

Winterkorn hatte diese Trennung 2007 kurz nach seinem Wechsel von Audi an die Konzernspitze aufgelöst und führt VW seither mit. Bernhard ging später zurück zu Daimler, wo er die Lkw-Sparte leitet. Pischetsrieder sitzt inzwischen im Aufsichtsrat des Stuttgarter Konzerns.

Dass Volkswagen einen eigenen Vorstand für die Kernmarke benennt, kommt gleichwohl überraschend. Vor zwei Monaten hatte Winterkorn in einem Interview mit dem "Spiegel" noch die bisherige Konstruktion verteidigt. Zwar halte er viel davon, Verantwortung "sinnvoll zu verteilen", sagte Winterkorn damals. Doch "das Führen der Kernmarke plus Konzernfunktion gibt Stärke. Sicher ist sehr viel auf meine Person zugeschnitten, aber gewisse Dinge können Sie nicht delegieren."

Diess gilt als gefürchteter Preisdrücker

Diess arbeitet seit 1996 bei BMW, wo er seither verschiedene Führungsfunktionen übernahm. Nach Stationen als Werksleiter in Birmingham und wurde er 2003 Chef der Motorradsparte. 2007 stieg er in den Vorstand auf und übernahm dort das damals neue Ressort "Einkauf und Lieferantennetzwerk".

Zu dieser Zeit ging es vor allem darum, Milliarden einzusparen, um BMW auf Rendite zu trimmen. Unter Zulieferern war Diess gefürchtet - als jemand, der knallhart verhandelt, die Preise drückt und sich in Details bestens auskennt. 2012 tauschte der Manager mit seinem Kollegen Klaus Draeger die Ressorts und wurde Entwicklungschef. Er war vorübergehend als ein möglicher Nachfolger von BMW-Chef Norbert Reithofer gehandelt worden. Als sich jedoch abzeichnete, dass er nicht zum Zuge kommen würde, stieg offenbar seine Bereitschaft zum Wechsel nach Wolfsburg, berichten Insider.

Rendite der Hauptmarke VW soll und muss steigen

Winterkorn hat der Marke VW ein Sparprogramm von fünf Milliarden Euro verordnet, um die Profitabilität zu steigern. Die operative Rendite der Hauptmarke, die für die Hälfte des Konzernabsatzes steht, soll bis 2018 auf mindestens sechs Prozent gehievt werden. Zuletzt hatte sie bei knapp der Hälfte gelegen. Dies will VW mit einem Bündel an Maßnahmen erreichen, die teilweise bereits umgesetzt werden. Dabei sollen sich die Abteilungen künftig besser abstimmen, um teuere Doppelarbeit zu verhindern. Kaum bestellte Zusatzausstattungen sollen verringert werden, nicht mehr jedes Modell einen Nachfolger bekommen.

Mit Renschler kommt ein weiterer Hoffnungsträger von außen

Neben Diess beginnt im kommenden Jahr ein weiterer Hoffnungsträger bei den Wolfsburgern. Ex-Daimler -Manager Andreas Renschler soll die schleppende Allianz der Lkw-Töchter von MAN und Scania vorantreiben. Der 56-jährige frühere Lkw-Boss des Stuttgarter Konzerns löst Anfang Februar Leif Östling ab, der die Lkw-Sparte von Volkswagen seit 2012 leitet. Dem 68-jährigen ehemaligen Scania-Chef war es nicht gelungen, die auf Eigenständigkeit bedachten VW-Töchter enger zusammenzuführen.

Winterkorn hatte unlängst angekündigt, dass er seinen bis Ende 2016 laufenden Vertrag als Vorstandschef erfüllen werde. "Ich wäre dann 69, eigentlich alt genug, um aufzuhören", hatte Winterkorn in einem Interview gesagt. Betriebsratschef Bernd Osteloh hatte im Reuters-Interview jüngst gesagt, er werde Winterkorn bitten, seinen Vertrag zu verlängern.

Es gilt als wahrscheinlich, dass der 67 Jahre alte promovierte Metallkundler zwei Jahre dranhängt. Dann würde er auch die achte Version des Wolfsburger Bestsellers Golf auf den Markt bringen, der 2017 oder 2018 an den Start gehen soll. Es wird erwartet, dass Winterkorn dann in den Aufsichtsrat wechselt, wo er Piech als Vorsitzenden ablösen soll. Piechs (77) aktueller Vertrag läuft bis 2017.

Mindestens bis dahin müssten sich potenzielle Nachfolger also gedulden. Offizielle Bewerber für den Posten des künftigen Vorstandsvorsitzenden gibt es bisher nicht. VW selbst verweist darauf, dass es auch interne Kandidaten gebe. Spätestens mit der Berufung von Diess und Renschler ist das Rennen jedoch eröffnet.

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Autobauer: Wo die Kernmarke Chefsache ist

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rei/dpa/rtr
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