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Swarovski Auf gläsernen Füßen

Der Kristallkonzern muss restrukturiert werden, doch es fehlt eine starke Führungsfigur.
aus manager magazin 12/2008

In der Firma nennen ihn alle nur den "Gerni", und dabei schwingt eine Menge Sympathie, ja sogar Hochachtung mit. "Der Gerni", schwärmt ein ehemaliger Manager des Kristallkonzerns Swarovski, "der hat Format."

Die enge Verbundenheit mit Gernot Langes-Swarovski (65) kommt nicht von ungefähr: Er hat den Traditionsbetrieb Mitte der 70er Jahre aus einem tiefen Tal gerettet und zum Weltmarktführer ausgebaut. 2002 überließ der Patriarch das operative Geschäft der fünften Generation, beeinflusste aber als größter Anteilseigner weiterhin die Geschicke des Unternehmens.

Das ist heute nicht mehr so. Die Liebe des lebenslustigen Gerni zum Rotwein, das deftige Essen - dies alles bewirkt, dass er nicht mehr genug Kraft findet, sich um das Erbe seines Urgroßvaters zu kümmern. Das Konglomerat, zu dem neben der großen Kristallsparte auch ein Optik- sowie ein Schleifgerätehersteller gehören, ist praktisch führungslos.

Eine fatale Entwicklung für die Firma. Solange die Kunden fast jeden Preis für den Tand aus Tirol zahlten, fiel nicht ins Gewicht, dass die junge Garde die Kosten aus den Augen verloren hatte. Nun aber zeigt sich: Das Strass-Imperium ist für die Krise schlecht gerüstet. 2008 werden die Planzahlen nicht erreicht (Gruppenumsatz 2007: 2,56 Milliarden Euro), über 700 der mehr als 20 000 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs - und Branchenkenner sind sich einig, dass dies erst der Beginn einer umfassenden Restrukturierung ist. Will heißen: Swarovski kommt um eine Verlagerung von Teilen der Produktion nach Thailand und China nicht herum.

In dieser prekären Situation bräuchte die Gruppe eine Leitfigur. Doch die fehlt. "Keiner lenkt den Konzern", klagt ein Insider. "Da oben herrscht ein wildes Durcheinander." Kein Wunder. Das Führungsmodell entstammt einer Zeit, als Swarovski noch eine Klitsche war, für einen globalen Player taugt es nicht.

Das weiß auch der Familienbeirat. 2005 engagierte das Aufsichtsgremium einen Trupp von Experten, der eine neue Unternehmensverfassung konzipieren sollte: Einbringung der einzelnen Firmen in eine Holding, Aufstiegsregelung für den Nachwuchs, Abschaffung des Einstimmigkeitsprinzips und vieles mehr. Doch die sechs Vertreter der rund 60 Gesellschafter konnten sich auf nichts einigen. Anfang 2007 zog das sogenannte Team Ovid wieder ab, und alles blieb beim Alten - die intransparenten Strukturen ebenso wie der Hader unter den Anteilseignern.

Der Zank im Beirat, dem nur Mitglieder der vierten Generation angehören, setzt sich fort unter den Söhnen und Töchtern. So gibt es ein ständiges Gerangel zwischen Markus Langes-Swarovski (34) und seinen beiden Verwandten Andreas (39) und Robert Buchbauer (42). Die drei bekleiden Toppositionen im Kristallbereich - wer der Chef ist, bleibt offen. Fest steht nur, dass Gernots Sprössling Markus als Sprecher auftritt.

Machtkämpfe hier, Ahnungslosigkeit dort. Etwa in der Optiksparte, die Carina Schiestl-Swarovski (40) verantwortet. Sie ließ ein Fernglas entwickeln, das falsch konzipiert und nicht zu produzieren war. Folge des Flops: Statt der geplanten 105 Millionen Euro Umsatz wird die Optik 2008 nur etwas mehr als 90 Millionen Euro in die Kassen spülen.

Zu all dem Ungemach füllen Mitglieder des mindestens 150-köpfigen Clans immer wieder die Klatschspalten und schaden dem Image des Nobelkonzerns.

So setzt Fiona Swarovski (43) ihre Amouren gern mediengerecht in Szene: An der Seite von Formel-1-Manager Flavio Briatore (58) oder des Unternehmers Florian Haffa (43), zweimal geschieden, Kinder von drei Männern und nun verheiratet mit dem ehemaligen Wiener Finanzminister Karl-Heinz Grasser (39).

Noch peinlicher sind dem Clan die Vorgänge um Andreas Schiestl-Swarovski. 1993 hatte er auf seine Ehefrau Margreth geschossen, danach wollte er sich selbst umbringen. Beide überlebten. Wegen Unzurechnungsfähigkeit aufgrund einer psychotischen Episode (die auch durch Drogen ausgelöst werden kann) wurde Schiestl-Swarovski nicht verurteilt. Ende 2006 raste Margreth mit ihrem Auto gegen einen Baum. Die angeblich medikamentenabhängige Frau starb noch am Unfallort, ihr Mann beging kurz darauf Selbstmord.

Dramen in der Familie, Zwist unter den Verwandten und ein Vakuum an der Spitze - die Sippe läuft Gefahr, sich selbst aufzureiben und die Firma ins Abseits treiben zu lassen. "Wir bräuchten halt einen, der ein Profil hat wie der Gerni", sagt ein Manager. Der aber ist nicht in Sicht. Ursula Schwarzer

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