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Bertelsmann Auf der Transferliste

Der Finanzvorstand wollte zur Konkurrenz überlaufen - aber man ließ ihn nicht.
Von Klaus Boldt
aus manager magazin 12/2008

Immer noch in unschöner Erinnerung sind den Herrschaften des Fernsehunternehmens ProSiebenSat.1 Media (P7S1) ihre Begegnungen mit dem Bertelsmann-Finanzvorstand Thomas Rabe (43), dessen nähere Bekanntschaft sie auf ihrer monatelangen Suche nach einem Nachfolger für den Vorstandschef Guillaume de Posch machen durften.

Der Parademanager Rabe, so war es ihr, aber auch sein Ansinnen gewesen, sollte den strategisch zunehmend verwirrten Belgier ersetzen. Viel hatte an dem Transfer auch nicht gefehlt, aber ein wenig doch - und die Enttäuschung darüber lebt bei den Bayern fort bis auf den heutigen Tag, ja: Ihr Missmut ist mit jeder weiteren Absage gewachsen, die sie sich seither eingehandelt haben.

Am 17. Juni hatte Anstaltsleiter de Posch verlautbart, dass er Ende des Jahres zurückzutreten gedenke, weil neue Herausforderungen auf ihn warteten. Dies war insofern auch gar keine schlechte Nachricht, als selten zuvor ein Fernsehmanager in Deutschland größeres Unheil angerichtet hat: Der einst blühende Senderverbund ist heute milliardenhoch verschuldet, sein Werbegeschäft ermattet und sein Aktienkurs seit Mitte 2007 wie bleibeschwert von 30 bis unter 2 Euro in die Tiefe gerauscht.

Erkennungsdienstler von Egon Zehnder hatten den Bayern bald eine Liste von Männern vorgelegt, die ihnen geeignet erschienen, die Senderfamilie aus dem Elend zu führen. Indes, die meisten Kandidaten winkten sofort ab.

Und dann schien sich im Spätsommer doch ein Fahndungserfolg eingestellt zu haben: Bertelsmann-Schatzmeister Thomas Rabe, ein kluger, regsamer und verständiger Mensch, meldete seinen Führungsanspruch an. Einer der einflussreichsten Medienmanager des Landes, so schien es, wollte geradewegs zum Gegner überlaufen.

In den Gesprächen mit dem Nominierungsausschuss des P7S1-Aufsichtsrats, berichtet ein Teilnehmer, habe Rabe versichert, dass seinem Amtsantritt nichts entgegenstünde - sähe man einmal von dem Vertrag ab, der ihn an seinen derzeitigen Arbeitgeber binde.

"Wir glaubten, unseren Mann gefunden zu haben", sagt ein Wachhabender. Nach Darstellung zweier Ratsmitglieder seien die Verträge unterschriftsreif gewesen. Man rieb sich die Hände, dass es zischte: Dieser Wechsel hätte Bertelsmann aufs Triumphalste düpiert.

Rabe, ein Präzisionskünstler des globalen Rechenwesens, war Finanzvorstand des P7S1-Rivalen RTL gewesen, bevor er 2006 zum Oberkämmerer und Hauptverwalter von Bertelsmann hochgeschnellt und mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet worden war. An seinen Aufgaben ist der Mann stark gewachsen in letzter Zeit, Ernst und Eifer lassen ihn sogar noch größer erscheinen. Selbst längste Zahlenkolonnen dirigiert Rabe mit Tatkraft und Umsicht; mit dem Fiskus verfährt er höflich und doch nach Belieben. Anfang 2007 erhielt der Virtuose einen Fünfjahresvertrag.

Dass Rabe glaubte, zur Konkurrenz wechseln zu können, noch dazu mit einem Arbeitsvertrag, auf dem die Unterschriften noch warm waren, ist ein Rätsel, das irgendwo unter 43 Jahren unerschütterlichem Ehrgeiz vergraben liegt. An einem Montag habe Rabe abgesagt, kühl und glatt: Bertelsmann wolle auf ihn vorerst nicht verzichten. Klaus Boldt

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