Auch AstraZeneca meldet Erfolgsdaten Startsignal für die größte Impfstoffproduktion der Welt

Das könnte der erste globale Massenimpfstoff gegen Covid-19 werden: Nach BioNTech/Pfizer und Moderna meldet auch AstraZeneca Erfolg in seiner klinischen Studie. Das Vakzin soll in drei Milliarden Dosen gefertigt werden.
Erfolgreich geforscht: Teilnehmerin der Impfstoffstudie der Universität Oxford

Erfolgreich geforscht: Teilnehmerin der Impfstoffstudie der Universität Oxford

Foto: John Cairns, University Of Oxford / dpa

Der Pharmakonzern AstraZeneca  und die Universität Oxford haben einen Durchbruch bei der gemeinsamen Entwicklung eines Corona-Impfstoffs gemeldet. Das Unternehmen präsentierte am Montag vorläufige Studienergebnisse. Es stellte eine Wirksamkeit des Impfstoffs von bis zu 90 Prozent in Aussicht. "Die Wirksamkeit und Sicherheit dieses Impfstoffs bestätigen, dass er hochwirksam gegen Covid-19 sein wird und unmittelbare Auswirkungen auf den aktuellen Gesundheitsnotstand haben wird", erklärte AstraZeneca-Chef Pascal Soriot (61). Der britisch-schwedische Konzern werde nun unmittelbar die Zulassungsunterlagen überall dort vorbereiten, wo es behördliche Verfahren für eine schnelle Zulassung gibt.

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Diese Impfstoffprojekte gegen Covid-19 sind am weitesten

Foto: MENAHEM KAHANA / AFP

Damit ist der erste herkömmliche Impfstoff eines großen Pharmakonzerns erfolgreich, der auch eine massenhafte, weltweite Verbreitung zu erschwinglichen Preisen verspricht. Während die fortgeschrittenen Impfstoffe der Biotechfirmen BioNTech und Moderna auf der bislang unerprobten mRNA-Technik basieren, beruht das Vakzin von AstraZeneca auf einer herkömmlichen Herstellungsweise. Der Impfstoff, der mit der Universität Oxford entwickelt wird, ist ein sogenannter Vektorimpfstoff, der auf Adenoviren von Schimpansen basiert. Er soll Erbmaterial des Virus in menschliche Zellen einschleusen, das Immunsystem darauf mit der Bildung von Antikörpern reagieren.

Das bedeutet, dass wir einen Impfstoff für die Welt haben

Andrew Pollard, Direktor der Oxford Vaccine Group

"Das bedeutet, dass wir einen Impfstoff für die Welt haben", sagte Andrew Pollard, Leiter der Oxford Vaccine Group. Pollard betonte: "Wir haben einen Impfstoff, der zu Kühlschranktemperaturen aufbewahrt und leicht verteilt werden kann, und den wir in jede Ecke der Welt bekommen werden." Die Oxford-Universität hatte den Impfstoff entwickelt und ein Abkommen zur Vermarktung mit AstraZeneca geschlossen. Die Weltgesundheitsorganisation hatte dieses Projekt frühzeitig zum größten Hoffnungsträger unter mehr als 100 in Entwicklung befindlichen Impfstoffen ausgerufen.

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Keine Profitabsicht

AstraZeneca hat gelobt, während der Pandemie keinen Gewinn mit der Impfung zu machen und sie an Entwicklungsländer auch nach Ende der Pandemie dauerhaft zum Selbstkostenpreis abzugeben. Die Aktie  sank im frühen Londoner Handel um mehr als 1 Prozent, während die Börse insgesamt von der Nachricht einen Schub erhielt.

Nach Angaben des italienischen Gesundheitsministeriums kostet eine Dosis von AstraZeneca die europäischen Staaten 2,50 Euro. Die mRNA-Impfstoffe hingegen sind deutlich teurer: An BioNTech und US-Partner Pfizer soll die EU 15,50 Euro je Dosis zahlen, Moderna verlangt mehr als 30 Euro. In beiden Fällen wird die Einnahme von zwei vollen Dosen für erforderlich gehalten. Zudem erfordert das BioNTech-Mittel, das auf minus 70 Grad gekühlt werden muss, eine aufwändige Logistik.

Lieber zuerst nur eine halbe Dosis

Die Wirksamkeit von rund 90 Prozent wurde erzielt, wenn der Impfstoff AZD1222 als halbe Dosis gefolgt von einer vollen Dosis im Abstand von mindestens einem Monat verabreicht wurde. Ein anderes Dosierungsschema zeigte eine Wirksamkeit von 62 Prozent, wenn zwei volle Dosen im Abstand von mindestens einem Monat verabreicht wurden. Daher dürfte das erste Schema empfohlen werden - mit dem zusätzlichen Vorteil, dass eine geringere Menge pro Person benötigt wird und somit mehr Menschen bei gleicher Produktionsmenge geimpft werden können.

Oxford-Professorin Sarah Gilbert (58), die das Forschungsprojekt leitet, erklärte, eine kleinere Dosis könne der bessere Weg sein, um das Immunsystem zu aktivieren. Dies könnte die Art widerspiegeln, wie auch eine natürliche Infektion abläuft.

Die Daten basieren auf einer Zwischenanalyse nach 131 Infektionen unter den knapp 25.000 Studienteilnehmern in Großbritannien und Brasilien. Auch in Südafrika und den USA liefen bereits seit Monaten Phase-III-Studien mit Zehntausenden Teilnehmern. Vor allem in den USA blieben sie jedoch lange unterbrochen, weil die Behörden ausschließen wollten, dass die schwere Erkrankung einer Probandin mit der Impfung zusammenhing. In Brasilien gab es zudem einen Todesfall im Oktober, jedoch offenbar in der nicht geimpften Kontrollgruppe. Die Studie wurde deswegen nicht unterbrochen. Nach den neuen Studienergebnissen traten keine schweren Nebenwirkungen auf, und kein einziger schwerer Covid-19-Fall unter den geimpften Teilnehmern.

Produktion von drei Milliarden Impfdosen für 2021 geplant

Der britische Premierminister Boris Johnson (56) sprach von "fantastischen Ergebnissen". Sein Gesundheitsminister Matt Hancock (42) sagte dem Fernsehsender BBC, die Regierung hoffe, im Dezember mit der Impfung beginnen zu können. Anfang 2021 würde das Impfprogramm sich voll entfalten. "Irgendwann nach Ostern werden die Dinge anfangen sich zu normalisieren." Die britische Regierung habe 100 Millionen Dosen bei AstraZeneca bestellt. Die EU hatte im August einen Deal über 400 Millionen Dosen geschlossen, nach einem US-Auftrag über 300 Millionen Dosen für 1,2 Milliarden Dollar - mit vier Dollar (3,37 Euro) pro Dosis also etwas teurer. Weitere Abkommen bestehen laut AstraZeneca mit mehreren nationalen, regionalen und globalen Initiativen, die praktisch alle Länder der Welt abdecken.

Insgesamt plant der Konzern nach eigenen Angaben mit der Produktion von drei Milliarden Impfdosen 2021. Laut AstraZeneca-Chef Soriot ist dies das größte Fertigungsnetz unter allen Impfstoffprojekten. An zehn Standorten weltweit sei die Produktion bereits angelaufen. Noch im laufenden Jahr sollen 200 Millionen Dosen geliefert werden, 700 Millionen Dosen bis zum Ende des ersten Quartals 2021, erklärte AstraZeneca-Produktionschefin Pam Cheng (48). Die Verteilung in halben Dosen stelle keine zusätzliche Herausforderung dar, darauf sei der Konzern vorbereitet.

Das Mainzer Unternehmen BioNTech und der US-Pharmariese Pfizer waren die weltweit ersten Unternehmen, die erfolgreiche Daten aus der zulassungsrelevanten Studie mit einem Corona-Impfstoff vorgelegt hatten. Später zog der US-Biotechkonzern Moderna nach. Auch der russische Impfstoff "Sputnik V" hat nach russischen Angaben eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent. BioNTech und Pfizer haben bislang als einzige ihre klinische Studie abgeschlossen und die Notfallzulassung in den USA beantragt. Die Behörde FDA will darüber am 10. Dezember entscheiden.

cr/ak/Reuters