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Asien kommt

Die wirtschaftliche Potenz Japans und Chinas ist größer als hier zu Lande angenommen. Westliche Unternehmen sollten diesen Märkten mehr Aufmerksamkeit widmen.
aus manager magazin 1/2003

Mein Urteil über Asien muss ich revidieren. In Europa und Amerika vermutete ich die größten Chancen für deutsche Unternehmen mit ihren anspruchsvollen und teuren Produkten. Asien schien in den Hintergrund zu treten. Heute schätze ich die Bedeutung Asiens anders ein. In den letzten neun Monaten war ich viermal in Asien; in Japan, Korea, China und Dubai. In diesen Ländern entsteht eine enorme Dynamik.

Die japanische Krise ist zwar nicht überwunden. Jedoch stimmt das, was man in Japan erlebt, nicht mit dem düsteren Bild in den Presseberichten überein. Teure Markenprodukte erfreuen sich hoher Beliebtheit, die Restaurants sind voll, die Kaufkraft der Japaner liegt mit 32 700 Euro pro Kopf weit über den bundesdeutschen 25 200 Euro. Neben Firmen, die auch in der Krise ihre Topform behielten (wie Toyota oder Honda), glänzen gestern noch schwächelnde Konzerne (etwa Nissan oder Mitsubishi) mit einem beeindruckenden Comeback. Gleiches gilt für Korea. Samsung Electronics oder LG sind in angespannter Lage stärker geworden und werden in der nächsten globalen Wettbewerbsrunde ein gewichtigeres Wort mitreden.

Das eigentliche Wunder ist China. Das Riesenland erreichte zwischen 1999 und 2001 eine durchschnittliche Wachstumsrate von 7 Prozent, für 2003 sind 7,5 Prozent prognostiziert. Überall entstehen Städte, Verkehrs- und Kommunikationswege. Beim Blick auf die Skylines von Chongqing oder Wuhan glaubt man sich in den USA. Die Marktwirtschaft boomt. In den Hauptgeschäftsstraßen dieser Städte finden sich alle bekannten Marken der Welt. Natürlich wagt der einfache Mann kaum einen Schritt in diese Läden. Aber wenn nur jeder hundertste Chinese ein Paar Adidas-Schuhe kauft, sind das 13 Millionen Paare.

Die Bevölkerungszahl Chinas lässt selbst kleinste Marktanteile zu gigantischen Umsätzen anschwellen. Der Bedarf ist immens, und die Fortschritte können sich sehen lassen. An jedem Ort meiner 6000 Kilometer langen Reise durch China hatte ich Mobilfunkkontakt. Die Autodichte nimmt rapide zu. Die Nachfrage nach Eisenbahnen, Flughäfen, Energieversorgung und Schiffen entzieht sich unserer Vorstellungskraft. Die Bahnverbindung von Peking nach Frankfurt verläuft zu 49 Prozent auf chinesischem Gebiet. Aus diesen Gegebenheiten erwachsen lukrative Chancen für deutsche Unternehmen, die bei Infrastruktur-, Energie- und Verkehrsinvestitionen führend sind.

Erstmalig treten auch chinesische Firmen sichtbar am Weltmarkt auf. TCL ist einer der größten Hersteller von Mobiltelefonen. Haier zählt zu den führenden Haushaltsgerätefirmen der Welt. Autoexperten kennen FAW und Dongfeng. In wenigen Jahren werden solche Namen jedem geläufig sein.

Natürlich gibt es auch in China große Risiken. Unzulängliche Know-how-Sicherung, Mafiastrukturen, die unklare politische Zukunft, die Unwägbarkeiten in Hongkong, die nicht durchschaubare Finanzierung der gigantischen Investitionen - das alles gehört zu den Risiken.

Man muss Asien im Zusammenhang sehen. Selbst wenn China bis 2010 mit der hohen Rate der letzten drei Jahre wächst, werden die Japaner etwa zweimal so viel erzeugen wie die Chinesen. Beide Länder sind somit hochinteressante Märkte. Japan kann als Brückenkopf für China fungieren. Beispielhaft sind die Strategien von Bosch und DaimlerChrysler. Mit 13 000 Mitarbeitern und 2,2 Milliarden Euro Umsatz ist Bosch das größte deutsche Unternehmen in Japan und besitzt eine hervorragende Ausgangsposition zur Eroberung des gesamten asiatischen Marktes. Daimler hat sich bei Pkw mit den Engagements bei Mitsubishi und Hyundai Stützpunkte geschaffen.

Noch höre ich von vielen Deutschen in China und Japan, dass sie bei den Mutterhäusern einen schweren Stand gegen Transatlantika haben, wenn es um knappe Mittel und Personalkapazitäten geht. Diese Gewichtung sollte überdacht werden. Im Osten geht die Sonne auf. Asien und Transatlantika sind gleichermaßen unverzichtbar. u

VON HERMANN SIMON

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