Montag, 22. April 2019

"Boden unter den Füßen weggerissen" Die Schweiz sucht Gründe für den Tod von Martin Senn

Martin Senn: Der ehemalige Zurich-Chef (hier ein Bild vom Feburar 2015) hat sich wenige Monate nach seinem Rücktritt das Leben genommen

Während Online-Medien und Nachrichtenagenturen in Deutschland zur Tagesordnung übergehen, lässt der Freitod des ehemaligen Zurich-Chefs Martin Senn die Schweizer Medien nicht los. Schließlich ist es nach Finanzchef Pierre Wauthier, der 2013 seinem Leben ein Ende setzte, der zweite Selbstmord eines Zurich-Spitzenmanagers.

Eindeutige Antworten auf die Frage nach den Ursachen des Freitods liefern die Berichte aber auch einen Tag nach Bekanntwerden nicht. Hatte Wauthier seinerzeit in Abschiedsbriefen dem damaligen Zurich-Präsidenten Josef Ackermann vorgeworfen, enormen Druck ausgeübt zu haben, fehlen solch klare Hinweise im Fall Senn bis jetzt.

Gleichwohl hatten "Neue Züricher Zeitung" (NZZ) als auch der "Blick" Senns Freitod in einen Zusammenhang mit seiner schnellen Absetzung Ende Dezember 2015 durch Chairman Tom de Swaan gestellt. Obwohl finanziell gut abgesichert, habe Senn, der den Versicherer erst als Finanzchef und ab 2009 als Vorstandschef durch die Finanzkrise lotste, diesen Affront psychisch nicht verkraftet, berichten die Zeitungen unter Berufung auf Insider.

Klare Hinweise für ein Fehlverhalten des Aufsichtsrats in diesem Zusammenhang gibt es nicht. Dafür aber Interpretationsversuche. "Herrn Senn wurde die Macht von einem auf den anderen Tag genommen. Es ist gut möglich, dass ihm dieser plötzliche Verlust den Boden unter den Füssen weggerissen hat", sagt Berater Johannes Czwalina dem "Blick". Seit fast zweieinhalb Jahrzehnten berät der Experte Führungskräfte. Die Gefahr eines Suizids sei heute viel größer als noch vor zehn Jahren. Schuld daran sei auch die seiner Meinung nach "geringe Wertschätzung", die in vielen Unternehmen "an der Tagesordnung" sei.

"Schwäche zu zeigen passt nicht"

Dass Spitzenmanager börsennotierter Unternehmen unter besonderem Druck der Kapitalmärkte und ihrer Aufseher stehen, wenn es geschäftlich nicht läuft, ist nicht neu. Nur wo lassen sie diesen Druck? Und was, wenn sie nicht damit klar kommen?

Das Problem: "Schwäche zu zeigen passt nicht, die Scham über Fehler oder eigene Unsicherheiten zu sprechen ist extrem groß", zitiert der "Blick" Götz Mundle, ärztlicher Geschäftsführer der auf Depressionen und Burn-Out spezialisierten deutschen Oberbergkliniken. Das könnte in der Folge zu einem Leben der "perfekten Fassade" führen, hinter der aber nichts mehr zusammenpasst.

Andere Experten warnen davor, Auslöser für einen Suizid wie im Fall Senn nur im beruflichen Umfeld zu suchen. In der Regel gebe es eine Vorgeschichte.

Vielleicht aber sollte man sich überhaupt mit Interpretationen zurückhalten. Das wäre vermutlich auch Senns Rat gewesen. So erinnert die "Neue Züricher Zeitung" daran, was der geschockte Zurich-Manager seinerzeit zum Freitod seines Kollegen Wauthier sagte: Man müsse bescheiden bleiben bei Interpretationen, denn niemand könne von sich in Anspruch nehmen, das zu kennen, was einen Menschen im Innersten bewege.

Senn hatte sich am vergangenen Freitag in seiner Ferienresidenz in Klosters GR erschossen. Wenn, dann weilte Senn hier unauffällig und zurückgezogen: "Solche Leute wollen hier oben einfach ihre Ruhe. Sie fahren vor, verschwinden in der Tiefgarage. Dann sieht man sie nicht mehr", zitiert der "Blick" am Dienstag einen Anwohner. Einen Schuss hätte niemand gehört.

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