Donnerstag, 18. Juli 2019

Zentralbank lässt Anleger darben Darum müssen Sparer noch lange auf höhere Zinsen warten

Mario Draghi: Der EZB-Chef hält die Zinsen auf Rekordtief. Für Sparer ist wenig zu holen, Aktionäre aber profitieren

Die schwächelnde Konjunktur zwingt die EZB zur Kurskorrektur in der Geldpolitik. Leidtragende sind Millionen Sparer, die nun noch länger auf höhere Zinsen warten müssen. Aktionären kommt die Skepsis der EZB jedoch entgegen.

Sinkende Wachstumsprognosen, trübe Unternehmensausblicke, zudem ein chaotisch verlaufender EU-Austritt Großbritanniens, ein nicht enden wollender Handelskonflikt zwischen den USA und China, der in beiden Ländern bereits das Wachstum hemmt, dazu eine schier unberechenbare Haushaltspolitik in Italien und seit Kurzem auch noch ein lähmender Shutdown in den USA - das wirtschaftliche Umfeld, in dem die Europäische Zentralbank gegenwärtig über ihre Geldpolitik entscheiden muss, könnte unerfreulicher kaum sein.

Kein Wunder, dass EZB-Präsident Mario Draghi wenig Optimismus versprühte, als er in dieser Woche in Frankfurt vor die Presse trat. Der Italiener musste vielmehr eingestehen, dass die Risiken für die Wirtschaft in der Euro-Zone zuletzt zugenommen haben. Da sich zugleich die Inflation in Grenzen hält, besteht für die EZB kein Anlass, ihre lockere Geldpolitik allzu eilig zurückzufahren.

Im Gegenteil: Beobachter erwarten, dass die EZB anderen Institutionen folgen und in Kürze ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone nach unten revidieren wird. Ging die Zentralbank bislang noch von einem Plus von je 1,7 Prozent in den Jahren 2019 und 2020 aus, so erwartet beispielsweise das Investmenthaus Bantleon künftig nur noch eine Vorhersage von 1,2 Prozent beziehungsweise 1,5 Prozent.

Private Sparer dürften diese Entwicklung mit Sorge verfolgen. Denn aus ihrer Sicht bedeutet all dies vor allem eines: Die Zinsen bei Banken und Sparkassen dürften noch länger niedrig bleiben, als ohnehin schon zu erwarten war. Ein Vorteil ist allerdings: Das gilt auch für Kreditzinsen, beispielsweise für Immobiliendarlehen.

Der Grund dafür ist die weiterhin großzügige Art, mit der die EZB die Wirtschaft mit Geld versorgt. Zwar hat die Zentralbank ihre milliardenschweren Anleihekäufe bereits im vergangenen Dezember eingestellt. Angesichts der konjunkturellen Ungewissheiten hält sie aber bis auf Weiteres daran fest, auslaufende Papiere aus ihrem Bestand durch neue zu ersetzen.

Und was wohl noch wichtiger ist: Eine Erhöhung des Leitzinses noch im Jahr 2019 rückt spätestens nach dem jüngsten Auftritt Draghis in immer weitere Ferne.

Dass der EZB-Präsident und seine Kollegen den Zins beim aktuellen Rekordtief von 0 Prozent in dieser Woche erneut nicht antasten würden, war ohnehin erwartet worden. Noch bis vor Kurzem waren viele jedoch davon ausgegangen, dass der erste Zinsschritt zumindest im Laufe dieses Jahres erfolgen könnte.


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Für Tagesgeld

Für Festgeld

Für Immobilienkredite


Daraus wird aber wohl nichts. Einer Analyse von Bloomberg zufolge erwarten die meisten Marktteilnehmer mittlerweile vielmehr, dass die EZB ihren Leitzins erst Mitte 2020 wieder erhöhen wird. Und auf seiner Pressekonferenz am Donnerstag ließ Draghi durchblicken, dass er mit dieser Einschätzung durchaus einverstanden ist.

Bis eine solche Zinserhöhung dann bei den Tages- oder Festgeldkunden von Banken und Sparkassen ankommt, dürften danach noch einmal einige Wochen bis Monate ins Land gehen. Solange gilt es also für private Sparer, weiterhin im extremen Niedrigzinsumfeld zu manövrieren, das ihnen nun schon seit Jahren geboten wird.

Wer höhere Zinsen will, muss dauernd die Bank wechseln

Beim Tagesgeld beispielsweise heißt das aktuell in der Praxis: Die Zinsen erreichen bei wenigen Banken in der Spitze Werte von 0,5 oder 0,6 Prozent und liegen im Schnitt bei rund 0,15 Prozent. Mehr bekommt lediglich, wer sich die Mühe macht, seine Bank häufig zu wechseln. Denn Neukunden locken die Institute bekanntlich mit deutlich besseren (aber stets zeitlich begrenzten) Konditionen von gegenwärtig bis zu 1 Prozent, zu erhalten beispielsweise bei der Advanzia Bank oder der ING.

Da reizt vielleicht doch der Blick auf andere Anlageformen, die mehr Rendite versprechen. Am Aktienmarkt etwa sind nach den Turbulenzen der vergangenen Monate die Kurse gesunken - und ebenso die Bewertungen vieler Unternehmen. Die Ungewissheit über den weiteren Verlauf ist dort aber nach wie vor hoch.

Auch Gold hat als "sicherer Hafen" in den vergangenen Monaten wieder einigen Zuspruch bei Anlegern gefunden. Der Goldpreis ist seit Herbst 2018 merklich angestiegen.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel, macht angesichts der aktuellen EZB-Entscheidung zudem eine besondere Rechnung auf: Kaufkraftbereinigt, so Polleit, also abzüglich der jeweiligen Inflationsrate, habe eine Bankeinlage in der Euro-Zone über die vergangenen 20 Jahre insgesamt lediglich 1,5 Prozent an Ertrag gebracht. Beim Gold dagegen liege das Plus für den Anleger im gleichen Zeitraum und unter gleichen Bedingungen bei 188 Prozent.

Gold bleibe eine attraktive Alternative zu Spareinlagen, so Polleits Fazit. Allerdings erscheint auch bei dem Edelmetall angesichts der unsicheren weltwirtschaftlichen Gesamtlage die weitere Preisentwicklung völlig unklar.

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