Wuhan unter Quarantäne Deutsche Firmen im Sperrgebiet

Straßenkontrolle in Wuhan

Straßenkontrolle in Wuhan

Foto: MARTIN POLLARD/ REUTERS

Das größte Werk des bayerischen Autozulieferers Webasto steht jetzt im Sperrgebiet. Erst im September 2019 hatte Kanzlerin Angela Merkel auf Staatsbesuch in Wuhan die neue Fabrik eröffnet, deren 500 Beschäftigte pro Jahr 2 Millionen Autodächer, 1,2 Millionen Elektroheizungen und 600.000 Ladestationen herstellen können sollen.

Seit Mittwoch ist Wuhan abgeriegelt - ebenso wie inzwischen mehrere weitere Millionenstädte in der zentralchinesischen Provinz Hubei. Die 11-Millionen-Stadt Wuhan gilt als Epizentrum der Coronavirus-Epidemie. Kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest an diesem Wochenende, wenn sonst hunderte Millionen Chinesen zu ihren Familien unterwegs sind, sind Bahnen, Flughäfen und Fernstraßen gesperrt. Auch die neun U-Bahn-Linien der Stadt fahren nicht mehr.

Die Produktion laufe trotzdem unvermindert weiter, erklärt eine Webasto-Sprecherin gegenüber manager magazin. Aber natürlich rate das Unternehmen den Beschäftigten von Reisen nach Wuhan ab. "Es gibt ja eine Ein- und Ausreisesperre der chinesischen Regierung, an die halten wir uns auch."

Unter normalen Umständen würden regelmäßig Mitarbeiter aus Europa und den USA oder anderen chinesischen Städten dorthin reisen, "das ist für uns ein globaler Standort". Webasto empfehle, den nötigen Kontakt auf Telefon- und Videokonferenzen zu beschränken. Wie lange das so gehen solle? Auch Webasto könne sich nur auf die öffentlichen Informationen aus China stützen.

Derartige Pandemien hat es gerade in Asien in den vergangenen Jahren schon einige gegeben, eine solche Quarantäne für eine ganze Metropole jedoch ist in der modernen Geschichte Chinas beispiellos - auch wenn sie möglicherweise spät kommt, um die globale Ausbreitung des Virus zu verhindern. Sollte die Sperre für längere Zeit bleiben, dürfte der Betrieb des Industriezentrums kaum noch aufrechtzuerhalten sein. Bilder aus der Stadt zeigen leergekaufte Supermärkte. Die Armee ist im Hilfseinsatz, ein neues Krankenhaus soll in wenigen Tagen improvisiert werden.


Video: China riegelt Wuhan ab

Reuters


In Wuhan begann Chinas Öffnung für deutsche Unternehmen

Die China-Community der deutschen Wirtschaft hat noch Glück, dass sie in Wuhan vergleichsweise wenig präsent ist - gemessen an der Größe der Stadt, aber auch den historischen Verbindungen. Siemens beispielsweise führt seine Geschichte in der Stadt auf das Jahr 1872 zurück. In der Teilstadt Hankou verwalteten die Deutschen in der Kolonialzeit ihr eigenes Viertel, unter anderem mit einer Filiale der Deutsch-Asiatischen Bank und zwei Anlegestellen deutscher Handelshäuser für Dampfer auf dem Jangtse.

Auch die aktuelle Öffnung Chinas für deutsche Unternehmen begann in Wuhan, bevor die Musik woanders spielte. Die Stadt unterhält seit 1982 mit Duisburg die älteste deutsch-chinesische Städtepartnerschaft - angeregt von Duisburger Ingenieuren, die zuvor zu hunderten in Wuhan lebten, um im Auftrag der damaligen Firmen Mannesmann-Demag, Thyssen Consulting und Krupp Industrietechnik beim Stahlwerksbau zu helfen.

Inzwischen ist der Nachfolgekonzern noch mit dem Betrieb Thyssenkrupp Metal Forming in Wuhan vertreten. Im riesigen Stahlwerk von Wuhan sind auch die Anlagenbauer von SMS Siemag und von Siemens noch regelmäßig mit der Modernisierung beauftragt. Ansonsten half der China-Kontakt Thyssenkrupp vor allem, um Geschäft loszuwerden. Die Autoblechsparte Tailored Blanks wurde 2012 an Wuhan Iron & Steel verkauft. Duisburger Ingenieure haben also auch heute noch regelmäßig mit Wuhan zu tun, aber eher indirekt, denn zwischenzeitlich fusionierte der Käufer mit der Baosteel Group zu Baowu, dem nun zweitgrößten Stahlhersteller der Welt. Die Zentrale sitzt heute in Shanghai.

Für die Franzosen beispielsweise ist Wuhan deutlich wichtiger. Dort sitzt der staatliche Autokonzern Dongfeng, der maßgeblich am Peugeot-Konzern PSA beteiligt ist und in Wuhan große Gemeinschaftswerke sowohl mit PSA als auch mit Renault betreibt. Daher gab es Direktflüge aus Paris, die Air France nun gestrichen hat. Von dort stammt Elektroauto-Technik, die auch die PSA-Tochter Opel neuerdings einsetzt. Mehrere Zulieferer wie Brose, Mahle Behr oder Magna PT sind ebenfalls in Gemeinschaftswerken mit Dongfeng verbandelt.

Stärker in Wuhan präsent ist noch der Bosch-Konzern, der 2011 einen dortigen Hersteller von Heizkesseln mit damals 620 Beschäftigten übernahm, um seine Thermotechnik-Sparte in den asiatischen Markt und die dort verbreitete Technik mit Wasserrohrkesseln zu expandieren. Bosch achte jetzt noch stärker auf hygienischen Schutz in seinen Werken, erklärte das Unternehmen gegenüber dem "Handelsblatt". Wegen des Neujahrsfestes sei der Betrieb aber ohnehin schon eingeschränkt.

So ist die Linie bei den meisten Firmen: Die Deutsche Telekom und SAP setzen auf Home Office, Henkel bittet um verspätete Rückkehr aus den Neujahrsferien - vom Coronavirus lahmgelegt sieht sich noch kein Unternehmen. Die radikalste Maßnahme kommt noch von Schaeffler: Der Autozulieferer, in Wuhan mit einem Logistikzentrum vertreten, hat sämtliche China-Reisen bis Mitte Februar untersagt.

Wie viele Deutsche noch im Sperrgebiet sind, ist nicht bekannt. Die deutsche Botschaft in Peking bemüht sich um Kontakt und ruft dazu auf, sich auf der Liste "Elefand" (elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland) für Notfallinformationen einzutragen. Eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts gibt es bislang nicht - nur die Empfehlung, nicht notwendige Reisen nach Wuhan zu verschieben.

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