Sonntag, 22. September 2019

Markus Braun hofft auf Wendepunkt Showdown um Wirecard - ohne echten Sieger

Wirecard-Chef Markus Braun

Da ist er also, der lang erwartete Showdown. Und dann passiert einfach - nicht viel. Wirecard-Chef Markus Braun kann seine Bilanz für 2018 mit drei Wochen Verzögerung präsentieren, die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young geben ihr "uneingeschränktes" Testat, der Bilanzskandal in Singapur hat nur minimale Auswirkungen auf die Geschäftszahlen. Ein Bericht der "Financial Times"("FT") mit neuen Zweifeln an der Substanz des deutschen Zahlungsabwicklers wird umgehend dementiert.

"Wir denken wirklich, dass heute ein Wendepunkt ist", sagt Markus Braun (49) vor der Bilanzpressekonferenz im Interview des Fernsehsenders CNBC. Aber er sagt es mit nervösem Blinzeln, sichtlich angespannt - und so wirkt es auch nicht recht überzeugend, als er vor der Presse beteuert, die "unglaubliche Freude" an seinem Job habe er in all dem Trubel der vergangenen Monate nie verloren.

Der Börsenhype um die obskure Firma aus Aschheim im Landkreis München hat den Österreicher zum Milliardär gemacht. Aber das wilde Auf und Ab des Aktienkurses seit den ersten "FT"-Vorwürfen nährt die ständige Furcht, das "House of Wirecard" könne einfach zusammenbrechen. Ausgerechnet an dem Tag, der die Befreiung von dieser Sorge markieren soll, bewegt sich die Wirecard-Aktie Börsen-Chart zeigen einmal unauffällig - zumindest bis zum frühen Donnerstagnachmittag. Später rutscht das Papier dann doch noch mit beinahe 5 Prozent ins Minus.

Brauns Anliegen wird auch das keinen Abbruch tun: sich wieder in aller Langeweile auf das operative Geschäft konzentrieren. Wirecard bewirbt sich selbst zwar in Investorenpräsentationen als innovativer Technologiekonzern mit Hype-Begriffen wie "Big Data", "künstliche Intelligenz" oder dem "Megatrend zur bargeldlosen Gesellschaft".

Im Kern ist das Geschäftsmodell aber eine relativ profane Mittlerrolle zwischen Online-Händlern und Zahlungsdiensten wie beispielsweise Kreditkartenfirmen. Wirecard kassiert Disagio und andere Gebühren für die Vermittlung, das macht das Gros der auf immerhin zwei Milliarden Euro angeschwollenen Umsätze aus - weitgehend ein Business-to-Business-Geschäft im Hintergrund, sodass kaum jemand im Alltag direkt mit Wirecard in Berührung kommt. Für Anleger ist es der entgegengesetzte Reiz zu dem von Konzernen wie Apple oder Tesla, deren Produkte jeder kennt.

Gerade diese Obskurität aber macht Wirecard anfällig für Zweifel. So ganz ausräumen kann Firmenchef Braun die weiterhin nicht. Noch immer ermittelt die Polizei in Singapur wegen Scheingeschäften mit Wirecard-Partnerfirmen. Der von der Firma selbst in Auftrag gegebene Untersuchungsbericht der Kanzlei Rajah & Tann wird "aus rechtlichen Gründen" nicht veröffentlicht.

Und selbst wenn sich der Konzern selbst rechtlich korrekt verhalten hat - für einzelne (Ex-)Beschäftigte behauptet Wirecard das nicht mehr - bleibt immer noch die Tatsache, dass ein Großteil der Umsätze und laut "FT" fast der gesamte Gewinn der Vorjahre auf das Konto merkwürdiger Partnerfirmen in verschiedenen asiatischen Ländern geht. Ein kleines Eingeständnis, dass die Strategie des Abstreitens, Kleinredens und Gegenklagens nicht seriös genug wirkt, liefert Wirecard mit der Zusage, an Compliance-Strukturen zu arbeiten. Eine "Taskforce" für saubere Geschäfte soll her.

Auch der am Mittwoch präsentierte Partner Softbank taugt nicht unbedingt, um alle Zweifel an der Substanz des Unternehmens auszuräumen. Der japanische Konzern - bekannt als "Herr der Blasen" mit freigiebiger Kapitalvergabe an allerlei riskante Investments - lässt sich eine Wandelanleihe mit 1,7 Prozent verzinsen, die zugleich den Einstieg bei Wirecard als 5-Prozent-Großaktionär zum heute schon übertroffenen Kurs von 130 Euro garantiert. Man brauche das Kapital von 900 Millionen Euro nicht, beteuert Braun - es gehe nur um die Wachstumschancen.

Ein Wendepunkt? Wohl kaum. Fans wie Skeptiker von Wirecard werden weiterhin reichlich Argumente für ihre jeweilige Sichtweise finden und die Aktie auf Achterbahnfahrt schicken - oder sich auch mal die Waage halten, wie an diesem Donnerstag.

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