Donnerstag, 22. August 2019

Umsatz und Gewinn steigen um mehr als ein Drittel Wo Wirecard schwächer wächst

Umsatz und Ergebnis bei dem Zahlungsdienstleister kletterten im zweiten Quartal jeweils mehr um ein Drittel

Gut ist eben nicht gut genug. Aktien von Wirecard Börsen-Chart zeigen haben am Mittwoch nach Quartalszahlen in der Spitze gut 2,5 Prozent nachgegeben und zählten am Vormittag mit zu den schlechtesten Werten im Dax Börsen-Chart zeigen. Dabei, das zeigen die Zahlen, kann der Zahlungsdienstleister weiter auf den Boom beim Online-Shopping zählen und hat zum zweiten Mal in diesem Jahr seine Prognose erhöht.

Das berüchtigte Haar in der Suppe: Zwar kletterte das Transaktionsvolumen bei den Zahlungen um 37 Prozent, auch der Umsatz wuchs in dieser Größenordnung - allerdings kletterten auch die Kosten um 37 Prozent. Und zudem: Das Neukundenwachstum legte nicht mehr ganz so rasant zu wie zuletzt.

Vermutlich auch hatten sich Investoren noch mehr erhofft: Denn Analysten kalkulieren schon länger mit den erhöhten Zielen, die Wirecard nun als offizielle Ziele ausgab. Beim Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) erwartet Vorstandschef Braun jetzt in diesem Jahr 765 bis 815 Millionen Euro. Bisher stand mit jeweils fünf Millionen weniger nicht ganz so viel auf dem Plan. Das Management blicke "äußerst optimistisch in das zweite Halbjahr", sagte Braun.

Auch für das kommende Jahr zeigt sich das Unternehmen zuversichtlicher, der Umsatz soll auf mehr als 3,2 Milliarden Euro klettern. Bisher lag die Latte bei mehr als 3 Milliarden. Gleichzeitig will Wirecard dann weiter eine Marge beim operativen Ergebnis zwischen 30 und 35 Prozent erreichen.

Im zweiten Quartal

  • verbuchte Wirecard ein Umsatzplus von gut 37 Prozent auf 643 Millionen Euro, auf Halbjahressicht waren 1,2 Milliarden Euro oder plus 36 Prozent
  • stieg das operative Ergebnis um knapp 36 Prozent auf 184 Millionen Euro, im Halbjahr auf 342 Millionen Euro
  • belief sich das Nettoergebnis auf 131 Millionen Euro - auch dank geringerer Steuern ein Plus von fast 57 Prozent. Im Halbjahr waren es 237 Millionen Euro oder plus 50 Prozent
  • Das auf der Wirecard-Plattform abgewickelte Transaktionsvolumen, eine wesentlich Triebkraft für die Umsätze, belief sich im ersten Halbjahr auf 77,3 Milliarden Euro (im ersten Halbjahr 2018 waren es 56,2 Milliarden Euro).

Goldman-Sachs-Analyst Mohammed Moawalla bezeichnete die Ergebnisse als stark. Wirecard habe mit den Zahlen unter Beweis gestellt, dass die Beschleunigung beim Wachstum des operativen Gewinns im Vorjahr keine Eintagsfliege gewesen sei, schrieb Baader-Bank-Experte Knut Woller.

Womöglich weniger Geschäft mit neuen Kunden?

Allerdings: Weniger große Sprünge machte Wirecard bei einer anderen Kennzahl: Das mögliche Transaktionsvolumen neu hinzugewonnener Kunden betrug 34,6 Milliarden Euro, lediglich 15,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Kennziffer ist ein Indikator dafür, wie viele Zahlungen in Zukunft zusätzlich über Wirecard abgewickelt werden könnten. In den vergangenen Halbjahren hatte das Unternehmen hier einen deutlich höheren prozentualen Zuwachs vermeldet.

Das langsamere Wachstum bei dem möglichen Transaktionsvolumen aus Neukundenabschlüssen sei unter anderem auf die hohen Vorjahreswerte zurückzuführen, sagte eine Sprecherin. Im ersten Halbjahr sei absolut gesehen ein neuer Rekord erreicht worden. Zudem habe Wirecard noch in keinem Halbjahr so viele großvolumige Abschlüsse getätigt.

Laut früheren Angaben von Braun werden erfahrungsgemäß rund zwei Drittel des hinzugekommenen potenziellen Transaktionsvolumens von Neukunden dann auch tatsächlich über Wirecard abgewickelt. Zuletzt gewann Wirecard etwa die Abwicklung von Zahlungen über Kreditkarten- und internationale Debitkarten in den deutschen Aldi-Filialen. Zudem konnte Wirecard mit dem Gebrauchtwagenhändler Auto1 eine erste Kooperation mit einer Beteiligung des Tech-Investors Softbank vermelden. Softbank will im September mit 900 Millionen Euro über eine Wandelanleihe bei Wirecard einsteigen.

Wirecard räumt "Qualitätsmängel" in der Buchhaltung ein

Ende Januar war Wirecard in große Schwierigkeiten geraten - was aber vor allem damit zu tun hatte, dass sich Anleger nach Berichten der "Financial Times" wieder Fragen rund um das Geschäftsgebaren der Firma stellten. Konnte Wirecard bisher immer alle Verdächtigungen abschütteln, musste der Konzern diesmal zumindest einräumen, dass es "Qualitätsmängel" in der Buchhaltung gab und dass einige Buchungen korrigiert werden mussten. Möglicherweise haben sich auch einige Mitarbeiter in Singapur strafbar gemacht.

Betrug und systematische Luftbuchungen sieht das Unternehmen aber als ausgeschlossen an. Bei mehreren Behörden laufen noch Ermittlungen zu dem Fall. Sowohl die Münchner Staatsanwaltschaft als auch die Finanzaufsicht Bafin gehen zudem davon aus, dass es eine gezielte illegale Attacke von Börsenspekulanten gab. Der renommierten Wirtschaftszeitung "FT" wirft Wirecard Gemauschel mit sogenannten Short-Sellern vor, die mit fallenden Aktienkursen Geld verdienen.

An der Börse war die Aktie zwischenzeitlich bis auf 86 Euro abgestürzt. Inzwischen kostet sie mit rund 150 Euro wieder fast so viel wie vor den "FT"-Berichten. Das Rekordhoch von 199 Euro aus dem Herbst 2019, als der Konzern die Commerzbank aus dem Dax verdrängt hat, ist aber noch in weiter Ferne.

Mit einem Börsenwert von zuletzt etwas mehr als 18 Milliarden Euro ist Wirecard aber immer noch deutlich mehr wert als die Deutsche Bank (14 Milliarden) und die Commerzbank (7 Millairden). Einer der größten Profiteure des starken Anstiegs der Aktie in den vergangenen Jahren ist Konzernchef Braun selbst - er hält sieben Prozent der Anteile. Das Paket ist aktuell knapp 1,3 Milliarden Euro wert.

rei mit dpa

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