Politiker fordern Rücktritt von Felix Hufeld Bafin-Chef weist Vorwurf der Schlamperei bei Wirecard zurück

Felix Hufeld: Politiker fordern den Rücktritt des Chefs der Finanzaufsicht. Der verteidigt sich gegen Vorwürfe der Schlamperei im Fall Wirecard

Felix Hufeld: Politiker fordern den Rücktritt des Chefs der Finanzaufsicht. Der verteidigt sich gegen Vorwürfe der Schlamperei im Fall Wirecard

Foto: Bloomberg / Bloomberg via Getty Images

Bafin-Chef Felix Hufeld hat sich gegen Vorwürfe der Schlamperei im Zusammenhang mit der Wirecard-Pleite verteidigt. Er habe wegen der Rechtslage gar nicht bei der Wirecard-Bilanzprüfung eingreifen dürfen, sondern sich auf die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) verlassen müssen, sagte Hufeld am Montag laut Teilnehmerkreisen bei einer Sitzung des Verwaltungsrats der Finanzaufsicht.

Vor einer Woche hatte Hufeld noch erklärt, die Kritik an der Rolle der Aufsichtsbehörden - inklusive der Bafin - nehme er voll und ganz an. "Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert."

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Nun sagte Hufeld den Teilnehmern zufolge, auch habe es nicht an der Bafin, sondern an der Europäischen Zentralbank (EZB) gelegen, dass Wirecard nicht als Finanz-Holding eingestuft wurde. Ohne diese Einstufung hatte die Finanzaufsicht vergleichsweise wenig Kontrollrechte über den Konzern. Die Bafin habe Wirecard ursprünglich als Finanz-Holding eingestuft. "Dann hat Wirecard einige Umstrukturierungen vorgenommen. Daraufhin hat die EZB Wirecard als Technologieunternehmen eingestuft und nur die Tochter als Bank", fasste ein Teilnehmer Hufelds Äußerungen zusammen.

Da Wirecard nicht als Finanzholding eingestuft wurde, fehlte den Behörden offenbar das scharfe Schwert der Bankenaufsicht, um strenger vorzugehen. So kann die Bafin nach dem Kreditwesengesetz Sonderprüfer in eine Bank schicken, um Vorwürfe zu prüfen und dem Institut auf den Zahn zu fühlen. Bei anderen Unternehmen muss die Behörde dagegen die Deutsche Prüfungsstelle für Rechnungslegung (DPR) einschalten.

Finanzaufsicht im Kreuzfeuer der Kritik - Hufeld kämpt um seinen Job

Die dem Finanzministerium untergeordnete Finanzaufsicht Bafin steht wegen des Wirecard-Skandals massiv unter Druck, Hufeld kämpft um seinen Job. Mehrere Oppositionspolitiker haben auch personelle Konsequenzen bei der Behörde gefordert.

Die Bafin hatte die auch als auch "Bilanzpolizei" bekannte Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) Anfang 2019 beauftragt, den Wirecard-Abschluss für das erste Halbjahr 2018 näher zu prüfen. Bis zur Wirecard-Pleite gab es noch kein Ergebnis.

Der Bund hat als Konsequenz den Vertrag mit der DPR zum Ende 2021 gekündigt.


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Der Fall Wirecard wirft auch einen Schatten auf andere Institutionen und die Regulierung. "Wir lieben Selbstregulierung in Deutschland", sagte der Finanzprofessor Jan Pieter Krahnen. "Aber das funktioniert nur bei schönem Wetter. Kapitalmarktüberwachung genießt in Deutschland eine niedrige Priorität."

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Auch das SPD-geführte Finanzministerium, zu deren Verantwortungsbereich die Bafin gehört, gerät ins Visier. "Die Vorgänge um Wirecard sind skandalös", sagte der FDP-Politker Frank Schäffler. "Natürlich trägt das Finanzministerium ganz klar eine Verantwortung." Schäffler gehört dem Bafin-Verwaltungsrat an, ebenso wie der CSU-Politiker Alexander Radwan.

Radwan sagte, die Rolle des Finanzministeriums müsse durchleuchtet werden. "Der Fall wirft die Frage auf, ob die Finanzaufseher wieder einmal an der Komplexität der Finanz- sowie IT-Welt und ihrer Produkte gescheitert sind", sagte er zu Reuters. "Wirecard könnte von daher auch nur die Spitze des Eisberges sein. Offenbar ist es auch zwölf Jahre nach der Finanzkrise nicht gelungen, solche Exzesse zu verhindern."

Leerverkäufer sieht sich bestätigt

Der Leerverkäufer Fraser Perring, der 2016 Wirecard mit Vorwürfen der Bilanzmanipulation ins Visier genommen hatte, sieht sich durch die Pleite des Zahlungsanbieters rehabilitiert. "Die Aufseher haben die Bedenken ignoriert und stattdessen die jenigen verfolgt, die vor diesem großen Betrug gewarnt haben", sagte Perring. Die von Perring betriebene Firma Zatarra Research hatte Wirecard 2016 in einer im Internet verbreiteten Analyse betrügerische Machenschaften vorgeworfen, die Wirecard-Aktie brach ein. Daraufhin gingen die Bafin und die Staatsanwaltschaft München gegen Perring vor. Das Strafverfahren wegen des Verdachts der Marktmanipulation wurde im Mai vom Amtsgericht München gegen eine Geldauflage im niedrigen fünfstelligen Bereich eingestellt.

Wirecard North America stellt sich zum Verkauf

Infolge des Insolvenzantrags des deutschen Zahlungsabwicklers Wirecard werden dessen Aktien aus dem Stoxx Europe 600 entfernt. Von diesem Dienstag an werden sie nicht mehr im Index der 600 größten börsennotierten europäischen Unternehmen zu finden sein. Wichtig sind Index-Änderungen vor allem für Fonds, die Indizes exakt nachbilden. Dort muss dann entsprechend umgestellt werden, was Einfluss auf die Aktienkurse haben kann.

Derweil treiben Zocker mit der Aktie ihr Spiel von Wirecard: Nach dem Kurs-Kollaps der vergangenen Tage stiegen die Aktien um 216 Prozent auf 4,05 Euro. Noch nie in der gut 30-jährigen Geschichte des Dax legte ein Wert binnen eines Tages so stark zu.

Derweil kündigte Wirecard North America an, sich zum Verkauf zu stellen. Das teilte das US-Unternehmen in der Nacht auf Dienstag mit. Eine Investmentbank koordiniere den Prozess. Die US-Amerikaner betonten in der Mitteilung ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit von dem angeschlagenen Konzern aus Aschheim bei München. "Wirecard North America ist eine selbst tragende Einheit, die weitgehend autonom von Wirecard ist." Wirecard war 2016 mit der Übernahme einer Prepaid-Kreditkartenfirma von der Bad Bank der Citigroup in den US-Markt eingestiegen.

rei/Reuters/dpa-afx