1,9 Milliarden Euro fehlen Suspendierter Wirecard-Vorstand gefeuert, Treuhandkonten gibt es nicht

Wirecard:1,9 Milliarden Euro und der Treuhänder auf den Philippinen sind verschwunden. Gleiches gilt für das Vertrauen der Anleger und für die Kreditwürdigkeit des Konzerns

Wirecard:1,9 Milliarden Euro und der Treuhänder auf den Philippinen sind verschwunden. Gleiches gilt für das Vertrauen der Anleger und für die Kreditwürdigkeit des Konzerns

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Wirecards Gläubiger: Diese Banken könnten den Stecker ziehen

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Der Bilanzskandal beim Zahlungsdienstleister Wirecard hat sich dramatisch zugespitzt. Der Dax-Konzern räumte am Montag ein, die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro seien mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" gar nicht existent. Ex-Firmenchef Markus Braun und dem inzwischen geschassten Vorstand Jan Marsalek, gegen die die Staatsanwaltschaft München ermittelt, könnten Insidern zufolge sogar Haftbefehle drohen. An der Börse brach die Aktie von Wirecard  erneut um 44 Prozent auf 14 Euro ein. In nur drei Tagen wurden mehrere Milliarden Euro an Kapital vernichtet. Der Chef der Finanzaufsicht, Felix Hufeld, sprach von einem Desaster und räumte Fehler der Behörde ein.

Hintergrund des drohenden Haftbefehls für die beiden Manager sei eine mögliche Fluchtgefahr, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Juristen der Nachrichtenagentur Reuters. Die Anwälte der beiden Österreicher Braun und Marsalek, dem nach seiner Suspendierung vergangene Woche nun gekündigt wurde, lehnten einen Kommentar ab.

Wirecard feuert suspendierten Vorstand Marsalek

Jan Marsalek

Jan Marsalek

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Die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen des Verdachts der Marktmanipulation gegen Braun, Marsalek und zwei weitere Vorstände. Am Montag erklärte die Behörde, sie prüfe eine Ausweitung der Ermittlungen. "Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten", sagte eine Behördensprecherin. Wirecard selbst hatte sich als Opfer eines "gigantischen Betrugs" bezeichnet. Auf Betrug stehen in besonders schweren Fällen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Zuvor hatten sich Hinweise auf einen Milliardenbetrug verdichtet.

Wie Wirecard am frühen Abend mitteilte, hat das Unternehmen den bereits suspendierten Vorstand Jan Marsalek gefeuert. Der Aufsichtsrat habe den österreichischen Manager "mit sofortiger Wirkung abberufen und seinen Anstellungsvertrag außerordentlich gekündigt". Marsalek war bereits seit vergangener Woche suspendiert, er war bis dahin für das operative Tagesgeschäft einschließlich Südostasien zuständig, wo die Affäre ihren Anfang nahm.

Bafin-Chef Hufeld: "Ein komplettes Desaster"

"Wir sind nicht effektiv genug gewesen": Bafin-Chef Felix Hufeld

"Wir sind nicht effektiv genug gewesen": Bafin-Chef Felix Hufeld

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Die Finanzaufsicht Bafin zeigt sich entsetzt über den Bilanzskandal . "Das ist ein komplettes Desaster, das wir da sehen, und es ist eine Schande, dass so etwas passiert ist", sagte der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Felix Hufeld, am Montag bei einer Konferenz in Frankfurt. "Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen Dax -Konzern gesehen habe." Die Kritik an der Rolle der Aufsichtsbehörden - inklusive der Bafin - nehme er voll und ganz an. "Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert", räumte Hufeld ein. Wichtig sei nun rasche Aufklärung. Nach Informationen von manager magazin wollte die Bafin bereits vor sechs Wochen die komplette Wirecard AG unter Aufsicht stellen - das Projekt kam zu spät.

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Ratingagentur Moody´s entzieht Wirecard die Kreditwürdigkeit komplett

Die Ratingagentur Moody's hat dem von einem Bilanzskandal erschütterten Zahlungsabwickler Wirecard die Kreditwürdigkeit komplett entzogen. Moody's begründete den Schritt am Montag damit, dass die vorliegenden Informationen unzureichend seien, um die bisherigen Einstufungen aufrecht zu erhalten und eine Bewertung über die Kreditwürdigkeit abzugeben. Am Freitag hatte Moody's die Kreditwürdigkeit von Wirecard bereits auf "Ramsch" herabgestuft.

Aktie stürzt unter 20-Euro-Marke

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Wirtschaftsaffäre: Diese Staatsanwältin jagt Wirecard

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Wegen des fehlenden Nachweises der 1,9 Milliarden Euro hatte der Wirtschaftsprüfer EY Wirecard das Testat für den Jahresabschluss verweigert. Das Fehlen von Geld und Testat löste ein Beben aus, das Unternehmenschef Markus Braun sowie Vorstand Jan Marsalek den Job kostete und den Kurs der Wirecard-Aktie binnen zwei Tage um rund 80 Prozent abstürzen ließ. Am Montag setzte das Papier seinen Kurssturz fort und notierte zuletzt bei rund 16 Euro. Das Tagestief hatte bei 11 Euro gelegen.

Der Finanzkonzern, der für Händler und Kunden Zahlungen in Online-Shops und an Ladenkassen abwickelt, hatte am Donnerstag seinen Jahresabschluss 2019 zum vierten Mal verschieben müssen, weil die Wirtschaftsprüfer von EY ein milliardenschweres Loch in der Bilanz gefunden hatten. Das Problem für Wirecard ist nun, dass Banken eine Kreditlinie kündigen können und Wirecard das Geld dann zurückzahlen müsste. In diesem Fall droht dem Unternehmen die Pleite.

Interims-Chef James Freis steht vor Herkulesaufgabe

Unter dem neuen Wirecard-Chef James Freis will der Konzern prüfen, ob, in welcher Art und Weise und in welchem Umfang die betroffenen Geschäfte mit Drittpartnern tatsächlich zugunsten Wirecard geführt worden seien. Die gesuchten Milliarden sind nach Angaben der philippinischen Zentralbank nie im Land angekommen. Cezar Consing, der Vorstandschef der Bank BPI, bei der angeblich Konten geführt wurden, sagte Reuters, das Zertifikat sei eine "plumpe Fälschung" gewesen. Ein "sehr niedrigrangiger" Manager habe es unterzeichnet.

Der neue Vorstand versucht die Gläubigerbanken dazu zu bewegen, dass sie Wirecard jetzt nicht den Geldhahn zudrehen. Freis kämpft ums Überleben des Konzerns: Man stehe mit Hilfe der am Freitag angeheuerten Investmentbank Houlihan Lokey weiterhin in "konstruktiven Gesprächen" mit den kreditgebenden Banken. Am Finanzplatz Frankfurt war zumindest am Wochenende zu hören, dass die Banken Wirecard weiter am Leben halten wollen. Die Sorgen vor den Schockwellen einer Wirecard-Pleite sind wohl zu groß.

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Wirecards Gläubiger: Diese Banken könnten den Stecker ziehen

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Wirecard setzt darauf , dass die Banken stillhalten und eine Pleite vermieden werden kann. Das Unternehmen betonte am Montag, die Systeme des Konzerns liefen ohne Einschränkung. Zu dem Konzern gehört auch die Wirecard Bank, die eine Vollbanklizenz hat und sämtliche Finanzdienstleistungen anbieten darf.


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Viertel der Bilanzsumme verschwunden - und der Treuhänder auch

Der Konzern war bis Donnerstag davon ausgegangen, dass die nun fehlenden 1,9 Milliarden Euro - ein Viertel der Bilanzsumme - auf Konten über einen Treuhänder bei Banken in Asien angelegt sind. Nicht nur das Geld, sondern auch der Treuhänder selbst sind verschwunden. Nach Informationen des SPIEGEL handelt es sich bei dem verschwundenen Treuhänder um Mark Tolentino, Anwalt mit Kanzlei im philippinischen Finanzzentrum Makati City. Die Verlässlichkeit dieser Treuhandbeziehung "werde nun infrage gestellt", erklärte Wirecard. Der Vorstand gehe davon aus, dass die bisherigen Beschreibungen des sogenannten Drittpartnergeschäfts unzutreffend seien. Man untersuche, ob, in welcher Art und Weise und in welchem Umfang das Geschäft tatsächlich zugunsten von Wirecard geführt worden sei.

rei/la/mg/reuters/dpa/afp
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