Wirtschaftsethik Von der Versuchung, "fünf gerade" sein zu lassen

Wilhelm Bonse-Geuking war einer der einflussreichsten deutschen Energiemanager, zuletzt als Aufsichtsratschef des Chemiekonzerns Evonik. Inzwischen warnt der heute 72-Jährige vor den Versuchungen der Korruption - wie etwa in einem Vortrag in der Hochschule für Philosophie in München, den wir hier leicht gekürzt dokumentieren.
Von Wilhelm Bonse-Geuking
"Gefangenendilemma": Was machen Sie, wenn Sie befürchten müssen, dass Ihre Wettbewerber davonziehen, weil Sie keine "Gefälligkeiten" gewähren?

"Gefangenendilemma": Was machen Sie, wenn Sie befürchten müssen, dass Ihre Wettbewerber davonziehen, weil Sie keine "Gefälligkeiten" gewähren?

Foto: Corbis

Gleich vorweg: Spätestens seit der Finanzkrise 2008, eigentlich aber schon seit der Diskussion in den 90er Jahren über shareholder und stakeholder value, herrscht in der Öffentlichkeit mehr und mehr die Auffassung, die Familienunternehmer seien die besseren Manager: Familienunternehmer denken langfristig, arbeiten mit eigenem Geld, lassen sich nicht von der Börse treiben, stehen zu ihren sozialen Pflichten.

Ich möchte es gegebenenfalls unserer Diskussion überlassen, ob angestellte Manager die weniger guten Unternehmer sind. Für meinen Vortrag gilt: ich mache hier keinen Unterschied zwischen Familienunternehmern und Managern; Unternehmer sind beide und beide sind Thema meines Vortrags.

Ich werde mich mit folgenden Fragen befassen

  • Was ist ein Unternehmer und was treibt ihn an?
  • Mit welchen Konflikten sieht er sich aus ethischer Sicht konfrontiert? Hierzu werde ich einige Beispiele aus der selbst erlebten bzw. beobachteten Praxis bringen.
  • Wann ist man ein guter Unternehmer?

Was ist ein Unternehmer und was treibt ihn an?

Unternehmer kommt von unternehmen. Das Wort ist vieldeutig. Ein Unternehmer investiert und riskiert damit sein und/oder anderer Leute Geld. Man unternimmt allerdings auch eine Reise. Beides ist in die Zukunft gerichtet und die Zukunft ist immer unsicher.

Wenn man eine Reise unternimmt, sind die Risiken überschaubar. Vor allem: In aller Regel bekommt man für sein Geld nach kurzer Zeit die vertraglich vereinbarte Leistung. Sonst wäre Deutschland wohl nicht Reisevizeweltmeister.

Es ist also populär, eine Reise zu unternehmen; Unternehmer hingegen verlieren von Jahr zu Jahr weiter an Ansehen, obwohl sie die Träger und Treiber unserer Volkswirtschaft sind und beträchtliche, mitunter sogar existenzielle Risiken eingehen.

Der Unternehmer geht finanziell immer in Vorlage, kauft, investiert, stellt Mitarbeiter ein und - das muss betont werden - es dauert geraume Zeit, meist Jahre, bis sich das Geld verzinst und es dauert noch länger, bis es zurückkommt, - wenn überhaupt.

Der Unternehmer ist sich bewusst, dass er nicht alle Risiken kennt und einschätzen kann. Deshalb reagiert er reflexartig ablehnend auf alles, was seine Risiken erhöht, zusätzliche Mittel erfordert, die an anderer Stelle fehlen, - vor allem, wenn seine Wettbewerber davon verschont bleiben. Das gilt für alle Belastungen,- ob Steuererhöhungen, Umweltauflagen oder moralische Forderungen.

Macht, Einfluss, Prestige, hohes Einkommen

Es ist ganz wichtig, das große unternehmerische Risiko zu verstehen; erst dann öffnet sich der Blick für die Anspannung, mit der Unternehmer zurechtkommen müssen.

Warum gibt es überhaupt Unternehmer? Als ich von einem ausfuchsten Moderator vor großem Publikum gefragt wurde, warum ich als Ingenieur Manager wurde und ein großes Unternehmen leite, da spürte ich, dass er von mir als meine Motive hören wollte: Macht, Einfluss, Prestige, hohes Einkommen.

Natürlich finden sich diese Motive bei allen Unternehmern, - also auch bei mir. Aber sie dominieren nicht, - und das gilt für den größten Teil der mir bekannten Unternehmer.

Ich bin überzeugt: für sie gilt wie für mich, dass sie nachhaltig Werte schaffen wollen; sie wollen - ja: auch sich selbst - beweisen, was sie leisten können, dass ihre Ideen, Verfahren und Produkte zuhause und auf dem Weltmarkt profitabel konkurrieren können. Aber nicht nur das: Sichere, gut bezahlte Arbeitsplätze und ein menschliches Umfeld schaffen nachhaltige Werte: Dankbarkeit, Vertrauen und Loyalität der Mitarbeiter.

Seit dem Fall der Mauer hat allerdings bei vielen Unternehmern die kurzfristige Maximierung von Gewinn und persönlichem Einkommen sehr an Bedeutung gewonnen, - leider.

Der Anstoß kam aus der Finanzbranche: Die meisten großen Unternehmen gehören als AGs und GmbHs "Institutional Investors", also Fonds aller Art (auch Pensionsfonds) und Banken. Diese verlangen, dass die Vergütungen des Managements stark an den aktuellen shareholder value, also an die Gewinne und die Wertentwicklung des Unternehmens - den Aktienkurs - gebunden werden.

Diese "Incentivierung" stellt auf den "homo oeconomicus" ab, der nur auf seinen persönlichen Vorteil bedacht ist und dies auch von seinen Mitmenschen annimmt.

Nun ist gegen eine Steigerung der Gewinne und des Unternehmenswertes nichts zu sagen, denn ein Unternehmen soll erfolgreich sein. Das Problem sind vor allem

  • das "Wie",
  • die Fristigkeit und
  • die Nachhaltigkeit.

Angloamerikanischer Mentalität entsprechend denken die "Institutional Investors" in kurzen Fristen; kurzfristig heißt für sie ein bis zwei Quartale, mittelfristig ist ein Zeitraum von eher einem statt zwei Jahren.

Ich zaubere Ihnen kurzfristig eine deutliche Gewinnsteigerung herbei. Das ist jedoch kein Zauber, denn ich kürze dort, wo es - erst einmal - nicht wehtut: bei den eher langfristig angelegten Ausgaben und Investitionen, z.B. beim Marketing, bei der Instandhaltung, bei Forschung und Entwicklung. Wenn einige Zeit später in Form schlechter Anlagenverfügbarkeit und rückläufige Marktanteile die Quittung schmerzhaft eintrifft, ist der Investor oft weg, auch meist das Management.

Diese Entwicklung ist zwar während der letzten 20 Jahre eingetreten, aber - wie gesagt - ich halte sie nicht typisch für die meisten Unternehmer in unserem Land. Der weitaus größte Teil nimmt seine Aufgaben verantwortungsbewusst wahr. Und deutsche Unternehmer denken eher zu langfristig; die Kasse muss aber jedes Jahr stimmen. Im Übrigen hat in den Aufsichts- und Beiräten - sicherlich auch als Folge der öffentlichen Kritik - ein Umdenken eingesetzt: finanzielle Ziele, schon gar nicht kurzfristige, können allein keine Messlatte für die Leistung eines Unternehmers sein.

Mit welchen Konflikten sich der Unternehmer konfrontiert sieht

Nun zu dem Spannungsfeld, zu den Konflikten aus ethischer Sicht.

Die erste Frage, wäre: was ist die ethische Sicht?

Kein Zweifel, ich zitiere Prof. Wallacher: die "Wirtschaft hat eine ökonomische und eine moralische Dimension". Aus der Vorlesung wissen Sie aber auch, dass es "unterschiedliche Auffassungen von Wirtschaftsethik" gibt, "verschiedene Modelle der Zuordnung von Ethik und Ökonomie".

Was aber heißt dies für den Unternehmer? Welchen wirtschaftsethischen Maßstab soll er denn anlegen?

Prof. Wallacher hat über den Typus "Gesellschaft als Marktgesellschaft" gesprochen, in der "wettbewerbliche Sachzwänge" als konstitutiv angesehen werden. Diese Sachzwänge würden die Spielräume für Moral und Ethik erheblich einschränken.

Was sind das für "wettbewerbliche Sachzwänge", mit denen ein Unternehmer zurechtkommen muss?

Diese Sachzwänge bilden das "Spannungsfeld", das ich in der Überschrift anspreche. Ich will es anhand zweier sehr kritischer, realer Themen ausleuchten. Damit will ich deutlich machen, dass es schwierig, aber auch notwendig ist, sich diesen Sachzwängen ehrlich und redlich zu stellen:

  • Abbau von Arbeitsplätzen
  • Korruption

Mein ist, dass Professor Rupert Lay SJ definierte in seinem Buch "Ethik für Manager" als "ersten Grundsatz der Ethik": "Alles moralische Handeln geschieht aufgrund einer Güterabwägung zwischen den Realisieren von Interessen und dem Vermeiden von Strafen."

Das entscheidende Wort ist "Güterabwägung". Es ist in meinem Vortrag das Leitmotiv: der Umgang mit den "wettbewerblichen Sachzwängen" erfordert eine saubere Güterabwägung; hier tritt im bestem Sinne der "Ernstfall der Ethik" ein.

Ist die Schließung und Verlagerung von Betrieben zu rechtfertigen?

Hierzu zwei Beobachtungen:

An der Ruhr, wo ich viele Jahre gearbeitet habe, zeigt sich, was es für eine ganze Region bedeutet, wenn wie im Bergbau Arbeitsplätze in großem Umfang wegbrechen. Es gibt zwar für die Bergleute eine sozialverträgliche Abfederung, aber die Region steckt seit den 60ern in einer sich verfestigenden Strukturkrise. Ist diese damit zu rechtfertigen, dass die Förderung der Steinkohle zu hohe Kosten erfordert und Kohlekraftwerke die Umwelt belasten?

im Münsterland wurden vor kurzem in einer Predigt die Schließung eines Werkes und die Entlassung von Mitarbeitern wegen zu hoher Kosten als Verstoß gegen die Nächstenliebe gebrandmarkt. Ist eine derartige wirtschaftsethische Messlatte angebracht?

Meine Antwort auf beide Fragen ergibt sich aus den Konsequenzen:

An der Ruhr gab der Staat viele Milliarden zur Subventionierung des Bergbaus aus; die wirtschaftlichen Strukturen bestanden mehr oder weniger weiter: Neue Industrien kamen nur in begrenztem Umfang und zogen sich inzwischen vielfach wieder zurück. Ein breiter Mittelstand konnte sich nicht entwickeln, er ist somit viel zu schwach vertreten. Dafür findet sich häufig ein fatalistischer Glaube, der Staat werde es schon irgendwie richten, obwohl nahezu alle entscheidenden Indikatoren negativ sind; mein Blick auf die Zukunft des Ruhrgebietes deprimiert mich.

Im Münsterland herrschte vor 40 Jahren eine dem Ruhrgebiet vergleichbare Strukturkrise mit prozentual gleich hoher Arbeitslosigkeit: Textilindustrie und Landwirtschaft brachen ein. Hier aber gab es keine Subventionen wie an der Ruhr; vielmehr bildete sich sehr erfolgreicher, ein breiter Mittelstand heraus. Der Kreis Borken ist heute einer der leistungsfähigsten deutschen Kreis, - mit einer Arbeitslosigkeit zwischen 3…4%.

Wer hat die "wettbewerblichen Sachzwänge" am besten gemeistert?

Wer sich den Realitäten nicht stellt, geht unter. In der Wirtschaft ist es wie überall im Leben und in der Natur. Der griechische Philosoph Heraklit brachte es vor 2500 Jahren auf die von Platon verkürzte Formel: "panta rhei - alles fließt!"; nichts kann so bleiben wie es ist. Man muss sich anpassen, und zwar rechtzeitig. Ein mir bekannter Tuchfabrikant wollte diesen Zwang nicht akzeptieren; er setzte sein ganzes Vermögen ein, um seine Fabrik und die Arbeitsplätze über eine vermeintlich kurze Konjunkturflaute hinweg zu retten. Die Fabrik wurde dennoch geschlossen und er selbst hatte zum Schluss alles verloren.

Ich glaube nicht, dass ich hierzu weiter ausführen muss. Arbeitsplätze müssen wettbewerbsfähig sein, sonst haben sie keine Berechtigung. Ich bin meinen Mitarbeitern oft mit dem Satz auf die Nerven gegangen: "Unsere Arbeit bezahlt nicht das Unternehmen; dies tun unsere Kunden. Wir brauchen sie, diese aber nicht uns!"

Ich will aber betonen: "hire and fire" zwecks kurzfristiger Gewinnsteigerung oder -erhaltung, wie ich es in den USA mit Kündigungsfristen von 14 Tagen erlebt habe, darf es nicht geben. Es gilt die soziale Verpflichtung des Unternehmers.

Nun zur Korruption:

Es gibt seit einem guten Jahr eine Schrift des "Päpstlichen Rates für Frieden und Gerechtigkeit" mit dem schönen Titel: "Zum Unternehmer berufen". Sie ist bemerkenswert, weil sie durchweg von einer positiven Einstellung zum Unternehmer geprägt ist.

Sie ist allerdings nicht sehr hilfreich, wenn es um den Konflikt mit den "wettbewerblichen Sachzwängen" geht. Denn sie lässt den Unternehmer allein, wenn es konkret um den Umgang einem beinharten Wettbewerb geht.

International tätige Unternehmer erleben diesen täglich. Sie haben es oft - ich will es vorsichtig ausdrücken - mit unwilligen Behörden und Wettbe-werbern zu tun, die mit üblen, ja illegalen Tricks arbeiten.

Hierzu ein Erlebnis in China. Mein sympathischer junger Begleiter, gut ausgebildet und perfekt Deutsch sprechend, hatte keine Karriereplanung vor Augen, als ich ihn fragte, was er denn werden wolle. Seine Antwort war kurz und präzise: "reich!"

Diese Motivation beeinflusst den globalen Wettbewerb, denn sie treibt eine Konkurrenz an, die dieses Ziel mit allen, wirklich allen Mitteln verfolgt.

Erinnern wir uns: Der Unternehmer ist mit seinen Investitionen ein großes Risiko eingegangen; er will und muss Erfolg haben. Wie stellt er sich also einem Wettbewerb, der frei nach Brecht agiert: "erst kommt der Gewinn, dann die Moral"?

In einem geordneten Staat kann er sich auf eine tragfähige Wirtschafts- und Rechtsordnung stützen, die illegales Verhalten mit Strafen bewehrt.

Aber was machen Sie, wenn Ihnen (wie mir während der wilden Jelzin-Jahre) in Moskau ein hoher Beamter sagt: "Helfen kann ich Ihnen nicht, aber was tun Sie, damit ich Sie nicht störe?"

Korruption ein übles Krebsgeschwür ist, das unbedingt und überall bekämpft werden muss. Aber: ist es die Aufgabe eines Unternehmers, dies zu ändern?

Sie kennen aus der Spieltheorie das "Gefangenendilemma". Was also machen Sie, wenn Sie befürchten müssen, dass Ihre Wettbewerber davonziehen, weil Sie keine "Gefälligkeiten" gewähren? Akzeptieren Sie, dass Sie "moralisch ausgebeutet" (Prof. Wallacher) werden?

An dieser Stelle will ich unbedingt und nachdrücklich zwischen kleinen und großen Unternehmen, nicht Unternehmern, unterscheiden. Denn in der Ethik gilt der Grundsatz "Sollen setzt Können voraus!"

Grundsätzlich gilt: es ist die Aufgabe des Staates, den Ordnungsrahmen für seine Volkswirtschaft zu setzen und durchzusetzen, damit alle unter denselben Regeln konkurrieren können. Es liegt doch auf der Hand, dass das kleine Unternehmen überfordert wäre, wenn es - allein, auf sich gestellt - die Korruption bekämpfen soll.

Was macht das Unternehmen gegenüber einem korrupten Wettbewerb?

Hier komme ich zu meinem Leitmotiv: man muss hier das Recht auf Güterabwägung einräumen: Geht man auf die "unsittlichen" Wettbewerbs-bedingungen ein? Oder verzichtet man auf das Geschäft mit potentiell höchst negativen Auswirkungen auf Unternehmen und Arbeitsplätze, erträgt also die "moralische Ausbeutung"?

Mit dieser Güterabwägung wird kommt es letztlich zu einer Gewissensfrage, der "Ernstfall der Ethik" tritt ein. Kein Zweifel: die Verantwortung für seine Entscheidung muss der Unternehmer tragen.

Wie gesagt, dass das "Können" eines kleinen Unternehmens ist hier sehr begrenzt. Aber die großen, die multinationalen Unternehmen mit globaler Bedeutung, sie müssen "können". Sie können und müssen Vorbild und Vorreiter sein. Sie müssen auf ein nur illegal erreichbares Projekt verzichten und damit Zeichen setzen.

Diese Einstellung in einem großen Unternehmen durchgehend zu erreichen, ist angesichts der früheren Praxis (ich nenne nur die bis vor knapp 20 Jahren steuerlich als Betriebsaufwand akzeptierten "Nützlichen Aufwendungen") nicht leicht und erfordert größte Aufmerksamkeit. Korruption wie auch andere Verstöße wie z.B. Preisabsprachen sind zwar nunmehr vielfach mit der fristlosen Kündigung bewehrt. Aber es gibt natürlich immer wieder die Versuchung, "fünf gerade" sein lassen, um ein besseres Ergebnis, eine höhere Tantieme, einen Wettbewerbsvorteil bei der nächsten Beförderung zu erzielen. Kontrolle ist also unerlässlich. Ich habe jedes Jahr wie meine Kollegen in den anderen Regionen auf Ehre und Gewissen schriftlich versichern müssen, dass mir in meinem Verantwortungsbereich keine Verstöße gegen den "Code of Conduct" bekannt seien.

Beispiele aus der Praxis

Ich will Ihnen nun einige Beispiele aus der Praxis bringen; ich möchte im Einvernehmen mit Herrn Prof. Wallacher vorschlagen, diese nachher zu diskutieren. Ich werde Ihnen dann auch berichten, wie konkret gehandelt wurde. Diese Fälle liegen schon geraume Zeit zurück (Fall 3 über 30 Jahre), aber ich bin sicher, Vergleichbares findet sich jeden Tag in der internationalen Wirtschaft:

Es sind vier Fälle, in die ich Sie bitten möchte, sich persönlich hinein zu versetzen:

Fall 1

Sie haben soeben als junge Nachwuchskraft in der Tochtergesellschaft einer deutschen Firma in Buenos Aires angefangen. Ein wichtiges Ersatzteil, ohne dass der Betrieb stockt, ist soeben mit der LH eingetroffen und liegt im Zolllager des Flughafens. Ihr Chef drückt Ihnen einen 100 $-Schein in die Hand und schickt Sie mit den Worten zum Flughafen: "Schnell, wir alle warten auf Sie; geben Sie die 100 $ Señor XY, dann gibt man Ihnen das Teil sofort!".

Fall 2

Sie leiten die Steuerabteilung eines Unternehmens, das in wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist. Die Steuerprüfung ist im Haus; Sie müssen befürchten, dass der Prüfer einen bestimmten Sachverhalt anders als Sie bewertet. Dann wären kurzfristig erhebliche Steuernachzahlungen fällig. Sie sind überzeugt, dass Sie vor Gericht Erfolg haben würden; aber das wäre erst in zwei, drei Jahren. Die gerade laufenden Verhandlungen über einen neuen Bankkredit würden dadurch aussichtslos. Eine Insolvenz droht.

Da kommt der Prüfer zu einer Tasse Kaffee in Ihr Büro und sagt, er habe gehört, dass ein bestimmter Firmenwagen verkauft werden solle; er würde diesen gerne kaufen und hoffe auf einen Freundschaftspreis.

Fall 3

Im Mittleren Osten herrscht Krieg. Wichtige Öllieferungen fallen aus. Ihr Unternehmen kann die Raffinerien nicht betreiben und die Tankstellen nicht versorgen, - es sei denn, Sie kaufen Öl auf dem Spotmarkt zu Preisen, die nicht an den Markt nicht weitergegeben werden können. Ein Mittelsmann, autorisiert von dem Ölminister, bietet Ihnen Öllieferungen zu niedrigeren Preisen an, falls ein bestimmter Betrag auf das Schweizer Konto des Ölministers gezahlt wird. Damit wäre Ihr Unternehmen in der Lage, alle Raffinerien wirtschaftlich zu betreiben. Später hören Sie, dass der Herrscher des Ölstaates dem Minister hierfür die Erlaubnis gegeben hat.

Fall 4

Sie sind Geschäftsführer des allerersten Fast Food-Restaurants in Moskau (weltbekannte Marke). Das ist Ihr großer persönlicher Erfolg. Jeden Tag lange Schlangen, traumhafte Umsätze. Nach einigen Tagen kommen Herren in schwarzen Anzügen und bieten Ihnen für eine anständige Umsatzbeteiligung an, vor und in Ihrem Restaurant für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Die Geschäftsergebnisse wären auch dann noch hervorragend.

Wann ist man ein guter Unternehmer?

Bevor wir in die Diskussion einsteigen, noch einige Gedanken zum guten Unternehmer.

Der "homo oeconomicus" ist sicherlich kein guter Unternehmer, er ist nur auf seinen Vorteil bedacht, dies in dem festen Glauben, seine Mitmenschen seien genauso gestrickt.

Dem hielt der deutsche Verfassungsrichter Böckenförde schon 1976 entgegen: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann… Als freiheitlicher Staat kann er … nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert."

Dazu passt Papst Johannes Paul II. mit seiner Forderung, "die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht umgekehrt!"

Papst Franziskus findet deutliche Worte in seiner jüngsten Botschaft "Evangelii gaudium": "Das Geld muss dienen, nicht regieren." Hinter der "Vergötterung des Marktes" verberge sich die "Ablehnung der Ethik und Gottes." Er plädiert für eine "menschliche Gesellschaftsordnung".

Allen drei Zitaten ist die Forderung gemeinsam, dass der Mensch im Zentrum stehen und dass sich ein jeder seiner ethischen Verantwortung bewusst sein, ihr gerecht werden muss.

Meine Schlussfolgerung: ein guter Unternehmer zeigt durch sein tägliches Management, dass er sich gleichermaßen

  • dem ihm anvertrauten Kapital
  • den ihm anvertrauten Mitarbeitern und
  • der Gesellschaft und dem Allgemeinwohl

verpflichtet fühlt.

Ich habe das Kapital bewusst an die erste Stelle gesetzt: wenn ein Unter-nehmer das ihm anvertraute Kapital nicht anständig verzinst und vermehrt, dann wird er die beiden anderen Pflichten nicht erfüllen können. Das Matthäus-Evangelium (25,14-30) von den anvertrauten Talenten ist hier sehr hilfreich.

Aber es muss deutlich werden, dass sich der Unternehmer an diesen drei Pflichten wie an einem Kompass ausrichtet.

Die empirische Wirtschaftsforschung hat inzwischen - man staune - Adam Smith bestätigt, dass sich Menschen nur begrenzt eigennützig verhalten. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen: Die Menschen reagieren durchaus auf faire und transparente Führung; Vertrauen und Loyalität, ja Dankbarkeit, sind die Antwort. Der "homo reciprocans" entspricht viel stärker der Wirklichkeit als der "homo oeconomicus" je könnte.

Ferner: Mitarbeiterzufriedenheit schafft Kundenzufriedenheit. Der anständige Umgang mit den Mitarbeitern ist auch aus dem betriebswirtschaftlichen Blickwinkel unverzichtbar. Von zentraler Bedeutung sind Offenheit und die Bereitschaft zuzuhören. Gleichwohl wird hier viel gesündigt. Hier kann nicht nur, hier muss mehr geschehen.

Und noch eins: Bei aller Härte des Geschäfts, - die Würde des Mitarbeiters darf nicht verletzt werden. Dazu gehört auch, dass die finanziellen Anreize nicht zu unethischem Verhalten verführen. Dies entspricht dem "republikanischen Minimalethos", über das Prof. Wallacher unter Bezug auf Prof. Ulrich berichtet hat.

Der gute und erfolgreiche Unternehmer weiß um seine Vorbildrolle; er lebt die Verpflichtung gegenüber dem ihm anvertrauten Kapital, den Mitarbe-tern und dem Gemeinwohl; ihn treibt nicht die Gier und er opfert nicht dem kurzfristigen finanziellen Erfolg die Zukunft. Vielmehr zeichnet er sich dadurch aus, dass er nachhaltige Werte schafft, die Würde der Mitarbeiter achtet und vor Strukturmaßnahmen gründlich die Konsequenzen für Mitarbeiter und die Allgemeinheit bedenkt.

Ich hoffe, dass ich Ihnen das Spannungsfeld zwischen Wirtschaftsethik und globalem Wettbewerb hinreichend verdeutlichen konnte. Hier gibt es keine einfachen Antworten.

Wilhelm Bonse-Geuking hielt den Vortrag mit Diskussion in der Hochschule für Philosophie, München, am 24. Januar 2014 als Abschluss der Vorlesung "Einführung in die Wirtschaftsethik" von Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher, Präsident der Hochschule.

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