Donnerstag, 21. November 2019

Wirtschaftsethik Von der Versuchung, "fünf gerade" sein zu lassen

"Gefangenendilemma": Was machen Sie, wenn Sie befürchten müssen, dass Ihre Wettbewerber davonziehen, weil Sie keine "Gefälligkeiten" gewähren?

7. Teil: Wann ist man ein guter Unternehmer?

Bevor wir in die Diskussion einsteigen, noch einige Gedanken zum guten Unternehmer.

Der "homo oeconomicus" ist sicherlich kein guter Unternehmer, er ist nur auf seinen Vorteil bedacht, dies in dem festen Glauben, seine Mitmenschen seien genauso gestrickt.

Dem hielt der deutsche Verfassungsrichter Böckenförde schon 1976 entgegen: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann… Als freiheitlicher Staat kann er … nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert."

Dazu passt Papst Johannes Paul II. mit seiner Forderung, "die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht umgekehrt!"

Papst Franziskus findet deutliche Worte in seiner jüngsten Botschaft "Evangelii gaudium": "Das Geld muss dienen, nicht regieren." Hinter der "Vergötterung des Marktes" verberge sich die "Ablehnung der Ethik und Gottes." Er plädiert für eine "menschliche Gesellschaftsordnung".

Allen drei Zitaten ist die Forderung gemeinsam, dass der Mensch im Zentrum stehen und dass sich ein jeder seiner ethischen Verantwortung bewusst sein, ihr gerecht werden muss.

Meine Schlussfolgerung: ein guter Unternehmer zeigt durch sein tägliches Management, dass er sich gleichermaßen

  • dem ihm anvertrauten Kapital
  • den ihm anvertrauten Mitarbeitern und
  • der Gesellschaft und dem Allgemeinwohl

verpflichtet fühlt.

Ich habe das Kapital bewusst an die erste Stelle gesetzt: wenn ein Unter-nehmer das ihm anvertraute Kapital nicht anständig verzinst und vermehrt, dann wird er die beiden anderen Pflichten nicht erfüllen können. Das Matthäus-Evangelium (25,14-30) von den anvertrauten Talenten ist hier sehr hilfreich.

Aber es muss deutlich werden, dass sich der Unternehmer an diesen drei Pflichten wie an einem Kompass ausrichtet.

Die empirische Wirtschaftsforschung hat inzwischen - man staune - Adam Smith bestätigt, dass sich Menschen nur begrenzt eigennützig verhalten. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen: Die Menschen reagieren durchaus auf faire und transparente Führung; Vertrauen und Loyalität, ja Dankbarkeit, sind die Antwort. Der "homo reciprocans" entspricht viel stärker der Wirklichkeit als der "homo oeconomicus" je könnte.

Ferner: Mitarbeiterzufriedenheit schafft Kundenzufriedenheit. Der anständige Umgang mit den Mitarbeitern ist auch aus dem betriebswirtschaftlichen Blickwinkel unverzichtbar. Von zentraler Bedeutung sind Offenheit und die Bereitschaft zuzuhören. Gleichwohl wird hier viel gesündigt. Hier kann nicht nur, hier muss mehr geschehen.

Und noch eins: Bei aller Härte des Geschäfts, - die Würde des Mitarbeiters darf nicht verletzt werden. Dazu gehört auch, dass die finanziellen Anreize nicht zu unethischem Verhalten verführen. Dies entspricht dem "republikanischen Minimalethos", über das Prof. Wallacher unter Bezug auf Prof. Ulrich berichtet hat.

Der gute und erfolgreiche Unternehmer weiß um seine Vorbildrolle; er lebt die Verpflichtung gegenüber dem ihm anvertrauten Kapital, den Mitarbe-tern und dem Gemeinwohl; ihn treibt nicht die Gier und er opfert nicht dem kurzfristigen finanziellen Erfolg die Zukunft. Vielmehr zeichnet er sich dadurch aus, dass er nachhaltige Werte schafft, die Würde der Mitarbeiter achtet und vor Strukturmaßnahmen gründlich die Konsequenzen für Mitarbeiter und die Allgemeinheit bedenkt.

Ich hoffe, dass ich Ihnen das Spannungsfeld zwischen Wirtschaftsethik und globalem Wettbewerb hinreichend verdeutlichen konnte. Hier gibt es keine einfachen Antworten.

Wilhelm Bonse-Geuking hielt den Vortrag mit Diskussion in der Hochschule für Philosophie, München, am 24. Januar 2014 als Abschluss der Vorlesung "Einführung in die Wirtschaftsethik" von Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher, Präsident der Hochschule.

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