Montag, 18. November 2019

Wirtschaftsethik Von der Versuchung, "fünf gerade" sein zu lassen

"Gefangenendilemma": Was machen Sie, wenn Sie befürchten müssen, dass Ihre Wettbewerber davonziehen, weil Sie keine "Gefälligkeiten" gewähren?

6. Teil: Beispiele aus der Praxis

Ich will Ihnen nun einige Beispiele aus der Praxis bringen; ich möchte im Einvernehmen mit Herrn Prof. Wallacher vorschlagen, diese nachher zu diskutieren. Ich werde Ihnen dann auch berichten, wie konkret gehandelt wurde. Diese Fälle liegen schon geraume Zeit zurück (Fall 3 über 30 Jahre), aber ich bin sicher, Vergleichbares findet sich jeden Tag in der internationalen Wirtschaft:

Es sind vier Fälle, in die ich Sie bitten möchte, sich persönlich hinein zu versetzen:

Fall 1

Sie haben soeben als junge Nachwuchskraft in der Tochtergesellschaft einer deutschen Firma in Buenos Aires angefangen. Ein wichtiges Ersatzteil, ohne dass der Betrieb stockt, ist soeben mit der LH eingetroffen und liegt im Zolllager des Flughafens. Ihr Chef drückt Ihnen einen 100 $-Schein in die Hand und schickt Sie mit den Worten zum Flughafen: "Schnell, wir alle warten auf Sie; geben Sie die 100 $ Señor XY, dann gibt man Ihnen das Teil sofort!".

Fall 2

Sie leiten die Steuerabteilung eines Unternehmens, das in wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist. Die Steuerprüfung ist im Haus; Sie müssen befürchten, dass der Prüfer einen bestimmten Sachverhalt anders als Sie bewertet. Dann wären kurzfristig erhebliche Steuernachzahlungen fällig. Sie sind überzeugt, dass Sie vor Gericht Erfolg haben würden; aber das wäre erst in zwei, drei Jahren. Die gerade laufenden Verhandlungen über einen neuen Bankkredit würden dadurch aussichtslos. Eine Insolvenz droht.

Da kommt der Prüfer zu einer Tasse Kaffee in Ihr Büro und sagt, er habe gehört, dass ein bestimmter Firmenwagen verkauft werden solle; er würde diesen gerne kaufen und hoffe auf einen Freundschaftspreis.

Fall 3

Im Mittleren Osten herrscht Krieg. Wichtige Öllieferungen fallen aus. Ihr Unternehmen kann die Raffinerien nicht betreiben und die Tankstellen nicht versorgen, - es sei denn, Sie kaufen Öl auf dem Spotmarkt zu Preisen, die nicht an den Markt nicht weitergegeben werden können. Ein Mittelsmann, autorisiert von dem Ölminister, bietet Ihnen Öllieferungen zu niedrigeren Preisen an, falls ein bestimmter Betrag auf das Schweizer Konto des Ölministers gezahlt wird. Damit wäre Ihr Unternehmen in der Lage, alle Raffinerien wirtschaftlich zu betreiben. Später hören Sie, dass der Herrscher des Ölstaates dem Minister hierfür die Erlaubnis gegeben hat.

Fall 4

Sie sind Geschäftsführer des allerersten Fast Food-Restaurants in Moskau (weltbekannte Marke). Das ist Ihr großer persönlicher Erfolg. Jeden Tag lange Schlangen, traumhafte Umsätze. Nach einigen Tagen kommen Herren in schwarzen Anzügen und bieten Ihnen für eine anständige Umsatzbeteiligung an, vor und in Ihrem Restaurant für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Die Geschäftsergebnisse wären auch dann noch hervorragend.

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