Montag, 18. November 2019

Wirtschaftsethik Von der Versuchung, "fünf gerade" sein zu lassen

"Gefangenendilemma": Was machen Sie, wenn Sie befürchten müssen, dass Ihre Wettbewerber davonziehen, weil Sie keine "Gefälligkeiten" gewähren?

4. Teil: Wer hat die "wettbewerblichen Sachzwänge" am besten gemeistert?

Wer sich den Realitäten nicht stellt, geht unter. In der Wirtschaft ist es wie überall im Leben und in der Natur. Der griechische Philosoph Heraklit brachte es vor 2500 Jahren auf die von Platon verkürzte Formel: "panta rhei - alles fließt!"; nichts kann so bleiben wie es ist. Man muss sich anpassen, und zwar rechtzeitig. Ein mir bekannter Tuchfabrikant wollte diesen Zwang nicht akzeptieren; er setzte sein ganzes Vermögen ein, um seine Fabrik und die Arbeitsplätze über eine vermeintlich kurze Konjunkturflaute hinweg zu retten. Die Fabrik wurde dennoch geschlossen und er selbst hatte zum Schluss alles verloren.

Ich glaube nicht, dass ich hierzu weiter ausführen muss. Arbeitsplätze müssen wettbewerbsfähig sein, sonst haben sie keine Berechtigung. Ich bin meinen Mitarbeitern oft mit dem Satz auf die Nerven gegangen: "Unsere Arbeit bezahlt nicht das Unternehmen; dies tun unsere Kunden. Wir brauchen sie, diese aber nicht uns!"

Ich will aber betonen: "hire and fire" zwecks kurzfristiger Gewinnsteigerung oder -erhaltung, wie ich es in den USA mit Kündigungsfristen von 14 Tagen erlebt habe, darf es nicht geben. Es gilt die soziale Verpflichtung des Unternehmers.

Nun zur Korruption:

Es gibt seit einem guten Jahr eine Schrift des "Päpstlichen Rates für Frieden und Gerechtigkeit" mit dem schönen Titel: "Zum Unternehmer berufen". Sie ist bemerkenswert, weil sie durchweg von einer positiven Einstellung zum Unternehmer geprägt ist.

Sie ist allerdings nicht sehr hilfreich, wenn es um den Konflikt mit den "wettbewerblichen Sachzwängen" geht. Denn sie lässt den Unternehmer allein, wenn es konkret um den Umgang einem beinharten Wettbewerb geht.

International tätige Unternehmer erleben diesen täglich. Sie haben es oft - ich will es vorsichtig ausdrücken - mit unwilligen Behörden und Wettbe-werbern zu tun, die mit üblen, ja illegalen Tricks arbeiten.

Hierzu ein Erlebnis in China. Mein sympathischer junger Begleiter, gut ausgebildet und perfekt Deutsch sprechend, hatte keine Karriereplanung vor Augen, als ich ihn fragte, was er denn werden wolle. Seine Antwort war kurz und präzise: "reich!"

Diese Motivation beeinflusst den globalen Wettbewerb, denn sie treibt eine Konkurrenz an, die dieses Ziel mit allen, wirklich allen Mitteln verfolgt.

Erinnern wir uns: Der Unternehmer ist mit seinen Investitionen ein großes Risiko eingegangen; er will und muss Erfolg haben. Wie stellt er sich also einem Wettbewerb, der frei nach Brecht agiert: "erst kommt der Gewinn, dann die Moral"?

In einem geordneten Staat kann er sich auf eine tragfähige Wirtschafts- und Rechtsordnung stützen, die illegales Verhalten mit Strafen bewehrt.

Aber was machen Sie, wenn Ihnen (wie mir während der wilden Jelzin-Jahre) in Moskau ein hoher Beamter sagt: "Helfen kann ich Ihnen nicht, aber was tun Sie, damit ich Sie nicht störe?"

Korruption ein übles Krebsgeschwür ist, das unbedingt und überall bekämpft werden muss. Aber: ist es die Aufgabe eines Unternehmers, dies zu ändern?

Sie kennen aus der Spieltheorie das "Gefangenendilemma". Was also machen Sie, wenn Sie befürchten müssen, dass Ihre Wettbewerber davonziehen, weil Sie keine "Gefälligkeiten" gewähren? Akzeptieren Sie, dass Sie "moralisch ausgebeutet" (Prof. Wallacher) werden?

An dieser Stelle will ich unbedingt und nachdrücklich zwischen kleinen und großen Unternehmen, nicht Unternehmern, unterscheiden. Denn in der Ethik gilt der Grundsatz "Sollen setzt Können voraus!"

Grundsätzlich gilt: es ist die Aufgabe des Staates, den Ordnungsrahmen für seine Volkswirtschaft zu setzen und durchzusetzen, damit alle unter denselben Regeln konkurrieren können. Es liegt doch auf der Hand, dass das kleine Unternehmen überfordert wäre, wenn es - allein, auf sich gestellt - die Korruption bekämpfen soll.

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