Dienstag, 12. November 2019

Wirtschaftsethik Von der Versuchung, "fünf gerade" sein zu lassen

"Gefangenendilemma": Was machen Sie, wenn Sie befürchten müssen, dass Ihre Wettbewerber davonziehen, weil Sie keine "Gefälligkeiten" gewähren?

3. Teil: Mit welchen Konflikten sich der Unternehmer konfrontiert sieht

Nun zu dem Spannungsfeld, zu den Konflikten aus ethischer Sicht.

Die erste Frage, wäre: was ist die ethische Sicht?

Kein Zweifel, ich zitiere Prof. Wallacher: die "Wirtschaft hat eine ökonomische und eine moralische Dimension". Aus der Vorlesung wissen Sie aber auch, dass es "unterschiedliche Auffassungen von Wirtschaftsethik" gibt, "verschiedene Modelle der Zuordnung von Ethik und Ökonomie".

Was aber heißt dies für den Unternehmer? Welchen wirtschaftsethischen Maßstab soll er denn anlegen?

Prof. Wallacher hat über den Typus "Gesellschaft als Marktgesellschaft" gesprochen, in der "wettbewerbliche Sachzwänge" als konstitutiv angesehen werden. Diese Sachzwänge würden die Spielräume für Moral und Ethik erheblich einschränken.

Was sind das für "wettbewerbliche Sachzwänge", mit denen ein Unternehmer zurechtkommen muss?

Diese Sachzwänge bilden das "Spannungsfeld", das ich in der Überschrift anspreche. Ich will es anhand zweier sehr kritischer, realer Themen ausleuchten. Damit will ich deutlich machen, dass es schwierig, aber auch notwendig ist, sich diesen Sachzwängen ehrlich und redlich zu stellen:

  • Abbau von Arbeitsplätzen
  • Korruption

Mein ist, dass Professor Rupert Lay SJ definierte in seinem Buch "Ethik für Manager" als "ersten Grundsatz der Ethik": "Alles moralische Handeln geschieht aufgrund einer Güterabwägung zwischen den Realisieren von Interessen und dem Vermeiden von Strafen."

Das entscheidende Wort ist "Güterabwägung". Es ist in meinem Vortrag das Leitmotiv: der Umgang mit den "wettbewerblichen Sachzwängen" erfordert eine saubere Güterabwägung; hier tritt im bestem Sinne der "Ernstfall der Ethik" ein.

Ist die Schließung und Verlagerung von Betrieben zu rechtfertigen?

Hierzu zwei Beobachtungen:

An der Ruhr, wo ich viele Jahre gearbeitet habe, zeigt sich, was es für eine ganze Region bedeutet, wenn wie im Bergbau Arbeitsplätze in großem Umfang wegbrechen. Es gibt zwar für die Bergleute eine sozialverträgliche Abfederung, aber die Region steckt seit den 60ern in einer sich verfestigenden Strukturkrise. Ist diese damit zu rechtfertigen, dass die Förderung der Steinkohle zu hohe Kosten erfordert und Kohlekraftwerke die Umwelt belasten?

im Münsterland wurden vor kurzem in einer Predigt die Schließung eines Werkes und die Entlassung von Mitarbeitern wegen zu hoher Kosten als Verstoß gegen die Nächstenliebe gebrandmarkt. Ist eine derartige wirtschaftsethische Messlatte angebracht?

Meine Antwort auf beide Fragen ergibt sich aus den Konsequenzen:

An der Ruhr gab der Staat viele Milliarden zur Subventionierung des Bergbaus aus; die wirtschaftlichen Strukturen bestanden mehr oder weniger weiter: Neue Industrien kamen nur in begrenztem Umfang und zogen sich inzwischen vielfach wieder zurück. Ein breiter Mittelstand konnte sich nicht entwickeln, er ist somit viel zu schwach vertreten. Dafür findet sich häufig ein fatalistischer Glaube, der Staat werde es schon irgendwie richten, obwohl nahezu alle entscheidenden Indikatoren negativ sind; mein Blick auf die Zukunft des Ruhrgebietes deprimiert mich.

Im Münsterland herrschte vor 40 Jahren eine dem Ruhrgebiet vergleichbare Strukturkrise mit prozentual gleich hoher Arbeitslosigkeit: Textilindustrie und Landwirtschaft brachen ein. Hier aber gab es keine Subventionen wie an der Ruhr; vielmehr bildete sich sehr erfolgreicher, ein breiter Mittelstand heraus. Der Kreis Borken ist heute einer der leistungsfähigsten deutschen Kreis, - mit einer Arbeitslosigkeit zwischen 3…4%.

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