Dienstag, 19. November 2019

Wirtschaftsethik Von der Versuchung, "fünf gerade" sein zu lassen

"Gefangenendilemma": Was machen Sie, wenn Sie befürchten müssen, dass Ihre Wettbewerber davonziehen, weil Sie keine "Gefälligkeiten" gewähren?

2. Teil: Macht, Einfluss, Prestige, hohes Einkommen

Es ist ganz wichtig, das große unternehmerische Risiko zu verstehen; erst dann öffnet sich der Blick für die Anspannung, mit der Unternehmer zurechtkommen müssen.

Warum gibt es überhaupt Unternehmer? Als ich von einem ausfuchsten Moderator vor großem Publikum gefragt wurde, warum ich als Ingenieur Manager wurde und ein großes Unternehmen leite, da spürte ich, dass er von mir als meine Motive hören wollte: Macht, Einfluss, Prestige, hohes Einkommen.

Natürlich finden sich diese Motive bei allen Unternehmern, - also auch bei mir. Aber sie dominieren nicht, - und das gilt für den größten Teil der mir bekannten Unternehmer.

Ich bin überzeugt: für sie gilt wie für mich, dass sie nachhaltig Werte schaffen wollen; sie wollen - ja: auch sich selbst - beweisen, was sie leisten können, dass ihre Ideen, Verfahren und Produkte zuhause und auf dem Weltmarkt profitabel konkurrieren können. Aber nicht nur das: Sichere, gut bezahlte Arbeitsplätze und ein menschliches Umfeld schaffen nachhaltige Werte: Dankbarkeit, Vertrauen und Loyalität der Mitarbeiter.

Seit dem Fall der Mauer hat allerdings bei vielen Unternehmern die kurzfristige Maximierung von Gewinn und persönlichem Einkommen sehr an Bedeutung gewonnen, - leider.

Der Anstoß kam aus der Finanzbranche: Die meisten großen Unternehmen gehören als AGs und GmbHs "Institutional Investors", also Fonds aller Art (auch Pensionsfonds) und Banken. Diese verlangen, dass die Vergütungen des Managements stark an den aktuellen shareholder value, also an die Gewinne und die Wertentwicklung des Unternehmens - den Aktienkurs - gebunden werden.

Diese "Incentivierung" stellt auf den "homo oeconomicus" ab, der nur auf seinen persönlichen Vorteil bedacht ist und dies auch von seinen Mitmenschen annimmt.

Nun ist gegen eine Steigerung der Gewinne und des Unternehmenswertes nichts zu sagen, denn ein Unternehmen soll erfolgreich sein. Das Problem sind vor allem

  • das "Wie",
  • die Fristigkeit und
  • die Nachhaltigkeit.

Angloamerikanischer Mentalität entsprechend denken die "Institutional Investors" in kurzen Fristen; kurzfristig heißt für sie ein bis zwei Quartale, mittelfristig ist ein Zeitraum von eher einem statt zwei Jahren.

Ich zaubere Ihnen kurzfristig eine deutliche Gewinnsteigerung herbei. Das ist jedoch kein Zauber, denn ich kürze dort, wo es - erst einmal - nicht wehtut: bei den eher langfristig angelegten Ausgaben und Investitionen, z.B. beim Marketing, bei der Instandhaltung, bei Forschung und Entwicklung. Wenn einige Zeit später in Form schlechter Anlagenverfügbarkeit und rückläufige Marktanteile die Quittung schmerzhaft eintrifft, ist der Investor oft weg, auch meist das Management.

Diese Entwicklung ist zwar während der letzten 20 Jahre eingetreten, aber - wie gesagt - ich halte sie nicht typisch für die meisten Unternehmer in unserem Land. Der weitaus größte Teil nimmt seine Aufgaben verantwortungsbewusst wahr. Und deutsche Unternehmer denken eher zu langfristig; die Kasse muss aber jedes Jahr stimmen. Im Übrigen hat in den Aufsichts- und Beiräten - sicherlich auch als Folge der öffentlichen Kritik - ein Umdenken eingesetzt: finanzielle Ziele, schon gar nicht kurzfristige, können allein keine Messlatte für die Leistung eines Unternehmers sein.

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