Dienstag, 25. Februar 2020

82 oder doch nur 62 Prozent? Wie Siemens-Chef Kaeser die Aktionärsrendite schönrechnet

That's life: Siemens-CEO Kaeser zeigt Kreativität bei der Renditeberechnung.

Union-Fondsmanagerin Vera Diehl ging am Mittwoch auf der Siemens-Hauptversammlung mit CEO Joe Kaeser hart ins Gericht. Seit seinem Amtsantritt habe die Siemens-Aktie Börsen-Chart zeigen den Eignern nur 62 Prozent Gesamtrendite beschert, beklagte Diehl. Der weltweite Industrieindex MSCI World Industrials schaffte im selben Zeitraum 110 Prozent.

Nur 62 Prozent in mehr als sechs Jahren, das wollte Kaeser nicht auf sich sitzen lassen. "Frau Diehl", berichtigte er die Fondsmanagerin coram publico auf dem Aktionärstreffen, "das waren nicht 62 Prozent Total Shareholder Return, sondern 82 Prozent."

Was stimmt denn nun, 82 oder 62 Prozent? Hat sich die Fondsmanagerin etwa verrechnet? Diehl weist Kaesers impliziten Vorwurf ihrerseits zurück. "Ich lege Wert auf die Feststellung, dass die Aussage zur Gesamtperformance in meiner Rede korrekt war."

Tatsächlich ergeben Bloomberg-Daten, dass die Gesamtrendite von Kaesers Amtsantritt als CEO am 1. August 2013 bis kurz vor der Hauptversammlung am 3. Februar 2020 lediglich 62 Prozent betrug. Die Rendite setzt sich zusammen aus Kursentwicklung und Dividendenzahlungen, wobei annahmegemäß Dividenden reinvestiert werden.

Der Aktienchart, den Kaeser auf den riesigen Bildschirmen in der Münchener Olympiahalle einblenden ließ, beginnt jedoch schon eine Woche vorher, am 25. Juli 2013. Ein Siemens-Sprecher begründet dies damit, dass ab diesem Tag erste Gerüchte aufkamen, dass Kaeser den damaligen CEO Peter Löscher ablösen könnte.

Was er nicht sagt: Der Konzern veröffentlichte am 25. Juli 2013 eine verheerende Gewinnwarnung: Siemens musste damals eingestehen, dass man die für 2014 angestrebten Margenziele verfehlen werde. An der Meldung war Kaeser als Konzern-Finanzvorstand auch nicht unbeteiligt. Der Aktienkurs fiel am 25. Juli 2013 um 6 Prozent auf 78,62 Euro. Davon erholte er sich teilweise in den folgenden Tagen angesichts sich erhärtender Gerüchte, dass Kaeser Löscher ablösen werde. Der Aufsichtsrat beschloss den Führungswechsel am 31. Juli, Kaeser startete als CEO am 1. August.

Kaeser nennt also einen maximal gedrückten Kurs als Ausgangsbasis für seinen Erfolgsausweis, ein zumindest erklärungsbedürftiges Vorgehen. Diehl betont, sie habe ihren Messzeitraum ab 1. August bewusst gewählt. "Für uns zählen Fakten, nicht Gerüchte."

Übrigens beträgt selbst mit dem Kurs von 25. Juli 2013 die Gesamtrendite bis zum 3. Februar 2020 laut Bloomberg-Daten nur 73 Prozent.

Kaesers Chart endet allerdings nicht mit der Hauptversammlung, sondern bereits am 31. Dezember 2019, wofür ein sachlicher Grund kaum erkennbar ist. Siemens' Geschäftsjahr, über das auf der Hauptversammlung berichtet wurde, ging bis Ende September.

Doch per Ende Dezember stiegen die meisten Börsenkurse, auch der von Siemens, in einer Jahresend-Rally kräftig an. Seither hat der Siemens-Kurs leicht nachgegeben und sich schlechter als der Dax Börsen-Chart zeigen entwickelt. Schwer, das Vorstandschef Kaeser nicht zuzurechnen.

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