Wie raffiniert die Lufthansa sich Air Berlin einverleibt In acht Zügen schachmatt

Von Christian Scholz
Von Christian Scholz
Was haben Swiss, Austrian und andere Airlines gemeinsam? Alle wurden Opfer der Lufthansa und existieren lediglich noch als Tarnnamen, um die Dominanz der Lufthansa zu verschleiern. Jetzt die wirtschaftspolitisch untragbare Übernahme von Air Berlin: Für diesen Sechser im Lotto braucht die Lufthansa nicht 'mal einen Spieleinsatz, sondern lediglich geniales Zeitmanagement und brave Bauchrednerpuppen.
Die Lufthanse wird sich wohl einen Großteil von Air Berlin einverleiben

Die Lufthanse wird sich wohl einen Großteil von Air Berlin einverleiben

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Rückblick 2016: Lufthansa (Kurswerte anzeigen) steckt in diversen Problemen, von der Personalpolitik über die Unternehmensstrategie bis hin zu Ryanair . Deshalb wird die notleidende Air Berlin (Kurswerte anzeigen) interessant. Vorstandschef Carsten Spohr braucht dringend die Mitarbeiter, die Flugzeuge sowie die Flugstrecken. Nur hat Lufthansa bereits jetzt eine dominante Position in Deutschland, der Schweiz und Österreich, weshalb die Übernahme politisch nicht ganz trivial wäre. Und: Air Berlin hat mehr als eine Milliarde Euro Schulden, was betriebswirtschaftlich ebenfalls nicht trivial ist. Also muss ein Plan her, wie man sich Air Berlin schnappen kann - ohne selber zu viel zu investieren. Der Kranich wird zum Kraken.

Dieser Plan erinnert an Ocean's Eleven oder Mission Impossible, auch wenn Carsten Spohr nicht ganz als George Clooney oder Tom Cruise durchgeht.

Erster Zug: Thomas Winkelmann wird CEO

Christian Scholz
Foto: Christian Scholz

Christian Scholz ist Experte für Personalwirtschaft und war bis 2018 Professor an der Universität des Saarlandes . Sein Schwerpunkt ist die Erforschung der Arbeitswelt, 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch zur Generation Z . Der Titel seines aktuellen Buches lautet "Mogelpackung Work-Life-Blending: Warum dieses Arbeitsmodell gefährlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen¿.

Im Februar 2017 wird Thomas Winkelmann CEO von Air Berlin - wobei er sich sein Gehalt über eine Bankbürgschaft absichern lässt. Dass ein linientreuer Lufthanseat nach rund 20 Dienstjahren im Kranich-Konzern sicherlich nicht Air Berlin stärken, sondern möglichst billig an Lufthansa verschenken will, liegt auf der Hand. Wie immer Lufthansa diese Personalie gedeichselt hat, hierfür gibt es nur ein Wort: genial!

Zweiter Zug: Air-Berlin-Maschinen an Lufthansa

Jetzt kann auch das seit langem geplante Groß-Leasing über die Bühne gehen: Air Berlin vermietet 38 Maschinen samt Personal an den Lufthansa-Konzern, speziell an Eurowings. Der Krake greift zu. Genial.

Dritter Zug: Lufthansa spielt den guten Samariter

Ablenkungseffekt: Lufthansa erklärt, dass man der armen Air Berlin helfen, aber unter keinen Umständen ihre Schulden übernehmen wolle. Also: Man hat zwar Interesse an Flugrechten, Maschinen, Mitarbeitern und an anderen Vermögenswerten, nur die Schulden möchte man nicht. Auch wenn dieser Schritt harmlos wirkt: Er soll und wird die Öffentlichkeit beeinflussen. Denn das Szenario "Insolvenz plus Übergang an Lufthansa" wird schon seit langem thematisiert, bleibt aber politisch unpopulär. Jetzt aber ist die Rolle gefunden: Lufthansa als rettender Engel. Wieder genial.

Vierter Zug: Insolvenz, frisches Geld und ein Wunschpartner

Das ist nicht zu toppen, denn jetzt kommen simultan drei Schachzüge:

Gerade einmal sechs Monate nachdem Thomas Winkelmann auf dem Chefsessel platziert wurde, erklärt er die Insolenz von Air Berlin. Das Timing ist perfekt: Bundestagswahlen stehen bevor und Urlauber wären bei einer Einstellung des Flugbetriebs gestrandet.

Das will natürlich niemand. Also verkündet die Bundesregierung, mit 150 Millionen Euro den Flugbetrieb aufrecht zu erhalten. Die Summe ist vertretbar und sogar niedrig verglichen allein mit den bisherigen Strafzahlungen von Volkswagen in den USA (bis jetzt rund 4 Milliarden Euro) und der Abfindungshöhe eines SPD-Automobilvorstandes (12 Monate Arbeit für 15 Millionen Euro Abfindung) - ganz zu schwiegen von den Geldern für "Bankenrettung" oder "Abwrackprämie". Wichtig für Lufthansa: Sie kann die gewonnene Zeit nutzen.

Und dann - wirtschaftspolitisch höchst bedenklich - verkündet Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt: "Wir brauchen einen deutschen Champion." Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries würde es begrüßen, "wenn die Lufthansa größere Anteile von Air Berlin übernimmt".

Dreimal genial!

Rochade der FDP, Lufthansa schafft Fakten, Seehofer freut sich

Fünfter Zug: Die FDP spielt Rochade

Da nicht alles vor der Bundestagswahl finalisierbar ist, muss sich die FDP als zukünftige Regierungspartei positionieren. Zur Wahrung ihres ordnungspolitischen Images kann sie sich nicht klar für die Übernahme aussprechen und mit Blick auf die Wähler auch nicht gegen die Millionen-Hilfe. Also thematisiert sie ausschließlich die Rückzahlung der 150 Millionen. Nach der Bundestagswahl wird sie dann staatsmännisch die faktische Überleitung von Air Berlin an Lufthansa mittragen. Insgesamt zwar nicht genial, aber clever.

Sechster Zug: Lufthansa schafft Fakten

Überraschung: Lufthansa bietet den Mitarbeitern von Air Berlin Arbeitsplätze im Konzern an. Gehen die Mitarbeiter darauf ein, gewinnt die Lufthansa an allen Fronten: Intern erhöht sich der Einkommensdruck auf die eigenen Mitarbeiter. Und extern? Wenn viele Mitarbeiter schon bei Lufthansa sind, gibt es nicht mehr viele Varianten für die Zukunft von Flugzeugen und Flugrechten. Also: unerwartet, clever, genial.

Siebter Zug: Horst Seehofer freut sich

Nach völliger Vereinheitlichung der öffentlichen Meinung kann sich auch Horst Seehofer eindeutig für Lufthansa aussprechen. Praktischer Nebeneffekt: Thomas Winkelmann hat bis zum Februar 2017 das Lufthansa-Drehkreuz in München geleitet und genau das könnte man doch jetzt durchaus massiv ausbauen. Also: Eine Hand wäscht die andere, man kennt sich. Nicht genial, aber durchaus üblich.

Achter Zug: Bei Lufthansa knallen die Korken

Schachmatt: Lufthansa bekommt alle interessanten Teile der Air Berlin auf dem Silbertablett serviert und vielleicht noch einige hundert Millionen Euro Unterstützung dafür, dass sie das Geschenk annimmt. Rien ne va plus. Das Management jubelt. Genial gemacht.

Drei Alternativen zum Verschenken der Filetstücke von Air Berlin

Aktuell erwecken sowohl die beiden Fluggesellschaften, als auch die Politik den Eindruck, es gäbe keine Alternativen zum Verschenken der Filetstücke von Air Berlin an die Lufthansa. Auch wenn der zuvor beschriebene Spielplan gerade darauf hinarbeitet, alle anderen denkbaren Szenarien aus dem Blickfeld zu ziehen, gibt es drei mögliche Alternativen:

Alternative 1: Air Berlin wird aufgeteilt

Condor uns Easyjet könnten die Hauptbestandteile von Air Berlin übernehmen. Dies würde die Machtposition der Lufthansa etwas weniger stärken, vor allem wenn zusätzlich Ryanair (bei allen Bedenken in Sachen Personalpolitik) zum Zuge käme. Auch der unbeliebte Niki Lauda könnte wieder mitspielen. Zur Abmilderung der Brexit-Folgen wäre ein Deal für Easyjet hoch interessant. Und ein Vorteil für alle Passagiere: Vor allem im innerdeutschen Luftverkehr würde es weiterhin eine Alternative zu Lufthansa geben.

Alternative 2: Ein zweiter Konzern

So ähnlich, wie es neben der ARD ein ZDF gibt, kann es auch neben Lufthansa einen zweiten Konzern geben. Selbst wenn die Lobbyisten der Lufthansa und natürlich Thomas Winkelmann eine andere Position verbreiten, sollte man sich die Vorschläge von Hans Rudolf Wöhrl näher anschauen. Ein zweites deutsches Luftfahrtunternehmen - vielleicht im Verbund mit Niki Lauda und eventuell sogar noch mit anderen bestehenden Fluglinien - wäre ein starkes Signal, dass man dem Druck der Lufthansa nicht nachgibt, sondern einer marktwirtschaftlichen Alternative eine Chance gibt.

Alternative 3: Verkauf als Ganzes - aber nicht an Lufthansa

Wie Lufthansa haben auch andere Airlines Interesse an Air Berlin, besonders zu den aktuellen Konditionen. Hier ist vor allem an die Lufthansa-Konkurrenten Easyjet, Ryanair und Condor zu denken, aber auch an den Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl, der schon über Erfahrungen in dieser Branche verfügt - aber über weniger Lobbymacht als Lufthansa.

Alle drei Alternativen erscheinen machbar, sind aber von Lufthansa und der deutschen Politik nicht gewollt. So ist abgesehen vom genialen Spielplan der Lufthansa vor allem ein totales Politikversagen zu diagnostizieren.

Lufthansa und Air Berlin - wie die Politik versagt

Es fällt leicht, über das unternehmerische Versagen von Air Berlin in den vergangenen Jahrzehnten herzuziehen, wobei aber in diesem Fall die Politik schon beim Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg versagt hat, der für Air Berlin überlebenskritisch war. Es gibt aber noch weitere Felder, wo der Fall Air Berlin eklatante Defizite in der Politik offenbart.

Politischer Populismus

Bei uns gehört es zum guten Ton, über Donald Trump und sein "America First" zu spotten. Nur: Was wir im Fall Air Berlin aus der Politik hören, ist genau das Gleiche. Sätze wie "Wir brauchen einen nationalen Champion" mögen bei Wählern gut ankommen, sind aber nichts anderes als Populismus.

Erhöhung der Monopolgefahr

Bei der Übergabe von Air Berlin an Lufthansa geht es nicht darum, irgendeinem kleinen mittelständischen Unternehmen eine Chance zu geben. Hier wird die marktbeherrschende Stellung eines Konzerns ausgebaut. In Deutschland (und Österreich und der Schweiz) kommt man an Lufthansa nicht vorbei. Und das ist erst der Anfang: Easyjet, Condor und andere Fluglinien wären der noch mächtigeren Lufthansa-Krake hoffnungslos ausgeliefert und vermutlich die nächsten Opfer.

Verstoß gegen Gleichbehandlung

Nicht dass es zwingend gut gewesen wäre, aber mit wesentlich besseren Argumenten hätte man auch die Idee verfolgen können, Opel in einen der deutschen Automobilkonzerne zu integrieren, statt den Verkauf an den französischen PSA-Konzern zuzulassen.

Schaden für Arbeitnehmerinteressen

Sie stehen auf der politischen Agenda nicht gerade weit oben und deshalb fällt Air Berlin nicht besonders ins Gewicht. Nur: Lufthansa ist sowieso schon auf einer extremen Reise zur Optimierung der Lohnkosten, da passt der Air-Berlin-Deal gut ins System, der zu einer sukzessiven "Lohnanpassung" nach unten führen und bei einer Personalpolitik enden wird, wie wir sie bisher nur von Ryanair kennen.

Verstärkung der Zentralwirtschaft

Es ist in einer Marktwirtschaft nicht die Aufgabe der Regierung, über Staatsprotektionismus steuernd in die Unternehmenswelt einzugreifen. Sicherlich könnte man auch sagen, dass die Regierung nicht steuert, sondern den jeweils stärkeren Lobbygruppen nachgibt. Und da hat die Lufthansa eben besonders gute Karten. Das macht es aber auch nicht besser.

Verlust an Handlungsfreiheit

Nach dem Wachstumsschub durch Air Berlin ist Lufthansa für Deutschland mindestens so systemrelevant wie die Großbanken. Damit wird die Bundesregierung erpressbar und auch aus diesem Grund hätte sie sich nicht auf den Pakt mit Lufthansa einlassen dürfen. Sehr bald wird die verlustträchtige Eurowings in Berlin anklopfen. Vielleicht kann sie auch kurzfristig insolvent werden? Wie die Landesregierung in Niedersachen ihre Aussagen und Handlungen bezüglich Volkswagen (Kurswerte anzeigen) mit dem Wolfsburger Konzern "abstimmt", wird jede Bundesregierung bei Gesetzgebung, Subventionen und vielen anderen Dingen wohl artig der Direktive aus Frankfurt beziehungsweise München folgen.

Fehlender Verbraucherschutz

Der Fall Air Berlin müsste auch beim Minister für Verbraucherschutz landen. Flüge dürften um ein Vielfaches teurer werden, innerdeutsche Alternativen verschwinden. Und auch die Bordverpflegung bei Lufthansa und die Zuverlässigkeit dürften sich bald auf deutschen Monopolstrecken dem Standard von Air Berlin annähern. Einziger Unterschied: Statt dem roten Schokoladenherz von Air Berlin bekommt man beim Ausstieg aus dem Flugzeug einen schwarze Lufthansa-Kraken aus Lakritz.

Insgesamt sprechen fast alle Argumente gegen den Plan der Lufthansa. Vor allem ist er wirtschaftspolitisch untragbar, zudem gibt es vernünftige Alternativen. Trotzdem: Die Politiker in Berlin werden brav dem Wunsch aus Frankfurt folgen und allenfalls einige kleine Alibikorrekturen zulassen.

Christian Scholz ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.