Geschäfte trotz Sanktionen Welche Firmen Russland die Stange halten

Schon länger warnen deutsche Manager vor schärferen Wirtschaftssanktionen gegen Russland: Manager wie Joe Kaeser oder Rüdiger Grube wollen ihr Geschäft schützen. Welche Unternehmen sich weit vorwagen, wer zurücksteckt.
Zentrum von Moskau: Mit Besuchen und Diplomatie wollen deutsche Wirtschaftsbosse verhindern, dass ihre Russland-Geschäfte leiden

Zentrum von Moskau: Mit Besuchen und Diplomatie wollen deutsche Wirtschaftsbosse verhindern, dass ihre Russland-Geschäfte leiden

Foto: AP

Hamburg - EU und USA haben Russlands Besetzung der Krim zwar wortreich verurteilt und einzelnen Personen Einreiseverbote erteilt. Doch vor harten Wirtschaftssanktionen scheut der Westen bislang zurück. Deutsche Wirtschaftsbosse warnen seit Tagen eindringlich vor solchen Maßnahmen - kein Wunder, denn sie fürchten eine Störung ihrer lukrativen Geschäfte in Osteuropa.

Die Sorgen der Wirtschaft sind berechtigt. In den ersten drei Monaten dieses Jahres zogen Investoren 70 Milliarden Dollar aus Russland ab, so viel wie im Gesamtjahr 2013. Im Gesamtjahr könnten bis zu 150 Milliarden Dollar abfließen, warnt die Weltbank in einer Analyse.

Russlands Wirtschaftsminister Andrei Klepach macht für den dramatischen Anstieg auch die Angst vor härteren Wirtschaftssanktionen verantwortlich. Der Kapitalabfluss könnte Russlands ohnedies magere Wachstumsprognose in diesem Jahr weiter nach unten ziehen.

Davor fürchten sich gerade jene deutschen Unternehmen, die in den letzten Jahren viel Geld in Russland in die Hand genommen haben. Laut dem Ostausschuss der deutschen Wirtschaft haben mehr als 6000 deutsche Unternehmen, vom Großkonzern bis zum Mittelständler, insgesamt 20 Milliarden Dollar in dem Land investiert

Deshalb verschärfen einige Manager ihre Gangart: Siemens-Chef Jo Kaeser jettete zu einem Treffen mit Russlands Präsident Putin, Firmen wie Wintershall oder der Maschinenhersteller Claas bekennen sich öffentlich zu ihren Investitionsplänen. Welche deutschen Unternehmen sich im Russland-Konflikt weit vorwagen - und wer seine Pläne auf Eis legen muss.

Siemens: Kaesers Vertrauensbeweis an Putin

Siemens-Chef Kaeser (li) bei Russlands Präsident Putin (re): Siemens setzt weiter auf langfristige Zusammenarbeit, Putin will "günstige Voraussetzungen" schaffen

Siemens-Chef Kaeser (li) bei Russlands Präsident Putin (re): Siemens setzt weiter auf langfristige Zusammenarbeit, Putin will "günstige Voraussetzungen" schaffen

Foto: ALEXANDER ZEMLIANICHENKO/ AFP

Siemens  erwirtschaftet laut einer Aufstellung des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft über 2 Prozent seines Konzernumsatzes in Russland. Diese Geschäfte will sich der Münchener Industrieriese nicht von politischen Spannungen vermiesen lassen - und wohl auch deshalb wagen sich die Münchener in dem Konflikt weit vor. Konzernchef Joe Kaeser traf vor zwei Tagen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und Russlands Eisenbahnchef Wladimir Yakunin - ein laut Siemens lang geplanter Termin, den Kaeser als "Besuch beim Kunden" bezeichnete.

Kaeser betonte bei dem Besuch die "vertrauensvolle Beziehung" von Siemens zu russischen Unternehmen. 800 Millionen Euro habe der Konzern bereits in die russische Wirtschaft investiert. Die Münchener wollen ihre Investitionen in Zukunft fortsetzen und setzen auf eine langfristige Zusammenarbeit, machte Kaeser nochmals deutlich. Putin erklärte im Gegenzug, für die Zusammenarbeit "günstige Voraussetzungen zu schaffen". Gegenüber dem ZDF rechtfertigte Kaeser damit, dass "wir langfristige Beziehungen auch honorieren".

Siemens macht seit Jahrzehnten Geschäfte in Russland und ist in den Branchen Eisenbahnbau und Energie stark vertreten. So hat der Konzern 2011 ein Jointventure mit der russischen Sinara Group gegründet und damals erklärt, in den kommenden drei Jahren 1 Milliarde Euro investieren zu wollen.

Deutsche Bahn: Grube kopiert die Kaeser-Strategie

Bahn-Chef Rüdiger Grube will in Kürze selbst nach Russland reisen

Bahn-Chef Rüdiger Grube will in Kürze selbst nach Russland reisen

Foto: Thomas Eisenhuth/ dpa

Für die Deutsche Bahn ist Russland zwar aktuell noch kein Riesenmarkt. Insgesamt setzt die Deutsche Bahn in Russland jährlich 250 Millionen Euro um, was für den Gesamtkonzern nicht sehr viel ist. Dennoch kümmert sich Bahn-Chef Rüdiger Grube nun persönlich um das Geschäft. Grube wird wie zuvor Siemens-Chef Joe Kaeser nach Russland reisen - zur Beziehungspflege. Das oberste Gebot der Deutschen Bahn sei "Deeskalation", sagte Grube vor kurzem.

Deshalb soll Logistik-Vorstand Karl-Friedrich Rauch kommende Woche nach Russland reisen. Grube selbst will demnächst folgen und dort seinen Kollegen von der russischen Staatsbahn treffen. Grube will damit mögliche geschäftliche Störungen abfangen. Die Deutsche Bahn habe über Jahrzehnte Partnerschaften "mit viel Energie und Kraft" aufgebaut, sagte Grube zur Begründung. "So etwas ist aber schnell zerstört". Die Deutschen kooperieren seit Jahren mit der russischen Staatsbahn, etwa bei Gütertransporten aus China. Zudem ist die Logistik-Sparte Schenker mit Spezialtransporten auf dem russischen Markt aktiv.

Wintershall-Chef versteht sich als Brückenbauer

Wintershall-Gasspeicher: Trotz aller politischen Unsicherheiten will die BASF-Tochter in den kommenden Jahren massiv in Russland investieren

Wintershall-Gasspeicher: Trotz aller politischen Unsicherheiten will die BASF-Tochter in den kommenden Jahren massiv in Russland investieren

Foto: Joerg Sarbach/ AP

Das Öl- und Gasförderunternehmen Wintershall, eine Tochter von BASF , kooperiert seit langem mit dem russischen Energieriesen Gazprom  - und will diese Partnerschaft wohl weiter ausbauen. In den kommenden fünf Jahren steckt Wintershall vier Milliarden Euro in den Ausbau des Geschäfts - und investiert dabei vor allem in Norwegen und Russland. Das erklärte Wintershall-Chef Rainer Seele bei der Vorlage der Jahresbilanz Mitte März.

Vor kurzem hat Wintershall über einen Anlagegüter-Tausch eine größere Beteiligung an einem Erdgas-Förderfeld in Sibirien erhalten. Entsprechend klar positioniert sich Seele. Mit wirtschaftlichen Sanktionen sei keinem geholfen, da diese nicht nur Russland, sondern auch Deutschland und Europa treffen würden. Alternativen zu einem Dialog gebe es nicht. Jetzt heiße es "Brücken zu bauen und nicht abzureißen"- und in Partnerschaften zu denken, nicht in Konflikten.

Claas will in Südrussland "Flagge zeigen"

Claas-Mähdrescher: Der Ausbau des russischen Werks wird wie geplant durchgezogen

Claas-Mähdrescher: Der Ausbau des russischen Werks wird wie geplant durchgezogen

Foto: DPA/Claas

Der Landmaschinenhersteller Claas hält trotz drohender Sanktionen an seinen Plänen für Russland fest. In Südrussland betreibt der Mittelständler eine Fabrik für Mähdrescher und Traktoren, die derzeit ausgebaut wird. Bis 2015 soll sich der Output in dem russischen Werk auf 2500 Traktoren mehr als verdoppeln, Claas investiert dafür gut 100 Millionen Euro. Und dabei bleibt es auch: "Wir müssen hier Flagge zeigen", meinte ein Claas-Manager vor kurzem gegenüber der WirtschaftsWoche.

Volkswagen: "Riesengewitter stört sehr stark"

Volkswagen-Werk in Kaluga: VW-Chef Winterkorn stört "das momentane Riesengewitter" um mögliche Wirtschaftssanktionen

Volkswagen-Werk in Kaluga: VW-Chef Winterkorn stört "das momentane Riesengewitter" um mögliche Wirtschaftssanktionen

Foto: epa Sergei Chirikov/ picture-alliance/ dpa

Bei Europas größtem Autohersteller Volkswagen  steigt die Nervosität merkbar. 2012 erwirtschafteten die Wolfsburger 3,4 Prozent ihres Konzernumsatzes in dem Land, in sein Autowerk in Kaluga hat Volkswagen bereits 1,3 Milliarden Euro investiert. Weitere 1,2 Milliarden Euro sind für den Ausbau der Produktion in Russland bereits eingeplant. Bei der Vorlage des Geschäftsberichts Mitte März gab VW zu, dass der Konzern mit Problemen rechnet, sollte sich der Konflikt mit Russland und der Ukraine weiter verschärfen.

Sorge bereitet den Wolfsburgern vor allem die Wechselkursschwankungen, die nicht so leicht abzusichern seien. Noch halte sich die Auswirkung auf das Geschäft in Grenzen, sagte VW-Konzernchef Martin Winterkorn - und gab sich diplomatisch: "Wir setzen darauf, dass alle in Ost und West das Thema mit Bedacht angehen, ohne dass ein großer Wirtschaftskrieg entsteht". Doch im kleinen Kreis wurde Winterkorn auch deutlicher. "Uns stört natürlich dieses momentane Riesengewitter sehr stark", sagte er vor wenigen Tagen bei dem Münchener Management Kolloquium.

Metro legt Russland-Börsengang auf Eis

Russischer Metro-Markt: Die Handelskette schreckt vorerst von einem Börsengang in Russland zurück

Russischer Metro-Markt: Die Handelskette schreckt vorerst von einem Börsengang in Russland zurück

Foto: © Sergei Karpukhin / Reuters

Doch längst nicht alle Manager reagieren so gelassen auf die Krise. Viele deutsche Unternehmen sind "hochgradig verunsichert", heißt es aus der Außenhandelskammer in Moskau. Einige verschieben bereits Geschäfte und Termine, verlautete vor kurzem der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Volker Treier. Investitionen würden erstmal auf Eis gelegt.

Die Großhandelskette Metro  verschob etwa vor kurzem den geplanten Börsengang ihres Russland-Geschäfts. Begründet hat der Handelskonzern diesen Schritt mit den derzeit falschen Kapitalmarktbedingungen. Metro setzte in Russland mit seinen Märkten zuletzt 5,3 Milliarden Euro um.

Rheinmetall  setzt die politische Krise ebenfalls zu: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat als Reaktion auf die Krim-Krise ein Exportgeschäft des Rüstungskonzerns mit Russland bis auf weiteres gestoppt. Rheinmetall sollte für die russische Armee eine neue, hochmoderne Gefechtsübungsanlage bauen - für rund 120 Millionen Euro.

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Sanktionen gegen Russen und Ukrainer: Die bestraften Milliardäre und Politiker

Foto: Zurab Kurtsikidze/ dpa