Neues Stadion Konservatives Fundament - wie der SC Freiburg oben bleiben will

Um in der Fußballbundesliga wettbewerbsfähig zu bleiben, will der SC Freiburg ein neues Stadion bauen. Die Finanzierungspläne sind konservativ, aber durchdacht. SPONSORS hat im Breisgau hinter die Kulissen geschaut.
Von Holger Rehm
60 Jahre altes Freiburger Schwarzwaldstadion: Keine Loge, 97 Prozent Stadionauslastung - nicht mehr wettbewerbsfähig

60 Jahre altes Freiburger Schwarzwaldstadion: Keine Loge, 97 Prozent Stadionauslastung - nicht mehr wettbewerbsfähig

Foto: DPA

Mit dem bisherigen Stadion an der Schwarzwaldstraße ist ein Abstieg des SC Freiburg in die 2. Fußballbundesliga nur noch eine Frage der Zeit. Davon sind die Verantwortlichen des Sport-Clubs überzeugt. Denn so "heimelig", wie die Südbadener sagen, das 60 Jahre alte ehemalige Dreisamstadion auch ist, so wenig entspricht es mittlerweile den Standards einer modernen deutschen Fußballarena.

Die Auslastung des 24.177 Zuschauer fassenden Schwarzwaldstadions, wie die Heimspielstätte des Sport-Clubs seit dieser Saison heißt, lag in den vergangenen Spielzeiten bei 97 Prozent. Zudem spielen die Freiburger als einziger Bundesligist neben Aufsteiger SC Paderborn in einem Stadion ohne Loge. Seit Jahren behilft sich der Sport-Club mit Umbaumaßnahmen und improvisierten VIP-Zelten - das ist alles andere als zeitgemäß. Entsprechend ist der Hospitality-Bereich stets nahezu komplett vermarktet. Das ist zwar schön, aufgrund der fehlenden individuellen Logen für Unternehmen ist bei den Vermarktungseinnahmen aber noch sehr viel Luft nach oben.

Ein Blick auf die Umsätze des SC Freiburg in der Saison 2013/14 zeigt den Nachholbedarf des Vereins bei der Stadion-Vermarktung. Von den rund 70 Millionen Euro Gesamtumsatz kommt fast die Hälfte aus der zentralen Medienvermarktung der Deutschen Fußball Liga (DFL). Die Vereinsoberen wissen: Um in der Bundesliga wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen die Erträge im Sponsoring (zehn bis zwölf Millionen Euro) sowie aus den Spieltagseinnahmen und dem Hospitality-Bereich (zwölf bis 15 Millionen Euro) auf Dauer näher an die Medienerlöse heranrücken.

Damit sich die Einnahmen aus der Stadion-Vermarktung aber steigern lassen, muss in Freiburg ein neues Stadion her. Ein Umbau der bestehenden Heimspielstätte an der Schwarzwaldstraße ist für den Sport-Club keine Alternative, dies wurde vor zwei Jahren bereits umfassend geprüft und entschieden. Für einen Neubau und damit gegen einen Umbau sprechen unter anderem folgende drei Gründe:

  • Erstens: die "liebevollen, gestückelten Baumaßnahmen der vergangenen Jahre", wie man in Freiburg sagt. Diese hat der Verein alle selbst finanziert. Ein Umbau würde dazu führen, dass das Stadion sukzessive abgerissen und wieder komplett neu aufgebaut werden müsse. Problem: Das wäre ökonomisch auf einem ähnlichen Niveau wie ein Neubau.
  • Zweitens: Bei einem kompletten Umbau oder einer Sanierung am aktuellen Standort wäre die Kapazität der SC-Heimspielstätte aufgrund von baurechtlichen Beschränkungen wie bislang auf 25.000 Zuschauer beschränkt (siehe Grund drei). Die Mehreinnahmen in den Bereichen Ticketing und Spieltag würden sich demnach in Grenzen halten.
  • Drittens: die schwierige rechtliche Genehmigungsfähigkeit. Das Schwarzwaldstadion liegt in einem Wohngebiet. Zuletzt wurden zur Saison 1999/2000 Klagen von Anwohnern aufgrund von Lärmschutzbeschwerden nur mühevoll im Rahmen eines Vergleichs in der zweiten Instanz vor dem Verwaltungsgerichtshof abgewehrt. Einen weiteren Rechtsstreit will der Sport-Club definitiv vermeiden.

Letzte Hürde Bürgerentscheid

Aufgrund der verschiedenen Nachteile und Bedenken hat sich der SC Freiburg dazu entschieden, ein neues Stadion an einem anderen Standort zu bauen. Mitte November votierte der Freiburger Gemeinderat für den Standort am Wolfswinkel (Foto, oben), der sich in direkter Nachbarschaft zur neuen Messe und der Universität befindet.

Doch damit ist der Weg noch nicht frei. Am 1. Februar muss der Sport-Club eine alles entscheidende Hürde nehmen. Auf Initiative des Gemeinderats wird die Freiburger Bevölkerung im Rahmen eines Bürgerentscheids über die Realisierung des Bauprojekts abstimmen. Stimmt eine Mehrheit für das neue Stadion, so wird das Stadion gebaut.

Finanzierung steht

Allerdings müssen auch mindestens 25 Prozent aller wahlberechtigten Bürger am Bürgerentscheid teilnehmen, damit er für den Freiburger Gemeinderat bindend ist. Dabei spricht man von einem Quorum, das zum 1. Januar 2015 möglicherweise landesweit auf 20 Prozent gesenkt wird. Wird das Quorum nicht erreicht, könnte sich der Freiburger Gemeinderat über das Ergebnis des Bürgerentscheids hinwegsetzen und neu abstimmen.

Sport-Club-Vorstand Oliver Leki ist zwar optimistisch, dass die Freiburger Bürger für das neue Stadion stimmen werden. Er weiß aber auch, dass es definitiv kein Selbstläufer wird. Für ihn ist es eine Frage der kommunikativen Mobilisierung. "Es wird davon abhängen, dass wir unsere Argumente gut transportiert bekommen und die Vielzahl der Befürworter dann letztlich auch zur Abstimmung gehen." Denn: "Die Gegner kommen bestimmt", sagt Leki.

Gemeinsam mit SC-Präsident Fritz Keller und Aufsichtsratschef Heinrich Breit hat Leki in den vergangenen Wochen und Monaten eine Vielzahl an Veranstaltungen besucht und Gespräche geführt, um für das Konzept zu werben und es in die Köpfe der Freiburger zu bekommen.

Finanzierung steht

Breit und seine SC-Mitstreiter müssen ganze Arbeit leisten, wenn sie das Konzept für den Stadionneubau den Freiburgern verständlich erklären wollen. Insbesondere das Finanzierungs- und Gesellschaftermodell, das der SC Freiburg gemeinsam mit der Stadt Freiburg umsetzen will, ist keine leichte Kost. Grund genug für SPONSORS, das Konzept unter die Lupe zu nehmen.

Der erste Schritt nach einem positiven Bürgerentscheid wäre die Gründung einer Objektträgergesellschaft (OTG), in welche die Stadt Freiburg das Grundstück des Stadions und der SC Freiburg als atypischer stiller Gesellschafter eine Einlage von bis zu 20 Millionen Euro einbringen würden. "Mit dieser Einlage dokumentieren wir unsere unternehmerische Verantwortung für dieses Projekt", sagt SC-Präsident Fritz Keller.

Bei der atypischen stillen Beteiligung handelt es sich um eine unternehmerische Beteiligung. Der Sport-Club partizipiert voll am Ergebnis - sowohl an den Verlusten als auch an den Gewinnen der OTG.

Die OTG wäre eine rechtlich reinstädtische Stadionbesitzgesellschaft (100 Prozent), die - mit Ausnahme des Stammkapitals (25.000 oder 50.000 Euro) - aus dem Haushalt der Stadt Freiburg ausgelagert wäre.

Für die Baukosten des Stadions kalkulieren Stadt und Sport-Club mit 70 Millionen Euro, wobei Aufsichtsratschef Breit betont, dass er unter dieser "konservativ gerechneten Summe" bleiben will.

Im Detail sollen die 70 Millionen Euro, an denen sich die Stadt Freiburg nicht beteiligt, wie folgt finanziert werden: Bis zu 20 Millionen Euro bringt der Sport-Club als Eigenkapital in die OTG ein. Derzeit ist vorgesehen, dass der Verein zunächst seine bislang gesparten Rücklagen in Höhe von 15 Millionen Euro in die OTG einbringt, um dann ab 2016 über fünf Jahre je eine weitere Million Euro einzuzahlen.

Neben dem Sport-Club gibt es mit der Rothaus Brauerei noch einen typischen stillen Gesellschafter, der sich an der OTG beteiligen würde. Die Staatsbrauerei befindet sich zu 100 Prozent im Besitz des Landes Baden-Württemberg und würde sich im Falle eines Stadionneubaus mit einer Einlage in Höhe von 12,78 Millionen Euro an der OTG beteiligen.

Das Engagement käme nicht von ungefähr: Rothaus beteiligte sich bereits vor 16 Jahren mit 25 Millionen D-Mark (umgerechnet rund 12,78 Millionen Euro) an der "OTG Neue Messe" - einer anderen städtischen Objektträgergesellschaft. Eben diese Rothaus-Einlage will die Stadt Freiburg als Gesellschafterin der Freiburger Messe nun - voraussichtlich bis 2019 - durch einen Kredit ablösen. Dadurch könnten die 12,78 Millionen Euro als Einlage in die Stadion- OTG fließen.

Neben den beiden stillen Gesellschaftern SC Freiburg (bis zu 20 Millionen Euro) und Rothaus (12,78 Millionen Euro) beteiligt sich auch das Land Baden-Württemberg mit "zehn Millionen Euro plus X". Damit bleiben noch rund 27 Millionen Euro für den Stadionneubau, die die OTG über Darlehen finanzieren will. Diese Summe wäre durch eine 80-prozentige Bürgschaft der Stadt Freiburg abgesichert. SC-Vorstand Leki sagt:

"Das aktuell sehr günstige Zinsniveau hilft uns natürlich enorm und zeigt auch, dass das Projekt jetzt gelingen muss."

Der teure Weg

3,6 Millionen Euro Pacht

Über maximal 30 Jahre will der SC Freiburg sein neues Stadion abbezahlen. Dank des zusätzlichen Eigenkapitals von Rothaus hat sich der Fremdkapitalanteil der OTG stark verringert (27 Millionen Euro statt 39 Mil- lionen Euro). Dies wiederum hat Auswirkungen auf die jährliche Pacht des Sport- Clubs, die der Verein als Betreiber des Stadions an die OTG bezahlen würde und mit denen auch die Verbindlichkeiten getilgt werden würden: Laut Freiburgs Finanzbürgermeister Otto Neideck zahlt der Sport-Club in der Bundesliga damit nicht mehr jährlich 3,8 Millionen Euro an Pacht, wie ursprünglich kalkuliert, sondern nur 3,6 Millionen Euro. In der 2. Bundesliga lägen die jährlichen Pachtkosten bei 2,3 Millionen Euro.

Der teure Weg

Die Finanzierung der neuen Freiburger Arena steht also. Bemerkenswert ist dabei, dass der SC dafür keine künftigen Einnahmen vorzeitig liquidieren muss. Dass das unüblich ist, zeigt unter anderem das Beispiel in Stuttgart. Hier floss vor einigen Jahren eine Einmalzahlung der Daimler AG in Höhe von 20 Millionen Euro für das Naming-Right der Mercedes-Benz Arena direkt in die Stadionbesitzgesellschaft.

SC-Vorstand Leki erklärt: "Wir sind wie bei unseren letzten Baumaßnahmen am Schwarzwaldstadion und an unserem Nachwuchsleistungszentrum den teuren Weg gegangen. Wir haben gespart und Steuern in Millionenhöhe bezahlt, um keine Belastungen aus der Zukunft zu haben." Er rechnet vor: "Um ein Eigenkapital in Höhe von 15 Millionen Euro einzubringen, benötigen wir 25 Millionen Euro vor Steuern."

Für Außenstehende ist dieser Weg nur schwer zu verstehen. Schließlich hätte der Sport-Club seine Einnahmen auch in den Profikader investieren können, um die sportliche Wettbewerbsfähigkeit des Vereins zu erhöhen.

Warum also der Sparzwang? Reine Vorsichtsmaßnahme. Vereinspräsident Keller sagt: "Bei uns springt nämlich keiner ein, wenn wir in eine wirtschaftlich-finanzielle Bredouille kommen." Das sei bei Landeshauptstädten oder wirtschaftsstarken Standorten anders.

VIP-Bereich als Mensa

Ganz ohne Unterstützung der Stadt geht es aber auch im Breisgau nicht. Für die Infrastrukturkosten des Stadions in Höhe von geplanten 38 Millionen Euro kommt nämlich die Stadt Freiburg auf. Wobei es SC-Präsident Keller wichtig zu betonen ist, dass diese Summe nicht nur für das neue SC-Stadion genutzt werden würde. Die 38 Millionen Euro beinhalten unter anderem auch Gelder für Erschließungsstraßen für den Universitätsausbau, neue Parkplätze und Zufahrten, die auch von Messebesuchern und Studenten der Universität genutzt werden sollen. Dies sei Teil einer "breit angelegten Nutzungskooperation mit erheblichen Synergien". Dazu gehört auch, dass beispielsweise die Uni-Mensa in das Stadion integriert werden soll. Unter anderem sollen Tagungsräume und Logen gemeinsam genutzt werden.

Betrieben würde das Stadion, wenn es dann gegen 2019 fertiggestellt ist, durch den SC Freiburg als Pächter. Es ist aktuell jedoch noch unklar, ob dafür vom Verein eine 100-prozentige Betreibergesellschaft gegründet oder ob der SC Freiburg sein neues Stadion selbst betreiben wird. Fest steht dagegen, dass die Einnahmen aus dem Ticketing, Catering und der Werbe-, Hospitality- sowie Drittvermarktung zu 100 Prozent beim Sport-Club bleiben werden.

Wie hoch diese Einnahmen im Vergleich zu den aktuellen im Schwarzwaldstadion sein werden, können und wollen die Vereinsoberen derzeit noch nicht sagen. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt auch zweitrangig. Die volle Konzentration gilt vielmehr dem anstehenden Bürgerentscheid im Februar. Anschließend wird im Breisgauweiter konservativ geplant.

Diesen Text veröffentlichten wir mit freundlicher Genehmigung von SPONSORs , dem Fachmagazin für Sport-Business. Es erschien in der Januar-Ausgabe von SPONSORs. (Stand: 21.12.2014)

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