Samstag, 21. September 2019

Weltwirtschaftsforum in Davos Wie kaputt ist der globale Kapitalismus?

Die Weltwirtschaft steckt in einer Sackgasse. Herauskommen kann sie nur mit einem kollektiven Kraftakt. Doch der ist nicht in Sicht. Es gibt viel zu reden beim Weltwirtschaftsforum in Davos diese Woche.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Wovor fürchten sich Topmanager am meisten? Vor zehn Jahren war die Antwort klar: Ein Rückgang der Kurse an den Kapitalmärkten erschien ihnen als größtes Risiko der Welt. Irgendwie war ihnen mulmig damals. Die Finanzkrise warf bereits ihre Schatten voraus.

Vor fünf Jahren - die Eurokrise näherte sich ihrem vorläufigen Höhepunkt, die USA taumelten zeitweise am Rande der Zahlungsunfähigkeit wegen der Budgetblockade im Kongress - galt als größter anzunehmender Unfall ein systemischer Zusammenbruch des Finanzsystems.

Und heute? Die Sorge um die Finanzmärkte, die Höhe der Aktienkurse oder die Solvenz der Banken ist weit größeren Themen gewichen. Der mögliche Einsatz von Massenvernichtungswaffen erscheint internationalen Topmanagern als größter Unsicherheitsfaktor der Gegenwart. So zeigen es Umfragen des World Economic Forum (WEF), zusammengefasst im Global Risk Report 2017, der kürzlich vorab veröffentlicht wurde.

Am Dienstag beginnt in Davos das alljährliche Treffen der Führungsfiguren der Weltwirtschaft. Das WEF ist der inoffizielle Weltwirtschaftsgipfel, bei dem Topmanager, Politiker und Fachleute zusammenkommen, um die Großwetterlage zu erörtern (und nebenher Kontakte zu knüpfen).

Regelmäßig ist das Treffen in den Alpen auch ein Gradmesser für den Zustand des globalisierten Kapitalismus. Und dieses Jahr sieht es ganz danach aus, als habe ein düsterer Pessimismus die Wirtschaftslenker erfasst.

Schon bemerkenswert: Über Jahre sorgten sich die Topleute vor allem um die Weltwirtschaft selbst. Inzwischen jedoch, so die Umfragen des WEF, fürchten sie sich vor den Folgen des Wirtschaftens. Seit 2011 stehen regelmäßig die Einkommensungleichheit und der Klimawandel ganz oben auf der Agenda. Und eben auch die wacklige geopolitische Lage - kaum verwunderlich, angesichts eines US-Präsidenten Donald Trump (der am Freitag offiziell ins Amt eingeführt wird), der Zweifel an der Rolle der USA als Schutzmacht in Europa und Asien aufkommen lässt und damit Spekulationen über ein neues Wettrüsten schürt.

Wirtschaft, Umwelt, Sicherheit und Demographie

Die Umfragen zeigen, dass die Wirtschaftselite inzwischen erkennt, dass es nicht weitergeht wie bisher. Die Weltwirtschaft steckt in einer Sackgasse. Herauskommen kann sie nur mit einem kollektiven Kraftakt. Doch der ist nicht in Sicht. Rund um den Erdball begibt sich die Politik wieder auf nationale Alleingänge, die letztlich in die Irre führen.

Wie kaputt ist der globale Kapitalismus? Vier Faktoren spielen zusammen: Wirtschaft, Umwelt, Sicherheit und Demographie.

Die Weltwirtschaft produziert nicht mehr die gewohnten Wohlstandszuwächse vergangener Jahrzehnte. Deshalb werden die Verteilungskämpfe schärfer - innerhalb von Gesellschaften, zwischen Kulturen und Religionen, zwischen Staaten. Weltweit gesehen steigen die Schulden von Unternehmen, Bürgern und Staaten immer noch weiter. Deutschland ist die einzige große Volkswirtschaft, die Überschüsse im Staatshaushalt ausweist, weshalb die Große Koalition nun über die Verwendung von Haushaltsüberschüssen streitet.

Global ergibt sich ein anderes Bild: Bei 140 Billionen Dollar liegen die Verbindlichkeiten inzwischen, mehr als das Doppelte des globalen Sozialprodukts, hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kalkuliert. Die Folgen der Schuldenlogik sind Finanzlabilität, zumal in den Schwellenländern (achten Sie auf die Türkei, die derzeit auf eine Währungskrise zusteuert, und auf Mexiko, wo Trumps wirtschaftspolitische Ankündigungen bereits jetzt einen Verfall des Pesos und steigende Inflation ausgelöst haben), schwaches Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit, zumal in Europa.

Notdürftig stabilisiert wird das Finanzkartenhaus bislang durch die freigiebige Politik der Notenbanken. Doch die angekündigten Zinserhöhungen in den USA haben das Zeug, Schuldner in aller Welt in die Bredouille zu bringen. Neue Hinweise darauf, inwieweit sich die Europäische Zentralbank (EZB) dem Trend zu Zinserhöhungen entgegenzustellen vermag, wird EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag nach der EZB-Ratssitzung geben. Eigentlich bräuchte es einen koordinierten Plan zum weltweiten Schuldenabbau. Aber davon ist nichts zu sehen.

Weltklima ändert sich spürbar

Zu dem Problemszenario, das in Davos eine Rolle spielen wird, gehört auch die weltweite Sicherheitslage. Die Bedrohung kommt nicht nur von international agierenden Terrorgruppen wie dem "Islamische Staat". Auch die internationale Sicherheitsarchitektur gerät ins Wanken. Während der neue US-Präsident offen lässt, inwieweit er sich an bestehende Bündnisse gebunden fühlt, verschärft sich das Ringen um Macht und Einflusssphären. China und Russland weiten ihre Aktionsradien aus. Es passt ins Bild, dass Chinas Präsident Xi Jinping dieses Jahr das Weltwirtschaftsforum mit einer Rede eröffnen wird. Politische Schwergewichte aus dem Westen hingegen machen sich rar.

Das Weltklima verändert sich spürbar, ein Prozess, bei dem viele auf der Verliererseite enden werden. Wasserknappheit und Ernteausfälle bedrohen gerade jene Gebiete, die die größten Bevölkerungszuwächse aufweisen. Der Klimagipfel von Paris Ende 2015 hat beschlossen, die Nutzung von fossilen Brennstoffen langfristig zu beenden, um einen ökologischen Zusammenbruch des Planeten zu verhindern. Das wäre möglich, aber nur, wenn die Menschheit bisher unbekannte Effizienzsprünge vollführt. Um das Sieben- bis Achtfache müsste die Klimaintensität des Wirtschaftens in den kommenden 35 Jahren zurückgehen, kalkuliert der britische Ökonom Nicholas Stern. Wie dieses große Ziel erreicht werden kann, ist unklar. Nationale Regierungen und Parlamente sind hoffnungslos überfordert, wenn sie sich um globale Emissionsziele kümmern sollen.

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung