Mittwoch, 16. Oktober 2019

We Share VWs zweiter Carsharing-Anlauf setzt auf Masse - und auf den E-Golf

Volkswagens Carsharing-Angebot "We Share": "Wir können das"

Den Aufbruch ins Carsharing-Zeitalter beginnt Christian Senger mit einem Lob. "Enorm stolz" sei er auf sein Team, erklärt der Digitalvorstand der Marke VW in der Berliner Repräsentanz des VW-Konzerns. Nur ein Jahr habe es gebraucht, um VWs neues Carsharing-Angebot "We Share" zu entwickeln. "Wir sehen, wir können das", sagt Senger selbstbewusst zum Start - und erklärt dann erstmal die Eckpunkte des neuen Angebots.

Ab heute stehen den Berlinern 1500 VW-Fahrzeuge zum Kurzzeit-Mieten via App zur Verfügung - in einem 150 Quadratkilometer großen Gebiet. Das besondere an dem "We Share" genannten Dienst: Die Fahrzeuge, vorerst allesamt E-Golfs, fahren ausschließlich mit Batterieantrieb und werden mit Ökostrom geladen. Es ist VWs zweiter und diesmal richtig ernsthafter Versuch, ins Carsharing-Geschäft einzusteigen. Ein Pilotprojekt in Hannover namens Quicar hatten die Wolfsburger mangels Erfolg Anfang 2016 eingestampft.

Preiskampf mit der Konkurrenz

Um schnell auf höhere Kundenzahlen zu kommen, macht die Volkswagen-Kernmarke den "We Share"-Nutzern zu Beginn ein verlockendes Angebot: Gerade mal 19 Cent pro Fahrminute werden bis Ende August berechnet - um gute 10 Cent weniger als bei den meisten anderen Anbietern mit vergleichbaren Fahrzeugen in der Hauptstadt. Nach der Einführungsphase sollen die Preise dann bei rund 29 Cent pro Minute liegen, können allerdings je nach Nachfrage schwanken. Zu einer dynamischen Bepreisung je nach verwendetem Endgerät und Ort, wie es etwa Sixt macht, geht VW jedoch auf Abstand.

"Das wollen wir nicht", heißt es klar. Registrierungsgebühren fallen in den ersten zwei Monaten ebenfalls weg, und der Anmeldeprozess für den Dienst soll besonders einfach und schnell laufen, verspricht Senger.

Allerdings buhlen in Berlin ein Dutzend Carsharing-Anbieter mit ziemlich ähnlichen Geschäftsmodellen um Kunden - etwa die nun von Daimler und BMW zusammengelegten Dienste Car2Go und Drive Now, aber auch "Sixt Share", das vor kurzem gestartete Angebot des gleichnamigen Autovermieters.

Warum wagt sich VW also ausgerechnet in den wohl heißest umkämpften Carsharing-Markt Deutschlands? In seiner Rede spricht Senger davon, dass Berlin die "größte Dynamik" beim Carsharing habe- und laut Studien auch das größte Potenzial. Berliner sind "nachgewiesen besonders aufgeschlossen für Sharing-Modelle", schmeichelt Senger.

Den wahren Beweggrund rückt er erst später heraus: Carsharing rechnet sich für die Anbieter bisher nur in einigen Städten. Und zwar in den "hochverdichteten", also großen Metropolen, wie Senger und sein Kollege Philipp Reth, der CEO von We Share, erklären. Und VW ist offenbar zum Schluss gekommen, dass man lieber größer als kleiner in den Markt starten will: Anfang kommenden Jahres sollen zu den 1500 E-Golfs noch 500 E-Ups dazukommen, also batteriegetriebene Versionen von VWs kleinstem Fahrzeug. Danach will VW auch mehrere hundert ID3-Elektrofahrzeuge in die "We Share"-Flotte bringen - also jenes reichweitenstarke Elektroauto, das im kommenden Jahr in den Handel kommt und auf dem die großen Elektromobilitätspläne des VW-Konzerns fußen.

Insgesamt will VW also in den kommenden Monaten über 2000 Fahrzeuge in seiner We Share-Flotte haben - und damit auf Augenhöhe liegen mit den rund 2400 Berliner Fahrzeugen von ShareNow, dem aus den Diensten DriveNow und Car2Go entstandenen Jointventure von Daimler und BMW.

Und in diesem Stil und dieser Geschwindigkeit soll VWs Carsharing-Dienst weitermachen. Noch im kommenden Jahr soll We Share in Prag und Hamburg verfügbar sein - in der tschechischen Hauptstadt mit einigen hundert Fahrzeugen, in der Elbmetropole "auf jeden Fall mit einer vierstelligen Anzahl". Möglicherweise, so lässt VW durchblicken, könnten sogar im kommenden Jahr noch mehr Städte dazukommen.

Eine mögliche Erweiterung in Richtung Elektroscooter-Sharing wird bereits angedacht. Angebote dazu befänden sich "derzeit in der Evaluierung", heisst es. Entschieden ist dazu aber noch nichts. Wichtig sei dabei aber die Nachhaltigkeit eines solchen Angebotes und auch ein sehr hohes Sicherheitsniveau, erklärt Senger auf Nachfrage. Das deutet darauf hin, dass für VW beim Scooter-Sharing nur wenige Anbieter als mögliche Partner in Frage kommen dürften.

Selektiv will VW auch bei der Ausweitung des We Share-Angebots vorgehen. Als weitere Partnerstädte kommen erstmal nur größere Städte in Frage. Man denke zwar darüber nach, Sharing-Angebote auch in weniger dicht besiedelte Gebiete zu bringen. Allerdings, so gibt Senger zu bedenken: "Bisher jetzt hat noch keiner ein Rezept gefunden, Free-Float-Carsharing im ländlichen Raum anzubieten."

Profitabel arbeiten soll "We Share" in zwei bis drei Jahren, lassen die Manager dann auf mehrfache Nachfrage durchblicken. Und bis 2022 wolle man auf jeden Fall auf eine sechsstellige Kundenzahl kommen. Verknüpfungen mit Partnern plant VW für seinen Carsharing-Dienst wohl ebenfalls: Ein Ladeabkommen mit den Lebensmittelhändlern Lidl und Kaufland könnte wohl auch um Kundenanreize für den Einkauf erweitert werden.

Doch erstmal muss das Service so einfach funktionieren, wie die VW-Manager es hoffen. Wer einen Scheckkarten-Führerschein hat, soll sich in wenigen Minuten für "We Share" freischalten lassen können, hieß es in Berlin. Jetzt müssen da nur noch die Server-Kapazitäten mitspielen.

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