Freitag, 24. Mai 2019

Lufthansa und Germanwings Alles auf Anfang

Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa AG, am 25.03.2015 im Foyer des Lufthansa Aviation Center (LAC) am Flughafen in Frankfurt/Main während eines Statements zu Informationen über den abgestürzten Germanwings-Flug in Frankreich.

Was immer die Ursache des Germanwings-Absturzes war - das Unglück bedeutet eine Zäsur in der Strategiedebatte der Lufthansa. Konzernchef Spohr braucht einen neuen Konsens.

Zu Wochenbeginn schien die nähere Zukunft der Lufthansa noch vorhersagbar. Die größte Fluggesellschaft Europas, da waren sich die Auguren einig, würde in den nächsten Monaten weiterhin vor allem mit Streit auffallen: Pilotenstreiks, Gerangel im Aufsichtsrat, sublime Machtkämpfe, wer die neue Billigplattform Eurowings anführen darf.

Das schreckliche Unglück am Dienstag durchbricht die Querelen - nicht nur für den Moment, sondern als Zäsur. So, wie die Lufthansa sich bisher präsentierte, kann es nicht weiter gehen.

Der Absturz hat den Nimbus der Lufthansa als ausgesprochen sichere Airline erschüttert, also den Markenkern, und das selbst dann, wenn sich herausstellen sollte, dass sie keine Mitschuld an der Katastrophe trägt. Neues Vertrauen in der Öffentlichkeit wird der Konzern nur erringen, wenn endlich der fatale Eindruck aus der Welt geschafft wird, vor lauter Streit seien die Passagiere nur eine Nebensache.

Carsten Spohr: Der Lufthansa-Chef wird nach einem neuen Konsens für seine Umbaupläne suchen müssen
Gefragt ist das Lufthansa-Management unter ihrem Chef Carsten Spohr. Er hat gewiss gute Gründe, der klassischen Lufthansa die Billigplattform Eurowings zur Seite zu stellen, in der auch Germanwings aufgehen soll. Das Fliegen ist längst zu einer Alltagsware geworden; die Kunden richten sich beim Ticketkauf meist nach dem günstigsten Preis. Die Lufthansa kann da nur mitbieten, wenn sie ähnlich schlank zu Werke geht wie die Wettbewerber.

Doch die guten Argumente sind nichts wert, wenn bei den Kunden der Verdacht aufkommt, ihnen werde etwas übergestülpt, von dem nicht einmal die Lufthanseaten selbst überzeugt sind. Spohr wird nach einem neuen Konsens für seine Pläne suchen müssen, so schwierig das auch ist. Und er wird nochmal seine Markenphilosophie überdenken müssen. Ist es für ein Markenjuwel wie die Lufthansa wirklich sinnvoll, mit Eurowings ein Zweitlabel aufzuziehen, dem das Attribut "billig" anhaftet? Klingt bei "billig" nicht auch schnell ein "minderwertig" an - eine Assoziation, die die Lufthansa jetzt weniger denn je riskieren darf?

Nicht nur Spohr, auch die Belegschaft muss umdenken

Doch auch die Belegschaftsvertreter müssen umdenken, insbesondere die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit. Sie sollte sich davor hüten, jetzt selbstgerecht zu behaupten, sie habe vor allem aus Bedenken um die Sicherheitskultur gestreikt. Im Mittelpunkt standen klar monetäre Interessen, und für die ließ man ungerührt die Passagiere stehen.

Umdenken muss schließlich auch der Aufsichtsrat. Schon länger fällt auf, dass vom Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Mayrhuber nichts zu sehen und zu hören ist, obgleich das Unternehmen eine der heikelsten Phasen ihrer Geschichte durchläuft.

Mahnung zur Einheit oder Rückenstärkung für Vorstandschef Spohr? Von Mayrhuber kam nichts. Auch in diesen schweren Stunden tritt der ranghöchste Funktionär der Lufthansa nicht in Erscheinung, während auf politischer Seite die gesamte Staatsspitze Engagement und Anteilnahme demonstriert. Nein, so kann es bei der Lufthansa nicht weitergehen.

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