Henning Zülch

Knackt RB Leipzig den Bayern-Code? Was der Meister vom Neuling lernen kann

Henning Zülch
Von Henning Zülch
Nach anfänglichen Startschwierigkeiten mischt RB Leipzig wieder in der Spitzengruppe der Bundesliga mit. Am heutigen Mittwoch kommt es zum Showdown gegen den FC Bayern. Und der ist längst nicht mehr übermächtig - nicht nur sportlich. Ein Vergleichstest.
Liefern in der laufenden Saison eine starke Leistung hin: Spieler vom Bundesligisten RB Leipzig

Liefern in der laufenden Saison eine starke Leistung hin: Spieler vom Bundesligisten RB Leipzig

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Die wirtschaftliche Situation

Henning Zülch
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Michael Bader

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von zahlreichen Beiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs Investors' Darling. Überdies beschäftigt er sich mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.

Ökonomisch geht es dem FC Bayern blendend. Diese Botschaft vermittelt zumindest der Klub selbst. Die FC Bayern München AG hat im abgelaufenen Geschäftsjahr eine finanzielle Bestmarke erreicht. Der Konzernumsatz stieg auf mehr als 640 Millionen Euro, unter dem Strich blieben gut 39 Millionen Euro Gewinn nach Steuern - 18,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Beeindruckend.

Damit liegen die Bayern international gesehen auf Augenhöhe mit den drei umsatzstärksten Vereinen in Europa: dem FC Barcelona (Umsatz: 708 Millionen Euro, Gewinn nach Steuern: 18 Millionen Euro), Real Madrid (Umsatz: 675 Millionen, Gewinn 21 Millionen Euro) und Manchester United (Umsatz: 659 Millionen, 50 Millionen). Die Dortmunder, zurzeit der einzig vergleichbare nationale Konkurrent, kommen gerade mal auf einen Umsatz von 406 Millionen und einen Gewinn nach Steuern von rund 8 Millionen Euro.

RB Leipzig hält sich in Sachen Finanzen extrem bedeckt. Bekannt sind einzig die Zahlen aus der zweiten Liga. Hier erwirtschaftete RB in der Spielzeit 2015/2016 bereits einen Umsatz von knapp 82 Millionen Euro. Es ist zu vermuten, dass sich dieser Wert in der ersten Liga mindestens verdoppelt hat. Natürlich ist der Vergleich mit dem FC Bayern in gewisser Weise noch immer der von Äpfeln mit Birnen, festgehalten werden kann aber Folgendes: Die Bayern sind das umsatzstärkste Team der Liga mit einer starken Marke und einer starken internationalen Wahrnehmung. RB liegt in diesem Vergleich noch weit zurück. Die anhaltenden sportlichen Erfolge lassen indes vermuten, dass Leipzig langsam aber sicher aufholen wird.

Die sportliche Aufholjagd

In einer von der HHL Leipzig Graduate School of Management durchgeführten Studie, welche die kritischen Erfolgsfaktoren eines Fußballklubs identifiziert und für die Teams der ersten Liga bewertet, fiel auf, dass RB Leipzig im sportlichen Bereich bereits jetzt sehr gut aufgestellt ist. Dies überrascht zwar nicht grundsätzlich, die Details der Analyse sind jedoch interessant. Gerade im Bereich "Spieler/Trainer-Charakteristika" sind die Leipziger für einen Aufsteiger außerordentlich stark. Hier zählen unter anderem die Leistungen und das Durchschnittsalter der Spieler, die Beiträge neuverpflichteter Spieler zum Teamerfolg und die Vertragslaufzeiten.

Sportliches Verbesserungspotenzial besteht noch im Bereich "Spielerentwicklung". Bei weiteren Haupttreibern des Gesamterfolges von Profiklubs, wie Finanzkraft, Fanwohlmaximierung sowie Führung und Transparenz, hat RB Leipzig im Vergleich zu den etablierten und gewachsenen Profivereinen der ersten Liga zum Teil noch immensen Aufholbedarf. Dies ist nichts Außergewöhnliches für einen Aufsteiger. Aber auch hier wird sich der Klub an die Usancen der Topteams der ersten Liga zügig anpassen. Dies höchstwahrscheinlich erneut in Rekordzeit.

Schafft es RB, die sportliche Leistung zu verstetigen, und greift eine durch den Hauptsponsor Red Bull eingeleitete Internationalisierungsstrategie, wird Leipzig in zwei Jahren realistisch um nationale Titel mitspielen. Zudem sind erste internationale Erfolgserlebnisse sehr wahrscheinlich. Voraussetzung ist aber, dass die Vereinsmanager ihre Führungsqualitäten unter Beweis stellen und sowohl nach innen als auch nach außen souverän, besonnen und strategiegetrieben agieren. Die Aufholjagd ist auch oder gerade eine Führungsfrage.

Leipzig als Vorbild für die Bayern

Momentan gilt RB noch als der Lehrling, während der FC Bayern als Branchenprimus vermeintlich alles richtig macht. Ansonsten wäre die Vormachtstellung der Münchner im deutschen Fußball nicht zu erklären. Indes haben sich der Markt und sein Umfeld dramatisch geändert. Künftig wird es darauf ankommen, Antworten auf aktuelle Fragen zu finden: Wie will man mit den steigenden Ablösesummen umgehen? Lassen sich Alternativen zur 50+1-Regelung finden, die die Mehrheitsübernahme eines Investors bei deutschen Profiklubs behindert?

Neue Wege müssen beschritten und kalkulierbare Risiken eingegangen werden. Kurzum, man muss innovativ sein und sein Geschäftsmodell reflektieren und modernisieren. RB Leipzig revolutioniert den Fußball in gewisser Weise. Der Bayern-Code des permanenten Siegens und Gewinnens ist für derartige Umfeldbedingungen nicht programmiert. Die Codierung ist zu erneuern, aber dafür fehlen derzeit die innovativen Programmierer.

Das Hemmnis der Verschlossenheit

RB Leipzig wird zwangsläufig an Markenstärke gewinnen, wenn der sportliche Erfolg anhält. Die nationale wie internationale Wahrnehmung führt zum Anwachsen der Fanbasis und der Umsatzerlöse aus Merchandising, Werbeerträgen, TV-Vermarktung und Ticketing. Mit seiner Verschlossenheit allerdings - eine ureigene Charaktereigenschaft des Hauses Red Bull - tut sich RB Leipzig langfristig keinen Gefallen. Der Klub ist immer noch in vielen Bereichen sehr intransparent und zieht sich überdies gern in die Rolle des Benachteiligten zurück, agiert teilweise unsouverän oder gar beleidigt.

So wird das Bild eines benachteiligten und insgesamt unbeliebten Fußballvereins genährt, die eigentliche Errungenschaft aber verdeckt: RB ist es gelungen, aus dem Nichts sportliche Exzellenz zu generieren - mit Mut, Strategie, Verstand und natürlich auch Geld. Das macht den Leipzigern so schnell keiner nach. Konzentriert sich der Klub auf diese Botschaft in einer unarroganten Art und Weise, werden basierend auf den künftigen sportlichen Erfolgen die Sympathiewerte weiter steigen. So kann aus dem Rückstand ein Vorsprung werden.

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der renommierten HHL Leipzig Graduate School of Management und ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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