Freitag, 20. September 2019

Gefahr für Visionäre und Spontan-Rhetoriker Warum CEO-Interviews künftig noch weicher gespült werden

Potentiell interessant, aber irgendwie doch alles gleich. Sieht so die Zukunft des CEO-Interviews aus?

Wie authentisch und lebensnah können sich Vorstandschefs in der Öffentlichkeit äußern? Schon jetzt unterliegen deren Aussagen stark der Regie ihrer PR-Berater und Juristen. Das wird noch zunehmen, argumentiert Top-Anwalt Christoph H. Seibt.

CEO- und CFO-Interviews gehören zu einer aktiven Stakeholder Relations-Politik, kündigen Aufgabenschwerpunkte der Geschäftsleitung für die nächsten 12 bis 24 Monate an, entwickeln strategische Pläne und benennen mögliche Investitions- sowie Deinvestitionsbereiche. Eine solche vorausschauende Kommunikation ist eine wichtige Grundlage für Investorenvertrauen und gute Netzwerkbeziehungen zur Belegschaft, zu wesentlichen Lieferanten und zur relevanten Öffentlichkeit. Somit dienen Management-Interviews der Unternehmensreputation und der Wertsteigerung. Und zwar je authentischer und klarer die Botschaften, desto besser für dessen Marktwert des Unternehmens.

Christoph H. Seibt
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    Christoph H. Seibt ist Partner für Gesellschaftsrecht und M&A der Kanzlei Freshfields, Honorarprofessor an der Bucerius Law School und gilt als einer der innovativsten Wirtschaftsanwälte Deutschlands.

Aber Vorsicht. Wertpapieraufsicht und Kartellbehörden sind dabei, CEO und CFO-Interviews stärker in den Blick zu nehmen und scharf zu sanktionieren, sofern sie Fehlverhalten erkennen.

So hat die Europäische Wertpapieraufsichtsbehörde (ESMA) bei einem Hearing in Paris vor Kurzem in etwa folgenden Beispielsfall gebildet und die Rechtsfolgen aus deren Sicht geschildert:

In dem Medieninterview erläutert der CEO eines Börsenunternehmens, dass für das vorausliegende Geschäftsjahr die Integration eines gerade erworbenen Wettbewerbers im Vordergrund stehe; weitere bedeutende Akquisitionen seien daher nicht geplant. Einige Monate nach diesem Interview wird der CEO von einem Wettbewerber unter Geltung einer Vertraulichkeitsvereinbarung angesprochen, ob jener nicht sein bedeutsames Asien-Regionalgeschäft übernehmen wolle. Die Vorstände beider Seiten verabreden, eine Due-Diligence-Prüfung beim Zielgeschäft sowie die Aufnahme wirtschaftlicher Verhandlungen zu starten.

Die rechtlichen Eckdaten sind klar: Es handelt sich um eine Insiderinformation, die per Ad-hoc-Mitteilung unverzüglich zu veröffentlichen ist, sobald der Prozess verabredet ist. Allerdings erlaubt das Kapitalmarktrecht, dass sich das Börsenunternehmen von dieser Veröffentlichungspflicht zeitweise befreien kann, wenn, erstens, die Veröffentlichung seine berechtigten Interessen beeinträchtigen würde, zweitens, die Geheimhaltung sichergestellt ist und, drittens, die Öffentlichkeit nicht irregeführt wird.

Bei dieser dritten Voraussetzung setzt nun die ESMA an: Eine Irreführung der Öffentlichkeit sei dann zu befürchten, wenn die Insiderinformation - hier also die Verabredung für den Start des Erwerbsprozesses - "aktuellen Markterwartungen widerspricht, die auf vom Emittenten gesetzte Signale zurückgehen". Und diese Signale müssten nicht nur auf vorangegangenen Ad-hoc-Mitteilungen oder Pressemitteilungen beruhen, sondern könnten auch durch Management-Interviews ausgelöst werden. Die Folge im konkreten Fall: Das Börsenunternehmen darf sich nicht von der Publizitätspflicht zeitweilig (nämlich bis zum Signing) befreien, sondern muss bereits den Prozessbeginn veröffentlichen. Damit wird der Deal häufig gestorben sein, bevor der Prozess gestartet ist.

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