VW-Kurssturz im Vergleich So hat die Börse auf andere Konzernskandale reagiert

Foto: manager magazin online; statista
Diesel ist Volkswagen: Zwischen 2010 und 2013 trugen über 90 Prozent aller in den USA neu zugelassenen Diesel-Fahrzeuge das VW-Logo

Diesel ist Volkswagen: Zwischen 2010 und 2013 trugen über 90 Prozent aller in den USA neu zugelassenen Diesel-Fahrzeuge das VW-Logo

Foto: Friso Gentsch/ picture alliance / dpa

Clean Diesel? Von wegen. Der Skandal um manipulierte Abgaswerte erschüttert den Volkswagen-Konzern. Wie stark der Vertrauensverlust an der Börse ist, zeigt die Grafik von Statista . Um bis zu 40,9 Prozent rutschte der Kurs der Volkswagen-Aktie  ab. Der Konzern hat zwar noch wildere Kapriolen erlebt, in direktem Zusammenhang mit einem Firmenskandal ist so eine heftige Reaktion aber außergewöhnlich.

Eine Ausnahme ist auch der Kursrutsch um 18,6 Prozent allein am Montag, nachdem der Skandal bekannt wurde. Einen solchen Schock am ersten Tag haben die Aktionäre in keinem der von uns untersuchten vergleichbaren Skandale gezeigt. Nie ging es am ersten Tag um mehr als 10 Prozent nach unten - auch wenn die langfristigen Folgen durchaus dramatisch waren.

In Deutschland gab es allerdings bereits einen krasseren Fall: Im August 2002 verlor die Aktie des Finanzdienstleisters MLP , die wegen der geringen weltweiten Bedeutung des Unternehmens in unserer Grafik nicht enthalten ist, an einem einzigen Tag die Hälfte ihre Wertes. Grund war ein Bilanzskandal um MLP.

Toyota: Heute wieder Weltspitze

Vor dem US-Kongress: Toyota-Chef Akio Toyoda (Mitte) und sein US-Statthalter Yoshimi Inaba

Vor dem US-Kongress: Toyota-Chef Akio Toyoda (Mitte) und sein US-Statthalter Yoshimi Inaba

Foto: JASON REED/ REUTERS

Die Krise um massenhafte Rückrufe wegen klemmender Gaspedale 2010 und 2011 kostete Toyota  zeitweise die Stellung als weltgrößter Autoverkäufer - die Position, die Volkswagen gerade übernehmen wollte. Konzernchef Akio Toyoda musste vor seinen Aktionären und vor der US-Öffentlichkeit tiefe Kotaus machen.

Zeitweise sah es in der Vielzahl von Gutachten so aus, als seien dumme US-Kunden wegen Fahrfehlern (falsch platzierte Fußmatten) Schuld an den Problemen und den davon verursachten tödlichen Unfällen. Doch Toyota konnte die Zweifel nicht ausräumen, dass Softwarefehler zur Fernsteuerung der Gaspedale führten. Millionen Autos mussten zurückgerufen werden, die Nachfrage brach zeitweise ein.

Inzwischen ist Toyota wieder - wenn VW nicht doch noch vorbeizieht - Weltspitze und pflegt ein gutes Image. Das Kursminus von bis zu 22 Prozent war nach einem guten Jahr wieder ausgeglichen.

General Motors: Nur ein blaues Auge - trotz 124 Toten

Nichts als die Wahrheit: GM-Chefin Mary Barra muss wie ihr japanischer Kollege Toyoda auf dem Capitol Hill aussagen

Nichts als die Wahrheit: GM-Chefin Mary Barra muss wie ihr japanischer Kollege Toyoda auf dem Capitol Hill aussagen

Foto: DPA

"General Motors kauft sich frei" - erst vor gut einer Woche vermeldeten Medien weltweit das vorläufige Ende von GMs Zündschlossskandal. Im Februar 2014 hatte GM mit dem Rückruf von 2,6 Millionen Fahrzeugen begonnen, bei denen der Zündschlüssel während der Fahrt unbeabsichtigt in die Aus-Position hätte springen können. 124 Todesfälle und 275 Verletzte werden mit dem Skandal in Verbindung gebracht. Besonders gravierend hätte die Geschichte auch deshalb ausgehen können, weil sie in Detroit schon Jahre vor dem ersten Rückruf bekannt gewesen sein soll.

Das Quiz zur Krise: Käfer, Bulli, Dieselgate - wie gut kennen Sie Volkswagen?*

Verglichen mit den aktuell im Raum stehenden möglichen US-Maßnahmen gegen VW ist General Motors bei den Zündschlössern noch relativ glimpflich davongekommen. Das zitierte "Freikaufen" umfasst eine 900 Millionen Dollar schwere Einigung mit den US-Justizbehörden; hinzu kommt ein 625 Millionen Dollar schwerer Entschädigungsfonds. Auch an der Börse gab es eher ein blaues Auge: Um maximal 11,9 Prozent ging es für GM-Papiere bergab, nach 56 Handelstagen hatten die Papiere die Verluste zudem wieder wettgemacht.

BP: "Wenigstens war Deepwater Horizon ein Unfall"

Feuerwehrschiffe versuchen, die brennende Bohrinsel zu löschen - letztlich vergeblich.

Feuerwehrschiffe versuchen, die brennende Bohrinsel zu löschen - letztlich vergeblich.

Foto: HO/ AFP

Der Vergleich liegt nahe. "Wenn erst einmal alle Strafzahlungen, Schadensersatz-Forderungen, Prozess- und Rückrufkosten zusammengerechnet sind, könnte das Diesel-Debakel für VW das sein, was Deepwater Horizon für BP war", schreibt der "Economist" in seinem aktuellen Leitartikel. Und schiebt nach: "Wenigstens war BPs Öl-Desaster ein Unfall." Ankreiden kann man BP allerdings schlechtes Krisenmanagement und mangelhafte Kommunikation.

Das Quiz zur Krise: Käfer, Bulli, Dieselgate - wie gut kennen sie Volkswagen?

Im April vor fünf Jahren war es auf der Deepwater-Horizon-Bohrinsel im Golf von Mexiko zu einer Explosion gekommen, die Plattform versank nach zwei Tagen vergeblicher Löscharbeiten schließlich im Meer. Erst im August kann die Ölquelle am Meeresboden endgültig verschlossen werden. 780 Millionen Liter Rohöl sollen ins Meer geflossen sein.

Finanziell leidet BP nach wie vor unter der Katastrophe. Knapp 44 Milliarden US-Dollar hat sie das Unternehmen laut Unternehmensbilanzen bislang gekostet. An der Börse verloren BP-Papiere während der Akutphase der Krise mehr als die Hälfte ihres Wertes. Am Tag des Unglücks selbst standen die Papiere allerdings nur minimal im Minus: Die später entstehende Ölpest sowie die Schwierigkeiten des Unternehmens, Herr der Lage zu werden, waren da noch nicht absehbar. Vollständig berappelt hat sich die Aktie seit dem Crash nicht - allerdings wohl auch wegen der niedrigen Ölpreise, unter denen die gesamte Branche ächzt.

Siemens: Auch von Pierer will nichts gewusst haben

Will wie Winterkorn nichts gewusst haben: Ex-Siemens-Boss Heinrich von Pierer

Will wie Winterkorn nichts gewusst haben: Ex-Siemens-Boss Heinrich von Pierer

Foto: Z1020 Martin Schutt/ dpa

Bewusstes Verschweigen bei GM, Softwarefehler bei Toyota - alle aufgeführten Wirtschaftskandale zeigen einzelne Parallelen zum aktuellen Diesel-Debakel bei VW. Im Falle der Siemens-Affäre ist es wohl das Verhalten des damaligen Aufsichtsratschefs Heinrich von Pierer: Siemens soll während seiner Amtszeiten als Vorstandsvorsitzender sowie Aufsichtsrats-Chef systematisch Schmiergelder gezahlt haben. Wie Martin Winterkorn im Falle der Diesel-Betrugssoftware will von Pierer von diesen Verfehlungen allerdings nichts mitbekommen haben.

An der Börse ging der Fall für Siemens relativ glimpflich aus. Während der Affäre selbst stieg der Aktienkurs zeitweise sogar, maximal mussten die Aktionäre wegen des Skandals einen Wertverlust von etwa 5 Prozent hinnehmen.

Enron: Die zeitweise größte Pleite der US-Geschichte

Enron legte die zeitweise die größte Firmenpleite der US-Geschichte hin

Enron legte die zeitweise die größte Firmenpleite der US-Geschichte hin

Foto: REUTERS

Am Anfang sieht alles nach einer ganz normalen Pleite aus: Im Oktober 2001 veröffentlicht der Energiekonzern Enron tiefrote Quartalszahlen. Im Verlauf des November gerät die Aktie an der Börse in immer stärkere Turbulenzen, am 20. November fällt sie um 23 Prozent. Nachdem Ende November der geplante Kauf durch einen Wettbewerber floppt, fällt das im Sommer 2000 noch über 100 Dollar teure Papier unter die 1-Dollar-Marke.

Das Quiz zur Krise: Käfer, Bulli, Dieselgate - wie gut kennen Sie Volkswagen?

Während der nun folgenden Ermittlungen von SEC und US-Justizministerium werden riesige Bilanzfälschungen aufgerollt. Enron versteckte Schulden und Verluste in einem großen Geflecht von Partnerfirmen, in der eigenen Bilanz standen nur die Einnahmen. Auch hier bestritten die Ex-Chefs Kenneth Lay und Jeffrey Skilling bis zuletzt, von den Manipulationen gewusst zu haben. Retten konnten sie das Unternehmen allerdings nicht - und auch sich selbst nicht. Drei Jahre nach der Pleite wurden beide schuldig gesprochen; Skilling sitzt noch mindestebis 2017 in Haft. Lay ist zwischenzeitlich verstorben.


Alle relevanten News des Tages gratis auf Ihr Smartphone. Sichern Sie sich jetzt die neue kostenlose App von manager-magazin.de. Für Apple-Geräte hier  und für Android-Geräte hier . Viel Vergnügen bei der Lektüre!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.