Hauptversammlung bei Volkswagen VW muss noch 6 Millionen Diesel-Fahrzeuge umrüsten

Der Vergleich in den USA steht, die Gewinne sprudeln wieder bei Volkswagen - Europas größter Autobauer ist dennoch weit davon entfernt, "Diesel-Gate" hinter sich zu lassen. Denn der Betrug bei Abgaswerten von Millionen Autos bleibt Thema bei der VW-Hauptversammlung an diesem Mittwoch.
Volkswagen: Die VW-Aktionäre treffen sich heute in Hannover zur Hauptversammlung

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Mehr als eineinhalb Jahre nach Auffliegen der Diesel-Manipulationen bei Volkswagen hat der Konzern weltweit erst knapp die Hälfte der betroffenen Motoren umgerüstet. Insgesamt seien es bislang 4,7 Millionen Fahrzeuge, sagte Konzernchef Matthias Müller am Mittwoch in Hannover auf der Hauptversammlung. In Deutschland seien es 1,7 Millionen Autos. Im Abgasskandal geht es um weltweit rund 11 Millionen betroffene Fahrzeuge der VW-Gruppe. In Deutschland gibt es 2,6 Millionen Autofahrer mit einem manipulierten Diesel des Konzerns. Volkswagen hat für die Kosten des Dieselskandals insgesamt bereits 22,6 Milliarden Euro verbucht.

Inzwischen hat Europas größter Autobauer allerdings deutlich Fahrt aufgenommen: Im ersten Quartal verdiente der Konzern vor allem dank starker Geschäfte in Westeuropa deutlich mehr, unter dem Strich blieben 3,4 Milliarden Euro Gewinn in der Kasse - ein Plus von fast 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Umsatz stieg im ersten Quartal um 10,3 Prozent auf 56,2 Milliarden Euro.

Müller verspricht Aktionären mittelfristig höhere Dividende

Mittelfristig will der Konzern wieder mehr Dividende zahlen. Volkswagen stehe finanziell solide da und werde auch dieses Jahr wieder 60 neue Modelle auf den Markt bringen, sagte Müller. "Auch deshalb sind wir trotz aller Herausforderungen zuversichtlich, dass 2017 besser wird als 2016", sagte er. Im vergangenen Jahr war Volkswagen  wieder in die Gewinnzone zurückgekehrt - trotz milliardenschwerer Kosten für die Bewältigung des Dieselskandals vor allem in den USA.

Ausschüttungsquote von 30 Prozent angepeilt

Die vorgeschlagene Dividende von 2 Euro je Stamm- und 2,06 Euro je Vorzugsaktie berücksichtige die finanzielle Situation des Konzerns, so Müller. Damit schütte der Konzern 19,7 Prozent des Nettogewinns aus. Dieses Jahr rechnen er und Finanzchef Frank Witter weiter mit Zahlungen in zweistelliger Milliardenhöhe für die Diesel-Affäre. "Wir verstehen das daher als Zwischenschritt auf dem Weg zu einer Ausschüttungsquote von 30 Prozent. Das ist unser Ziel."

Abgasskandal wird VW noch lange beschäftigen

Auf der diesjährigen Hauptversammlung scheinen die aggressive Stimmung und die Verbitterung, die das Aktionärstreffen von Volkswagen vor einem Jahr geprägt hatten, überwunden. Damals hatten Aktionäre Vorstand und Aufsichtsrat teils mit heftigen Worten angeschrien, von krimineller Energie und Vollkasko-Mentalität war die Rede. Klar ist aber auch: Es bleiben noch "einige dunkle Wolken am Horizont", mahnt Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Auf der Haben-Seite dürfte stehen: Die Geschäfte laufen, auch wenn der Diesel-Anteil an den verkauften Autos in Deutschland seit einiger Zeit sinkt. Der "Zukunftspakt" für die Marke VW sieht zwar den Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen vor, gleichzeitig sollen aber auch neue Stellen entstehen. Und: wichtige Zukunftsthemen wie Elektromobilität, autonomes Fahren und Mobilitätsdienste wie Carsharing sind auf den Weg gebracht.

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Mehrere Vertreter des Aufsichtsrats betonen allerdings regelmäßig, dass die Aufklärung weitergehen muss. Die Affäre wird den Konzern denn auch nach Einschätzung von Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch noch lange beschäftigen. "Einen richtigen Schlusspunkt wird es so schnell nicht geben können", sagt er im März der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit Blick auf die internen Ermittlungen. Es werde "wohl eher noch länger dauern als bis zum Jahresende 2017".

Zumal sich die Justiz sehr für den Skandal interessiert. Die Münchener Staatsanwaltschaft durchsuchte im Zusammenhang jüngst nicht nur Standorte bei der VW-Tochter Audi , sondern auch die US-Kanzlei Jones Day. Deren Anwälte waren von Volkwagen nach dem Auffliegen der Manipulationen mit internen Ermittlungen beauftragt worden. VW reagierte empört auf die Durchsuchungen.

"Täglich kommen von VW Hunderte Euro-6-Diesel auf unsere Straßen"

Der Dachverband der Kritischen Aktionäre bemängelt indes den Umgang des Konzerns mit "Diesel-Gate": "Der Abgasskandal ist noch lange nicht ausgestanden, denn jeden Tag kommen von VW Hunderte fabrikneue Euro-6-Diesel auf unsere Straßen, die ihre gesetzlichen Stickoxidgrenzwerte nur im Labor einhalten", kritisiert Sprecher Jens Hilgenberg. "Alle Kunden haben ein Recht darauf, dass ihr Fahrzeug nicht nur im Labor die Grenzwerte einhält." Könne VW eine wirksame Nachrüstung aller Autos mit der Abgasnorm Euro 5 und Nachbesserung der Euro-6-Fahrzeuge nicht zusichern, müsse der Konzern wie in den USA die Fahrzeuge zurückkaufen.

Zahlreiche Gegenanträge und Anlegerklagen

Für den Vorstand ist der Diesel-Skandal also keineswegs beendet. Zumal auch die Gegenanträge zur Hauptversammlung eine deutliche Sprache sprechen: gefordert wird, Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung, also den üblichen Vertrauensbeweis, zu verweigern.

Dazu kommen Anlegerklagen: Im Musterverfahren von VW-Aktionären beginnt Anfang 2018 die mündliche Verhandlung. Die Anleger werfen VW vor, im September 2015 zu spät über die Abgas-Manipulationen informiert zu haben. Das Problem: Nach Bekanntwerden der Manipulationen waren VW-Aktien abgestürzt und hatten zwischenzeitlich fast die Hälfte ihres Werts verloren. Volkswagen weist die Vorwürfe zurück.

Aufsichtsrat will dem gesamten Vorstand das Vertrauen aussprechen

Analyst Frank Schwope von der Landesbank NordLB geht zwar davon aus, dass die wesentlichen Kosten des Skandals nach dem Vergleich in den USA abgehakt sind. Aber: Außerhalb der Vereinigten Staaten seien die Kosten, die VW belasten könnten, noch nicht ganz klar. Dennoch erwartet er, dass die Aktionäre die Sanierungsbemühungen anerkennen. Auch im Umfeld des Unternehmens hofft man, dass die Anteilseigner den Blick stärker auf das operative Geschäft richten.

Der Aufsichtsrat schlägt nun vor, dem gesamten Vorstand das Vertrauen auszusprechen. Allerdings stellt Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bereits im März klar, dass sich die empfohlene Entlastung ausschließlich auf 2016 bezieht. Um 2015, als die Abgasaffäre bekannt wurde, geht es nicht. Der VW-Großaktionär Niedersachsen hatte auf der vergangenen Hauptversammlung dem im Skandal zurückgetretenen Ex-Konzernchef Martin Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess den Vertrauensbeweis verweigert.

Eine Reizfigur ist für manche Aktionäre auch Aufsichtsratschef Pötsch, einst mächtigster Vorstand neben Winterkorn. Eine Reihe von Beteiligten scheint die Personalentscheidung aber inzwischen akzeptiert zu haben. Ein Grund: Nach einer Reform der Vergütung für die Vorstände wurde auch die Aufsichtsratsvergütung bei VW komplett umgebaut - auch als Reaktion auf öffentliche Kritik an hohen Boni.

la/mg/dpa/dpa-afx
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