Samstag, 20. Juli 2019

Sind unsere Führungskräfte zukunftsfähig? Welchen Managern Investoren vertrauen - und welchen nicht

Bayer-Chef Werner Baumann: Zukunftsfähig oder Wertvernichter?

Dieselskandal, Bankenbeben, toxische Übernahmen: Der Ruf der Topmanager in Deutschland hat gelitten. Umso überraschender das Ergebnis einer weltweiten Studie des Beratungsunternehmens Korn Ferry: In keinem Land der Welt ist das Vertrauen der Investoren ins Management größer als in Deutschland.

Geächtet, düpiert und angezählt: Zahlreiche Ex-Manager von Volkswagen, Audi und Porsche müssen in Folge des Dieselskandals weiterhin eine Strafverfolgung vor Gericht fürchten. Die einst stolzen Geldinstitute Deutsche Bank und Commerzbank sind nach jahrelangem Missmanagement nur noch ein Schatten ihrer selbst und Kandidaten für eine Notfusion. Und auch der Chemieriese Bayer hat nach einer fatalen Übernahme in den USA seinen Börsenwert beinahe halbiert, die Fehleinschätzungen der Bayer-Führung kosteten die Anleger Milliarden. Deutsche Manager, ein Club der Wertvernichter?

Angesichts der jüngsten Fälle von deutschem Missmanagement ist das Ergebnis der weltweiten Investorenbefragung, die das Beratungshaus Korn Ferry Ende 2018 durchgeführt hat und deren Ergebnisse manager-magazin.de vorab exklusiv präsentiert, eine umso größere Überraschung: Deutsche Führungskräfte profitieren offenbar immer noch von einem Urvertrauen, dass Ihnen von Seiten der Investoren entgegengebracht wird. Deutsche Manager gelten unter Investoren immer noch als geeigneter, die Herausforderungen der Zukunft zu lösen, als ihre Kollegen in Asien oder USA.

Auf die Frage, ob sie deutsche Top-Managerinnen und Top-Manager für "zukunftsfähig" halten, antworteten mehr als die Hälfte der befragten Investoren in Deutschland (52 Prozent) mit Ja. Mit diesem Wert lassen deutsche Führungskräfte die Konkurrenz in anderen Ländern deutlich hinter sich: In den USA halten nur 30 Prozent der befragten Investoren das dortige Management für zukunftsfähig. In China schenken gar nur 18 Prozent der befragten Investoren dem dortigen Management ihr Vertrauen.

Korn Ferry hat insgesamt 795 Investoren und Analysten aus 18 Märkten weltweit befragt. Jeder befragte Investor musste ein verwaltetes Vermögen von mindestens einer Milliarde US-Dollar vorweisen. In ihrem Studienreport "The Self Disruptive Leader" stellen die Autoren jedoch auch fest, dass deutsche Führungskräfte bei den Themenbereichen Führung und Zusammenarbeit noch Nachholbedarf haben und im Vergleich zur internationalen Konkurrenz aufholen müssen.

Ausgeprägte Skepsis in China, Japan und Großbritannien

Dass 52 Prozent der befragten Investoren deutsche Topmanager für zukunftsfähig halten, ist auf den ersten Blick nicht gerade ein Vertrauensbeweis. Bedeutet diese Quote doch auch, dass fast jeder zweite Investor an den Fähigkeiten des Top-Personals zweifelt. Doch die Quote von 52 Prozent erscheint in einem umso besseren Licht, je weiter man weltweit vergleicht: In anderen Ländern ist die Skepsis von Investoren gegenüber dem Management, dem sie ihre Investitionen anvertrauen, deutlich ausgeprägter.

Besonders groß ist die Skepsis in China. Nur 18 Prozent der Investoren in China denken, dass die dort heute tätigen Managerinnen und Manager den Herausforderungen der Zukunft adäquat begegnen können. In Japan sind dies mit 20 Prozent nur geringfügig mehr. In Großbritannien sind es 28 Prozent und in den USA 30 Prozent. Nur knapp ein Drittel der Investoren in den USA, obwohl durch deutliche Wertsteigerungen in den vergangenen Jahren verwöhnt, hält das Topmanagement von US-Konzernen also für zukunftsfähig.

Nur in Deutschland steht die Mehrheit der Investoren hinter dem Management

Ein vergleichsweise hohes Vertrauen in ihre Manager haben Investoren in Singapur (49 Prozent), Hong Kong (46 Prozent) und den Niederlanden (42 Prozent). Aber nur in Deutschland steht mit 52 Prozent die Mehrheit der Investoren hinter dem heutigen Management.

Was sind die Gründe für diesen Vertrauensbeweis? Offenbar gelten deutsche Manager, ebenso wie viele Produkte "Made in Germany", als grundsolide. "Wer in Deutschland investiert, weiß um eine exzellente Ausbildung und hohe Nachhaltigkeit des Managements", sagt Holger Winzer, Leiter der Beratungseinheit für die Entwicklung von Top-Führungskräften bei Korn Ferry. "Im weltweiten Vergleich genießen deutsche Managerinnen und Manager exzellentes Ansehen, was Loyalität und Veränderungsfähigkeit angeht." Deutschland sehe sich selbst häufig deutlich kritischer, als es von außerhalb wahrgenommen wird. Und deutsche Manager gelten nach wie vor als effektiv: "Deutsche Führungskräfte schneiden weit überdurchschnittlich in der Optimierung und Beschleunigung von Prozessen und strategischer Arbeit ab", sagt Winzer.

Dennoch: 58 Prozent der befragten Investoren gehen davon aus, dass sich auch in Deutschland die Anforderungen an Führungskräfte innerhalb der nächsten Jahre deutlich verändern werden. Und der Hälfte macht es Sorgen, dass es für künftige Top-Positionen nicht ausreichende Talente gibt (weltweit 62 Prozent).

Silo-Denken: Deutschen Manager mangelt es an Kooperationsfähigkeit

Ein weiteres Problem ist laut Korn Ferry das in Deutschland verbreitete "Silo-Denken". Deutschen Führungskräften mangele es häufig an Kooperationsfähigkeit mit Dritten. "Wenn Strukturen und Prozesse einmal geschaffen sind, dann halten sich deutsche Führungskräfte auch daran. Das führt zu den viel gescholtenen verkrusteten Strukturen und behindert Innovationsfähigkeit, für die Kollaboration mit vielen internen wie externen Partnern unbedingt notwendig ist", sagt Winzer. Vor allem die USA hätten in der Frage der Kooperationsfähigkeit sehr stark abgeschnitten. "So falsch ist es also nicht, sich genau anzuschauen, wie die Gemeinschaft zum Beispiel im Silicon Valley funktioniert - auch heute noch."

Dass die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit immer größer wird, betonen auch die befragten Investoren: 65 Prozent von ihnen haben angegeben, dass sie von Mangerinnen und Managern heute erwarten, Zusammenarbeit diverser Gruppen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Kompetenzen zu ermöglichen. "Deutsche Führungskräfte müssen lernen, konstruktiv mit Konflikten umzugehen und sie als produktiv für die Weiterentwicklung von Produkten und Unternehmen zu betrachten", sagt Winzer. Das nötige Vertrauen, um einen Konflikt auch mal einzugehen und auszuhalten, wird dem deutschen Führungspersonal von seinen Investoren ja noch entgegengebracht - so lange sich Fälle wie VW, Deutsche Bank und Bayer nicht noch häufen.

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