Pharmakonzern im freien Fall Valeants Rezept für ein Desaster

Der Absturz des Pharmakonzerns Valeant beschleunigt sich. Der neue Chef Joseph Papa muss das Gewinnziel seines umstrittenen Vorgängers Michael Pearson wieder einkassieren. Die Aktie ist im freien Fall - zum Entsetzen von Großinvestor Bill Ackmann.
Bill Ackman: Der Hedgefondsmanager und Valeant-Investor is not amused. Sein "neues Berkshire Hathaway" setzt nach einer Gewinnwarnung den Kurssturz fort - obwohl Ackman inzwischen selbst im Board sitzt

Bill Ackman: Der Hedgefondsmanager und Valeant-Investor is not amused. Sein "neues Berkshire Hathaway" setzt nach einer Gewinnwarnung den Kurssturz fort - obwohl Ackman inzwischen selbst im Board sitzt

Foto: REUTERS

Wie lautet das perfekte Rezept für ein Kursdesaster? Der kanadische Pharmakonzern Valeant zeigt, wie es geht: Man erzeuge durch permanente Übernahmen eine Wachstumsstory und treibe damit neben den eigenen Schulden auch die Erwartungen der Investoren immer weiter in die Höhe. Dann steigere man durch deftige Preiserhöhungen für Medikamente den Gewinn - und ziehe den Zorn der Öffentlichkeit auf sich. Hinzu mische man Defizite in Transparenz, vernachlässige die Investor Relations und räume Fehler in der eigenen Bilanzierung ein - nach kurzer Zeit nehmen Hedgefonds eine solche Steilvorlage auf, um auf einen Kursverfall zu wetten.

Diese gefährliche Gemengelage lasse man ein paar Monate köcheln, bis der Kurs zu fallen beginnt. Dann bestätige man trotzig seine ambitionierten Jahresziele - und wechsle kurz danach den umstrittenen Chef aus, der diese Ziele öffentlich ausgegeben hat. Schließlich lässt man noch ein paar Wochen verstreichen, um eben diese Jahresziele wieder zurückzunehmen und weitere Investoren zu verschrecken. Fertig ist das Kursdesaster.

Nach diesem Schema hat Valeant agiert - und damit den Turnaround vom Investorenliebling zum Anleger-Alptraum geschafft. Es ist erst drei Monate her, dass der im Februar vorübergehend zurückgekehrte Konzernchef Michael Pearson einen Gewinn von 8,50 bis 9,50 US-Dollar je Aktie in Aussicht gestellt hatte.

Pearson musste kurz danach gehen, Großaktionär und Hedgefondsmanager Bill Ackmann übernahm einen Sitz im Valeant-Board, und Pearsons Nachfolger Joseph Papa sollte für einen Neuanfang bei dem Krisenkonzern sorgen.

Doch eine der ersten Amtshandlungen von Papa ist nicht dazu angetan, für Ruhe zu sorgen. Am Dienstag musste der neue Chef die erst vor 5 Wochen bestätigte Gewinnprognose wieder einkassieren: Der bereinigte Gewinn je Aktie dürfte in diesem Jahr nur noch 6,60 bis 7,00 US-Dollar erreichen, teilte Papa bei der Vorlage der Quartalszahlen mit.

20 Prozent Tagesverlust, 80 Prozent Verlust seit Jahresbeginn

Damit schlägt Valeant weitere Investoren in die Flucht. Die Aktie des Pharmakonzerns brach am Dienstag im frühen Handel an der Wall Street um rund 20 Prozent ein. Seit Jahresbeginn hat das Papier rund 80 Prozent an Wert eingebüßt.

Für Enttäuschung sorgten dabei auch die Zahlen zum ersten Quartal. In zwei Kernbereichen, der Haut- und der Augenheilkunde, brachen die Umsätze im Jahresvergleich um 43 und 30 Prozent ein.

Valeants Absturz

Die Misere des Pharma-Herstellers begann bereits im Herbst 2015: Das Analyseunternehmen Citron Research, mit dessen Berichten Hedgefonds Aktien immer wieder sturmreif schießen, rückte Valeant damals in die Nähe von Enron, der Skandalfirma der 2000er Jahre, deren Geschäftsmodell sich als Betrug entpuppte und komplett implodierte. Der Bericht kostete an der Börse gut 30 Prozent Marktkapitalisierung.

Schon vor dem Citron-Bericht hatte Valeant sich allerdings von der bisherigen Unternehmensstrategie - Wachstum durch ständig neue Übernahmen und Preiserhöhungen für so erworbene Medikamente - verabschiedet und Forschung und Entwicklung zum neuen Fokus des Unternehmens erklärt. Valeant trägt aus Einkaufszeiten noch 1,7 Milliarden Dollar Schulden mit sich herum; Ex-Chef Pearson hatte angekündigt, zu ihrer Tilgung Unternehmensanteile zu verkaufen.

Damals hatte Valeant-Investor Bill Ackman, der das Unternehmen noch im Mai als "neues Berkshire-Hathaway" gepriesen hatte, eine "proaktivere Rolle" bei der Firmenführung angekündigt. Nun kann er dieses Versprechen in die Tat umsetzen: Ackman sitzt inzwischen im Valeant-Bord.

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